Sonntag, 31. Mai 2015

Selfies

"Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar!"
(Paul Klee)


Portraits im Amsterdamer "Rijksmuseum"


"Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen."
(Johann Wolfgang von Goethe)

Ich gehe leidenschaftlich gerne in Museen. Erst vor ein paar Tagen habe ich einem europäischen Museum von Weltrang einen Besuch abgestattet, um mir Bilder und Skulpturen längst vergangener Künstler anzuschauen. Und dann hatte ich eine Erkenntnis.

Der Bus fuhr morgens um sieben Uhr am Hauptbahnhof ab. Mit einer Busladung Jugendlicher fuhren wir in langen dreieinhalb Stunden für nur 35 Euro nach Amsterdam, Rückreise am Abend inbegriffen.
Der überwiegende Teil der Fahrgäste schien es dort vor allem auf Coffee-Shops und frei verfügbare Rauschmittel abgesehen zu haben, ich hingegen wollte ins Museum. Kaum hatte ich den Bus verlassen, ging ich schnurstracks zu Fuß Richtung "Rijksmuseum", reihte mich in eine Schlange von Menschen ein, die im zugigen Durchgangstunnel des Museums schon begierig darauf warteten, endlich eingelassen zu werden.

Nachdem ich 17,50 Euro Eintritt bezahlt hatte (natürlich erwischte ich die Praktikantin mit der chronischen Dyskalkulie an der Kasse und wartete geschlagene fünf Minuten, bis sie die Höhe meines Wechselgeldes errechnet hatte), durchschritt ich die weihevollen Hallen mit Werken von Rembrandt und van Gogh. Von letzterem hängt dort beispielsweise ein kleines Selbstportrait. Ein Ohr hat er sich angeblich abgeschnitten, aber zu Lebzeiten so gut wie keine Bilder verkauft - und doch ist er heute einer der wertvollsten Künstler der Welt. Direkt hinter dem Rijksmuseum befindet sich sogar ein eigenes Van-Gogh-Museum.

Rembrandt?

"Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten."
(Pablo Picasso)

Menschen, Rembrandts "Nachtwache" fotografierend (l.), bewachend (m.) und betrachtend (r.).

Plötzlich geriet ich in einen Menschenauflauf vor einem riesigen Gemälde. Es war die berühmte "Nachtwache" von Rembrandt. Zwei Sicherheitskräfte bewachten es, zahllose Menschen fotografierten es wie wild, eine einzelne Frau stand aufmerksam davor und betrachtete es mit ihren Augen statt durch ein Smartphone. Ich selbst fotografierte die Menschen und die Frau. Die Security-Frau rechts neben dem Bild fixierte mich die ganze Zeit über, anscheinend verhielt ich mich irgendwie seltsam, weil ich nicht die "Nachtwache" fotografierte, sondern die Besucher.

Ein Bild rechts neben ihr erregte eher zufällig meine Aufmerksamkeit, es ist ganz klein. Das Motiv ist das gleiche wie auf dem riesigen "Nachtwache"-Bild, es ist eine Kopie davon und wird einem Schüler Rembrandts zugeschrieben. Niemand fotografierte es, nicht einmal ich. Und doch ist darauf genau das gleiche zu sehen wie auf dem berühmten Original, das am Ende einer Halle aufgehängt ist, über der in riesigen lateinischen Lettern der Name "REMBRANDT" prangt, und man kann sogar unbehindert davor stehen und sich in Ruhe jedes Detail anschauen. Beziehungsweise man könnte.

Offenbar sind alle Menschen der Meinung, nur an einem Original klebten noch irgendwelche mikroskopisch kleinen Reste von des Meisters Hand. Ein ähnliches Gefühl überläuft einen auch im Berliner Museum für deutsche Geschichte, wenn man vor Hitlers Schreibtisch oder Globus steht. Da ist noch etwas Hitler dran! Und an einem Picasso-Bild ist noch ein wenig Picasso dran! Auch ist dies - und nur dies - der Grund, warum Menschen Millionen ausgeben, um ein bestimmtes Kunstwerk auf einer Auktion zu ersteigern. Weil es das Original ist. Mit einer Spur des berühmten Künstlers daran.


Amsterdamer Rijksmuseum. Am Ende der Halle hängt Rembrandts "Nachtwache"

In einem Raum weiter vorne findet sich ein Selbstportrait Rembrandts, das ihn als Apostel Paulus zeigen soll (wozu ich nichts Gescheites sagen kann, da ich keine Ahnung habe, wie der Apostel Paulus ausgesehen hat. Eigentlich stelle ich mir da eher so einen Mann in einer Art Toga vor, Rembrandt trägt hier aber eher so etwas wie ein Handtuch um sein Haupthaar gewickelt). Auch dieses Bild erhält viel Aufmerksamkeit von Besuchern. Rembrandt ist übrigens sein Vorname, eigentlich heißt der Herr "van Rijn". Man fragt sich, warum alle Welt von "Rembrandt" spricht und nicht von "van Rijn", das ist ja irgendwie so, als würde man statt von Picasso nur von "Pablo" reden oder statt von "van Gogh" einfach nur von "Vincent". Egal.

Eingefangene Momente

"Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen." (Goethe)

Rembrandt van Rijn, Selbstportrait als Apostel Paulus (um 1661).


Portraitbüste Johann Neudörfer der Jüngere (ca. 1580)


Selfie Reinhard Schinka (2015)


Ich fotografierte das Selbstportrait, ging einen Saal weiter, wo weitere Portraits von Menschen hingen, die längst tot sind, bewunderte die Portraitbüste eines Menschen, der im 16. Jahrhundert gelebt hatte und längst zu Humus verrottet ist, machte ein Selfie vor einem alten Meister. Und als ich die Vorschau des Selfies betrachtete, dachte ich kurz nach. Warum fotografieren wir uns selbst? Warum malen Künstler Bilder von sich selbst? Warum fotografieren Menschen Bilder, die sie im Internet in sehr viel besserer Qualität bequem von zu Hause herunterladen könnten? Warum fotografieren sich Menschen vor Bildern berühmter Künstler? Warum geben Menschen Künstlern Aufträge, sie zu malen?
Und dann hatte ich einen Gedanken.

Wir machen das, weil wir einen Moment unseres Lebens festhalten wollen, der vorübergeht.
Wir wollen den Moment eines Lebens festhalten, das auch so schnell vorübergeht.
Wir wissen, dass wir sterben werden, und wir wissen, dass wir das nicht ändern können.
Und doch wollen wir bleiben, wollen wir den Augenblick festhalten und am liebsten in Stein meißeln.

Deswegen malte Rembrandt sich selbst, deswegen fotografieren sich Menschen vor Bildern, deswegen schieße ich immer wieder mal ein Selfie. Wir wollen nicht zu Staub werden und einfach so dahingehen. Wir wollen, dass, wenn schon nicht wir selbst, wenigstens etwas von uns zurückbleibt. Und wenn schon nicht wir selbst, dann wenigstens ein schöner Moment, den wir festgehalten haben.


Wie schnell doch die Zeit vergeht... zwischen beiden Bildern liegen 40 Jahre.

Die Wahrnehmung des "Jetzt", so las ich einmal, dauere 0,3 Sekunden. Man kann die Gegenwart also eigentlich gar nicht "live" wahrnehmen, sondern hinkt immer ein wenig hinterher. Aber das ist noch nichts im Vergleich zum Leben, das ja auch so schnell an einem vorüberzieht. "Geburt und Grab, ein ewiges Meer", heißt es in Goethes "Faust" (der Titelheld lässt sich als erstes auch gleich einmal vom Teufel Mephisto um einige Jahre verjüngen).

Und in einem meiner Lieblingsfilme, "Ferris macht blau", sagt Titelheld Ferris ziemlich zu Anfang: "Das Leben geht ziemlich schnell vorbei. Wenn ihr nicht ab und zu anhaltet und euch umseht, könnte ihr's verpassen."

Vielleicht denke ja nicht nur ich des Öfteren "Eben habe ich doch noch in der Schule gesessen und Tische bemalt. Wie konnte die Zeit denn nur so schnell vorbeigehen?". Und immer, wenn mir dieser Gedanken durch den Kopf schießt und ich gleichzeitig das Gefühl habe, dass das Leben trotzdem gerade eigentlich ganz schön ist, dann weiß ich: Jetzt ist es wieder an der Zeit - für ein Selfie!

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Nachtrag: Ein sehr bewegendes Bild tauchte heute in meiner Instagram-Timeline auf: Ein todkranker Patient betrachtet ein Rembrandt-Selbstportrait - er wollte es vor seinem Ableben noch einmal sehen.

https://instagram.com/p/3tFRVINl6Y/



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Weblinks:

Frühe Selfies:
http://www.spiegel.de/einestages/historische-selfies-selbstportraets-aus-der-foto-fruehzeit-a-1037694.html

Rembrandt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Rembrandt_van_Rijn

Van Gogh:
https://de.wikipedia.org/wiki/Vincent_van_Gogh


Freitag, 15. Mai 2015

Ich habe einen Traum

"Ich habe eine Traum!", so lautet der Höhepunkt der Rede von Martin Luther King Jr. am 28. August 1963. Er galt der diskriminierenden Rassentrennung von hell- und dunkelhäutigen Menschen in den Vereinigten Staaten.
Ganze drei Monate und elf Tage lebten Dr. King Jr. und ich Ende der 60er noch gemeinsam auf diesem Planeten, dann durchschlug eine Kugel aus dem Gewehrlauf eines weißen Rassisten seine Halsschlagader. King verblutete noch auf der Veranda seines Hotels in Memphis, Tennessee.

Dr. Martin Luther King Jr. am 23. August 1963 in Washington.

Quelle: „USMC-09611“ von http://www.marines.mil/unit/mcasiwakuni/PublishingImages/2010/01/KingPhoto.jpg. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:USMC-09611.jpg#/media/File:USMC-09611.jpg

Rassismus ist erbärmlich

Dr. King wusste sich im Recht: Der alltägliche Rassismus in den USA war unerträglich - und hier und da ist er es heute noch immer.
Auch in Deutschland wird Rassismus wieder offen geäußert, überwiegend als Diskriminierung von Muslimen. Besonders erbärmlich ist solch rassistisches Gehabe vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Judenverfolgungen im Dritten Reich.

Ich erinnere mich, wie beschämt ich war, als ich 1993 im polnischen Ausland in einer Hotellobby die Bilder vom brennenden Haus einer türkischstämmigen Familie im westdeutschen Solingen sehen musste - ausländerfeindliche Rechtsextreme hatten es in Brand gesteckt. Fünf Menschen starben, 14 Familienmitglieder erlitten zum Teil lebensgefährliche Verletzungen (alle Täter sind heute wieder auf freiem Fuß). Die polnischen Hotelgäste hörten uns deutsch sprechen und schauten meine Begleitung und mich missbilligend an. So etwa müssen sich Muslime fühlen, wenn "bei uns" im Fernsehen über Attentate islamistischer Terroristen berichtet wird - und Deutsche dann strafend zu ihnen herüberblicken.

Wir und "die Anderen"

Wo immer Menschen leben, wird schnell unterschieden zwischen einem "Wir" - uns! - und einem "Ihr" - den Anderen eben. Je unterschiedlicher das Äußere der Menschen, je abgrenzender ihr Auftreten in der Öffentlichkeit ist, desto schlimmer die Ressentiments. Das gilt nicht nur gegenüber anderen Völkern oder Großgruppen. Auch Deutsche untereinander grenzen sich leidenschaftlich gerne gegeneinander ab:  Katholiken, Protestanten; hier die Wessis, dort die Ossis; wir auf Schalke, ihr Scheiß-Bayern. Köln. Düsseldorf. Alaaf und Helau. Da werden mit Kölsch und Alt selbst zwei obergärige Biere in den Stand einer Religion erhoben.

Kurz nach dem Fall der Berliner Mauer - als Ost-Berliner endlich auch in West-Berlin studieren konnten - hörte ich im Radio einmal eine Umfrage unter West-Berliner Jura-Studenten zum Thema "Wie finden Sie es, dass Ost-Berliner jetzt auch im Westen studieren können?" - gefühlte 80 Prozent waren skeptisch bis dagegen, weil man meinte, es würde der "einheimischen" Gruppe etwas weggenommen. Bei mir als einem Nordrhein-Westfalen hatte seinerzeit niemand etwas dagegen gehabt, dass ich in West-Berlin studierte. Aber es hatte eben auch niemand eine Umfrage zu dem Thema gemacht. Glück gehabt. Etwas Ähnliches würde vermutlich auch herauskommen, wenn man fragen würde: "Sind Sie damit einverstanden, dass auch Studenten aus dem Block nebenan jetzt an Ihrer Uni studieren können?" Traurig.

Ich bin in den 90ern oft von Berlin nach Nordrhein-Westfalen und zurück getrampt. Einmal nahm mich ein Kurde mit, bot mir unterwegs Spezialitäten aus seiner Heimat an und schimpfte den Rest der Fahrt über auf "die Türken", die sein Volk unterdrückten etc. Auf dem Rückweg nahm mich ein Türke mit, den ich auf das Thema "Kurden" ansprach. Die Folge war eine längere Schimpfkanonade auf die "Terroristen", ihre "Ehrenmorde" etc. Als wir Berlin erreichten, lud er mich auf einen Döner an seinem persönlichen Lieblingsdönerstand in Kreuzberg ein. Beide Männer waren die mit Abstand gastfreundlichsten und nettesten Fahrer, die ich im Rahmen meines Berlin-NRW-Trampens kennengelernt habe. Für viele Deutschen sind beide schlicht nur "Türken" oder "Südländer". Andere halt. Traurig.



Türkisches Kulturzentrum in Deutschland.


Hut ab vor Schülern mit Migrationshintergrund!

Wie weit Menschen sich von ihren Vorurteilen steuern lassen, hängt davon ab, wie offen sie gegenüber Neuem sind. Seit 2009 unterrichte ich an unserer Schule auch viele Schüler mit Migrationshintergrund, die zum Großteil aus der Türkei stammen.
Diese jungen Menschen bereichern unsere Gesellschaft. Sie sind ambitioniert und leisten oft Erstaunliches. Die meisten sind hier aufgewachsen, ihre Eltern oder Großeltern kamen als Gastarbeiter zu uns, zu Hause wird oft Türkisch gesprochen, was es den jungen Menschen erschwert, eine Schriftsprachkompetenz im Deutschen zu erwerben, mit der man in diesem Land erfolgreich Karriere machen kann, handelt es sich dabei doch um eine Schlüsselqualifikation.
Ich habe Eltern kennen gelernt, für die ihre Kinder dolmetschen mussten. Diese können auch nicht wie die Eltern des einen oder anderen Gymnasiasten oder Berufsschülers hunderte von Euro in Nachhilfestunden stecken, um schulische Defizite ihrer Kinder auszubügeln. Ich habe unglaublichen Respekt vor allen Schülerinnen und Schülern, die aus der Türkei, aus Syrien, dem Irak, aus Russland, Serbien und anderen Ländern zu uns gekommen sind und hier innerhalb kurzer Zeit ein auch nur halbwegs vernünftiges Deutsch gelernt haben! Umgekehrt würde ich selber nie Französisch und Arabisch oder Türkisch, geschweige denn Russisch oder Serbisch, in so kurzer Zeit erlernen können! Hut ab vor euch! (Leider fallen uns Lehrern solche Sätze zu selten im Unterricht ein!)

Menschen sind geprägt durch die Kultur ihres Elternhauses, ob sie wollen oder nicht. 80 Prozent der Kinder gehören der Konfession ihrer Eltern an, gleich, ob katholisch oder muslimisch. Menschen sind aber auch stets bereit, sich auf Neues einzustellen und zu lernen. Sonst würde Schule keinen Sinn machen. Man muss aber auch auf andere Menschen zugehen und ihnen die Hand reichen und ihnen zeigen, dass sie Teil eines "Wirs" sind. Gibt man ihnen das Gefühl, sie seien ja nur ein Teil "der Anderen", dann sagen sie irgendwann "wir" und meinen "wir Türken" oder "wir Muslime", und nicht "wir Berliner", "wir Deutschen" oder "wir "Europäer".

Und deswegen muss die alltägliche Diskriminierung aufhören. Bewerber mit deutschen Namen erhalten bei gleicher Qualifikation insgesamt 14 Prozent mehr positive Antworten als die Bewerber mit türkischen Namen. Tobias und Dennis bekommen oft das Praktikum, Serkan und Fatih gehen häufig leer aus. (Quelle: Spiegel online)

Es ist ein Zeichen mangelnden zwischenmenschlichen Respekts, wenn die seit ihrem siebten Lebensjahr in Deutschland aufgewachsene türkischstämmige Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan von einem Journalisten des Hessischen Rundfunks gefragt wird, wie sie denn "als Fremde" Europa erlebe und erstaunt zurückfragt: "Wieso 'Fremde'?" - und er hinterherschiebt: "Na ja, als HALBfremde, als Türkin sozusagen."

Aber Menschen sind mehr als die Summe ihrer Vorurteile.

Und deshalb habe auch ich noch immer einen Traum.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages Serkan und Fatih genau so gut an einen Praktikumsplatz gelangen wie Tobias und Dennis. Dass "ausländische Mitbürger" als "einheimische Bürger" gesehen werden und alle Bürger als Menschen wie du und ich.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auch in diesem Land und überall auf der Welt die Menschen erkennen, dass ein respektvolles und tolerantes Miteinander so viel stärker ist als ein respektloses und hasserfülltes Gegeneinander und dass Einseitigkeit und Unvernunft den Menschen wieder zum Tier machen, während Vielseitigkeit und Vernunft Kräfte sind, die Menschen zu etwas machen, das den Namen Menschheit verdient.

Ich habe einen Traum: Dass die Liebe den Hass überwinden kann und eines Tages alle Völker Freunde werden!

Dies ist meine Hoffnung, dies ist mein Glaube.

Amen!



"Ich habe einen Traum - I have a dream"

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OECD-Studie: Wo die Chancen von Migranten am schlechtesten sind

Migrantenkinder aus Euro-Krisenländern: Sprachlose Schüler

Bewerber-Diskriminierung: Tobias wirft Serkan aus dem Rennen

RESPEKT STATT INTEGRATION - RENAN DEMIRKAN

Brandanschlag von Solingen 1993

Manager Magazin: Migranten - Neues Deutschland.


Samstag, 9. Mai 2015

Die Mauer muss weg!

"Die Mauer wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, ... blablabla" (Erich Honecker)

Auch wenn ich hier so langsam das Gefühl habe, meine Memoiren zu schreiben, - eins der tollsten Erlebnisse in meinem Leben war der Fall der Berliner Mauer - den ich live miterleben durfte! Das Wichtigste verschlief ich jedoch im wahrsten Sinne des Wortes.

9. November 1989, 19:00 Uhr.

"Vorwärts immer, rückwärts nimmer!" (Erich Honecker)

9. November 1989: Pressekonferenz - Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, informiert im Internationalen Pressezentrum über Verlauf und Ergebnisse des zweiten Beratungstages des 10. Plenums des ZK der SED.
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons


Als Günter Schabowski, Mitglied des DDR-Politbüros, auf seiner legendären Pressekonferenz, hastig einen Zettel verlesend, auf die Nachfrage eines Bild-Reporters „Wann tritt das in Kraft?" konfus stammelte: "Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich." - da hörte ich dies lediglich im Radio, während ich meine damalige Wohnung im West-Berliner Bezirk Reinickendorf gerade weiß tünchte. Falls jemand denkt, nur weil man belesen und an Geschichte interessiert sei, würde man in einer solchen Situation auch das historische Ausmaß einer solchen Nachricht sofort erfassen, so liegt man zumindest bei mir damit leider komplett falsch. Alles, was ich zunächst dachte, war: "Wird dann bestimmt voll am Wochenende" - und dann strich ich meine Tapeten munter weiter, während halb Ost-Berlin sich auf den Weg in den Westen machte. Einen Fernseher besaß ich damals nicht, da ich Fernsehen schon immer als nervigen Zeitfresser angesehen hatte, der einen Menschen seiner Kreativität beraubte und ihn immer mehr verblöden ließ, und so erreichten mich auch die bewegenden bewegten Bilder von Menschen an, vor, auf und hinter der Mauer an diesem Abend überhaupt nicht. Ich ging zeitig ins Bett und schlief entspannt ein.


Noch heute muss ich weinen, wenn ich diese Bilder sehe.

10. November 1989, morgens

"Take me to the magic of the moment
On a glory night
Where the children of tomorrow dream away
In the wind of change"
(Scorpions)


Am nächsten Tag stand ich früh auf und machte mich mit dem Bus auf den Weg nach Berlin-Spandau, wo ich als Lehramtsstudent ein Orientierungspraktikum an der Martin-Buber-Gesamtschule absolvierte. Der Bus fuhr lange durch ein reines Waldgebiet, aber auf den Straßen Reinickendorfs und Spandaus war alles wie gewohnt. Nichts deutet auf den Sturm der Geschichte hin, der über die Stadt und seine Bewohner hinweggebraust war, und ich erreichte die Schule, ohne auch nur bemerkt zu haben, dass die 28-jährige deutsche Teilung über Nacht im Grunde zu Ende gegangen war.

Unüberwindbar: Mauer in Berlin-Reinickendorf vor der Wende.


Eine chinesische Weisheit sagt "Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen bauen Windmühlen." Die DDR hatte im August 1961 eine angebliche Schutzmauer, den so genannten "antifaschistischen Schutzwall", errichtet, um die Menschen ihres Staates daran zu hindern, in den Westen zu gehen, gegen die auch die schönsten Windmühlen der Welt nichts mehr bewirken konnten. Nach eine Phase der hitzigen Empörung und Aufregung und einer Beinahe-Atomkriegs-Eskalation in den 60ern sowie einer Phase der leichten Deeskalation in den 70er-Jahren hatte man sich in den 80er-Jahren im Westen mit der Mauer irgendwie abgefunden, ja, fast angefreundet, jedenfalls war das mein Eindruck. Im Sommer 1989 stand ich abends einmal ganz allein auf einer Aussichtstribüne am Brandenburger Tor und schaute mir die mit Scheinwerfern erleuchtete Trennlinie zwischen Ost und West in Ruhe an. Nach geraumer Zeit stieß ein älterer Mann zu mir, ein amerikanischer Tourist. Wir unterhielten uns. "Ist es nicht merkwürdig", fragte ich ihn, "dass ich der einzige Deutsche bin, der gerade hier rumsteht und sich fragt, wie absurd diese Mauer genau an dieser Stelle ist?" "Ja, das ist seltsam", antwortete er, "ich verstehe es eigentlich auch nicht. Vielleicht haben sich die Leute nach all der Zeit irgendwie daran gewöhnt." Ja, so war es wohl. Die Menschen hatten sich an die Mauer gewöhnt.

Ich aber nicht. Als ich die Mauer vor dem Brandenburger Tor 1985 zum ersten Mal von West- und auch Ost-Seite mit eigenen Augen sah, dachte ich "Das kann und darf nicht sein! Was für ein monströses Bauwerk, das die Menschen da drüben ihrer Freiheit beraubt!"

Ich selbst konnte natürlich jederzeit ungehindert ein- und ausreisen ins Feindesland DDR, und tat das auch. Gleich beim ersten Besuch in Ost-Berlin 1985 hatten mein Schulfreund Ralf und ich illegal West- gegen Ost-Geld getauscht und wären beinahe direkt ins Gefängnis gewandert. Wir durften das Ost-Geld dann nach einer ausgiebigen Beschimpfung durch einen Bankmitarbeiter im Kontrollpunkt Friedrichstraße bei der Staatsbank der DDR deponieren; ich reiste in den nächsten Tagen mutig nochmal ein und gab mein Geld - 50 Ost-Mark - sinnlos für irgendwelche tendenziösen Geschichtsbücher aus ("Der große vaterländische Krieg", "Erich Honecker: Reden und Aufsätze"), mein Schulfreund Ralf kam erst zwei Jahre später nach Ost-Berlin zurück - und musste sich anhören, das Geld sei nach einem Jahr zugunsten der Staatsbank der DDR leider "verfallen".

Hier war die Welt für Ossis zu Ende. Pariser Platz 1985. Im Hintergrund zu erkennen: die Mauer.

Ich traf pünktlich in Spandau ein, musste aber an der Schule feststellen, dass meine Anreise gänzlich sinnlos gewesen war. Am Eingang hing ein Zettel, auf dem zu lesen war, dass aufgrund der "besonderen historischen Ereignisse" die Schule ausfalle. Langsam dämmerte es auch mir.

Ich beschloss, zum "Kudamm" zu fahren, um mal zu schauen, wie die Lage so war. Mit der U-Bahn fuhr ich ein paar Stationen, stieg um und bewegte mich Richtung Bahnhof Zoo. Kaum fuhr die U-Bahn in den Bahnhof ein, brach die Hölle los. Staunende Menschen überall, der Kleidung nach - viel Jeans - Ost-Berliner. Ich erinnere mich noch genau an zwei Männer, die mir entgegen kamen. Einer sagte zum anderen: "Guck dir das an, diese Farben!" Ich fragte ihn: "Was ist mit den Farben?" Er antwortete: "Das ist alles so bunt, und es riecht auch total anders!" Ich stutzte. Das war mir zwar nie aufgefallen, aber ich verstand, was er empfand. Bei meiner ersten Einreise in den Osten hatte ich das auch gedacht, nur in negativ: miefiger Braunkohlegeruch, öliger Zweitaktergestank, blasse Menschen in gräulich-blauer Kleidung, unmoderne Autos, hässliche Laternen, vergammelte Altbauten, unmodernes Alles! Die DDR war ein Staat, der in jeder Hinsicht aus dem letzten Loch pfiff - technisch, modisch, wirtschaftlich.

Ich verließ den U-Bahnhof - und fand mich in riesigen Menschenmassen auf dem Breitscheidplatz wieder. Hier eine Warteschlange von Ost-Berlinern, die sich ihr "Begrüßungsgeld" in einer Bank abholen wollten (es gab für jeden DDR-Bürger 100 DM), dort herumziehende Staunende, hier West-Berliner, die mitfeierten und wildfremde Mitmenschen umarmten. 

Es war einfach schön, ein Fest der Freiheit! Das Wort des Tages: "Wahnsinn!" 

Ich genoss das noch ein Weilchen und beschloss dann, zum Brandenburger Tor zu fahren. Dort musste ebenfalls die Hölle los sein.

Brandenburger Tor, 10. November 1989, abends

"The winds of change are blowing hard in our direction, We can't go back and we can't stand still." (Mike Batt)

Ich weiß heute nicht mehr, wie ich dort hin kam, aber irgendwie habe ich es geschafft - und die Sonne schien auch noch. Ich stieß aus Richtung Siegessäule zum Brandenburger Tor vor - man konnte vor Menschen kaum einen Schritt gehen. Irgendwie gelangte ich zur Mauer, die am Brandenburger Tor ein wenig breiter war als im weiteren Verlauf rund um West-Berlin, so dass man bequem darauf herumspazieren konnte. Menschen saßen oben drauf und halfen anderen Menschen hoch. Ich ließ mich auch raufziehen und verbrachte dann den Rest des Abends bis drei Uhr nachts dort.

Unzählige Fotografen und Kamerateams turnten um einen herum, aber es war vor allem die friedliche, leicht aufgekratzte Stimmung, die mich in den Bann schlug. Niemand randalierte oder grölte rum - alle waren friedlich zu- und miteinander. Irgendwie hatte die Freiheit gesiegt, alle spürten, dies war gut, Menschen, die sich nicht im entferntesten kannten, nickten einander freundlich zu, jeder lächelte, manche wirkten regelrecht besinnlich. Ich setzte mich neben jemanden, der die Mauer von oben mit einem Hammer bearbeitete. Fast hätte ich versucht, ihn von seinem zerstörerischen Werk abzuhalten, es passte so gar nicht zur friedlichen Grundstimmung. Aber keine Frage: Diese Mauer musste weg! - und er war eben der erste, der hier auch persönlich mal Hand anlegte.

Mauer am Brandenburger Tor. Ich bin der Typ mit der sehr hellen Jeans. Quelle: Rheinische Post (Leider weiß ich nicht, wer der Fotograf war. Ich hoffe, er ist nicht böse, wenn ich es poste.)

Es wurde langsam dunkel, und da wir ja November hatten (den miesesten Monat von allen, gleich nach Januar), wurde es nun auch recht kalt. Dennoch dachte niemand daran, nach Hause zu gehen. Die Menschen vor, auf und auch hinter der Mauer wollten jede Sekunde auskosten. Ich hatte zwischenzeitlich eine Studienkollegin getroffen und wir spazierten in lockerer Gemeinsamkeit auf der Mauer herum.

Es war schon deutlich nach Mitternacht, als mir klar wurde, dass ich ja noch irgendwie nach Hause kommen musste, aber um nichts in der Welt wollte ich jetzt hier weg. So hielt ich noch drei Stunden lang aus, bevor ich wirklich am Ende meiner Kräfte war und (wie auch immer) nach Hause fuhr - ich habe keine Erinnerung mehr daran, wie ich das schaffte.

Kaum war ich weg, pusteten Wasserwerfer der DDR-Grenztruppen die letzten noch Verbliebenen von der Mauer.

Die folgenden Tage und Monate waren vollkommen irre. In Berlin konnte man quasi nicht mehr U-Bahn fahren. Es war, als würden der Papst, die Beatles und Elvis zusammen ein Konzert geben - überall waren die U-Bahnen so voll, dass man kaum mehr hinein kam; die Stadt füllte sich nach und nach auch noch mit unzähligen wissbegierigen Berlin-Besuchern aus aller Welt, was das Problem weiter verschärfte. Ich stieg regelmäßig aufs Fahrrad um. Und überall Weltpresse, Fernsehen, Reporter. Plötzlich war ein DDR-Wachturm am Reichstag weg, den ich gerade noch erklommen hatte. Irgendein Texaner hatte ihn gekauft und in die USA verfrachten lassen. Wahnsinn!

Ich war sehr froh, dass ich als Student damals Zeit im Überfluss hatte, und nutzte jede freie Minute, um zum Brandenburger Tor zurückzukehren. Ich hatte mittlerweile ein paar DDR-Grenzer auch persönlich kennen gelernt, sehr sympathische Jungs aus Sachsen, die hier ihren Wehrdienst ableisteten. Ich schenkte ihnen meine West-Tageszeitungen, sie fuhren mich mit dem Grenzer-Jeep (ein olivefarbener Trabbi) am Pariser Platz herum. Leider weiß ich nicht, was nach der Wende aus ihnen geworden ist, ich hoffe, sie haben einen erfolgreichen Weg eingeschlagen und sind im neuen wirtschaftlichen und politischen System glücklich geworden - ich hätte es ihnen jedenfalls von Herzen gegönnt. Wie sie mir sagten, gab es schon länger keinen Schießbefehl mehr für den Bereich am Brandenburger Tor - dort wusste sich die DDR zu sehr im Fokus der Weltöffentlichkeit und wollte keinen Imageverlust riskieren.


Auf der Berliner Mauer an der Bernauer Straße (heute Mauer-Gedenkstätte)

Natürlich gab es auch unsympathische Grenzer - einer nervte mich einmal am Potsdamer Platz, weil er unbedingt meine Pass sehen und abstempeln wollte, als die Mauer schon so löchrig war wie ein Schweizer Käse und alle Welt irgendwo rein- und rausspazierte aus der Deutschen Demokratischen Republik. Er meinte felsenfest, jedes "souveräne Land" hätte nun einmal Passkontrollen und konnte mit meinem Hinweis auf die EG-Staaten, wo es weder Pass- noch Ausweiskontrollen mehr gab, nichts anfangen. Später sah ich ihn mal bei der S-Bahn als Aufsicht. Die Mauer, die er einst bewachte, gibt es nun nicht mehr. Ich weine ihr keine Träne nach.

"Let them come to Berlin!" (John F. Kennedy)

Nirgendwo auf der Welt sollten Menschen durch Mauern voneinander getrennt sein. Und doch sind oft nicht die Mauern aus Beton das Problem - es sind die Mauern in den Köpfen der Menschen. Wenn man sogar ein Volk 28 Jahre lang so entzweien konnte, das sich doch zuvor so gemeinschaftlich als eins verstanden hatte - und jetzt zum Glück auch wieder versteht - was mag denn an anderen Orten der Welt helfen, Meschen wieder zueinander zu bringen, die einmal eins waren - statt sie zu trennen in Ost und West, in Nord und Süd, in Israeli und Palästinenser? John F. Kennedy sagte 1963 vor dem West-Berliner Rathaus Schöneberg: "Die Mauer schlägt nicht nur der Geschichte ins Gesicht, sie schlägt der Menschlichkeit ins Gesicht". Und genau so ist es.

Die Geschichte geht nie zu Ende - und leider siegt nicht immer nur das Gute. Doch hier in Berlin, hier hatte es einmal gesiegt! Es war wunderschön - und ich war live dabei.

Noch heute steht ein Stück Berliner Mauer auf meinem Schreibtisch - ich habe es selbst mit einem Hammer aus diesem Monster der Geschichte herausgetrümmert. Und immer, wenn ich es anschaue, denke ich an jenen Abend zurück - und höre im Geiste Menschen Schillers "Ode an die Freude" singen: "Alle Menschen werden Brüder, - wo ein sanfter Friede weilt!"

Samstag, 2. Mai 2015

Promis

Jeder Mensch begegnet in seinem Leben mal dem einen oder anderen Prominenten. Manchmal laufen sie nur an einem vorbei, manchmal geben sie uns Normalsterblichen sogar die Hand oder sprechen gar mit einem.  Hier eine Liste ausgewählter Promis, die mir schon über den Weg gelaufen sind:

Dankesschreiben der First Lady

Bill und Hillary Clinton

"Amerika steht an Ihrer Seite, jetzt und für immer." - Präsident Clinton am Brandenburger Tor

William Jefferson Clinton, genannt Bill, seines Zeichens 42. Präsident der Vereinigten Staaten, und Gattin Hillary Rodham Clinton besuchten im Sommer 1994 Berlin. Der Präsident hielt eine muntere Rede am Brandenburger Tor, der ich aus einiger Entfernung beiwohnte. Anschließend trank ich Unter den Linden noch ein Weizenbierchen und fuhr mit dem Fahrrad zurück nach Berlin-Reinickendorf, wo ich wohnte - direkt neben dem Flughafen Tegel.

Der letzte Teil der Strecke führte mich direkt an der Stadtautobahn entlang, und irgendwann fiel mir auf, dass neben mir überhaupt kein Autoverkehr mehr floss. Ich schaute mich um - und sah die Präsidentenlimousine samt Motorradeskorte langsam anrollen. Spontan stellte ich mein Fahrrad an den Zaun zur Autobahn, kletterte auf Stange und Sattel und winkte dem Präsidentenpaar freundlich zu. Bill und Hillary schauten zu mir herüber (ich war ja auf weiter Flur der einzige Mensch). Ich fand das so witzig, dass ich spontan meine Finger zum "vulkanischen Gruß" formte - der Präsident grinste und winkte mir lachend zu.

Verhüllter Reichstag in Berlin vom 24. Juni bis zum 7. Juli 1995 mit aluminiumbedampftem Polypropylengewebe. Foto: O. Seesko. 

1995 verhüllten Christo und Jeanne-Claude den Berliner Reichstag mit aluminiumbedampftem Polypropylengewebe. Hillary Clinton fragte über die Botschaft an, ob sie ein Stück des Stoffs bekommen könnte - die Behörden lehnten dies ab - mit der Begründung, es gebe kein Vorrecht für Prominente. Ich las dies in der Presse und musste an die "Begegnung" im Vorjahr denken und - da ich solch ein Stück Stoff besaß - rief ich spontan bei der US-Botschaft an, wohin man denn ein solches schicken könnte. Antwort: Entweder an uns - oder direkt ans Weiße Haus. Ich ließ mir die Adresse des Weißen Hauses geben (White House 1600 Pennsylvania Avenue, Washington D. C. 20520 USA) und schrieb einen peinlichen Brief*, in dem ich auch den vulkanischen Gruß erwähnte. Wochen später erhielt ich ein Dankesschreiben der First Lady (s. o.). Göttlich war das Gesicht des Briefträgers, der den Umschlag mit dem Weißen Haus drauf gerade in meinen Briefkasten werfen wollte, als ich ihm zurief: "Das ist für mich!"

*Dear Mrs. Clinton,

In the Berlin Newspapers I read today that you wish to get a piece of the material the Berlin Reichstag was wrapped with.
The piece I send to you was not impregnated with metal. It was stolen from the factory of Mr. Christo before the Reichstag was wrapped. So please don't inform the public or the CIA. Your husband was beckoning me at the Berlin Autobahn on your way back to the Berlin Airport. I was standing on my bike, making the greeting-sign of Mister Spock (Star Trek, "live long and prosper!"). However, I hope you and your husband will remember Berlin as an interesting and friendly city.

Yours
Reinhard Schinka

Ja, ich weiß, peinlich.

Erich Honecker

"Vorwärts immer, rückwärts nimmer!" - Erich Honecker zum 40. Jahrestag der DDR, 1989

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1007-024 / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons - Erich Honecker ist der kleine Mann mit schwarzem Anzug und Hut links neben dem Uniformierten in der 1. Reihe.

Erich Honecker begegnete ich am 1. Mai 1988. Ich wohnte da gerade erst  ein halbes Jahr in West-Berlin und hatte, da ich noch niemanden näher kannte, noch viel freie Zeit. Am 1. Mai 1988 war schönes Wetter (wie nahezu an jedem 1. Mai, an den ich mich erinnern kann). Ich beschloss, nach Ost-Berlin zu fahren und mir die fremde andere Stadtteilhälfte des kommunistischen Feindes einmal näher anzusehen.

Am 1. Mai paradierten in Ost-Berlin stets einbestellte Demonstranten in einem endlosen Zug die Karl-Marx-Allee entlang an ihrer diktatorischen Staatsführung vorbei in Richtung Alexanderplatz, wo ich mich nach meiner Einreise durch den Grenzkontrollpunkt Friedrichstraße hinbegeben hatte und, am "Brunnen der Völkerfreundschaft" rastend, überlegte, wie ich an einem Feiertag die 25 Ostmark Zwangsumtausch möglichst sinnvoll investieren könnte und was ich mir denn mal so anschauen könnte.

Mein Blick fiel auf den Zug der Demonstranten und die Tribüne mit den DDR-Spitzenpolitikern in nicht allzu weiter Ferne. Ich machte mich auf, wurde aber schon nach wenigen Metern von einem "Volkspolizisten" gestoppt, der wissen wollte, wo ich denn hin wollte. Auf meinen Fingerzeig "Da rüber!" wurde ich gemaßregelt, dass ich mich gefälligst woanders hinbegeben solle, was mich wurmte.

Ich beschloss, mit der Straßenbahn einfach ganz außen rum zu fahren und mich von hinten in den Demonstrationszug einzuschleichen.

Gesagt, getan. Ich stapfte los. Zwischendurch fiel mir ein, dass ich ja noch das zwangsweise umgetauschte, weitgehend wertlose Ostgeld ausgeben musste, und spazierte in eine Wirtschaft, wo ich für ca. 6 Ostmark ein Steak mit Kräuterbutter, "Sättigungsbeilage" und "Letscho" sowie ein Bier für ein paar Pfennige, dann ein weiteres Bier für ebenfalls ein paar Pfennige bestellte.

Weiter ging's. Mit der quasi kostenlosen Straßenbahn fuhr ich den Ring via "Wilhelm-Piek-Straße" (heute Torstraße) und Mollstraße ab, stieg aus und stellte fest, dass ich immer noch viel zu viel von dem Aluminium-Ostgeld bei mir trug. Zum Glück befanden sich weitere Gaststätten auf der Strecke, so dass ich auf dem letzten Fußweg zum Frankfurter Tor zwei weitere Biere inhalierte. Langsam kam ich in Stimmung - ich würde mich in diesen Demonstrationszug einschleichen und Erich Honecker sehen, jawohl!

In kurzer Zeit war ich dort und geriet in den Zug, stellte jedoch bald fest, dass ich nun nicht mehr heraus gelangen konnte, da rechts und links in regelmäßigen Abständen Ordner mit roten Armbinden vor Absperrungen standen. Es gab also kein Entrinnen, aber das war ja nicht mein Problem, ich wollte ja Richtung Alex spazieren!

Die brutzelnde Maisonne tat neben den Bieren ein übriges, ich döste fast ein, mein Gang wurde immer zombieesker - und als ich plötzlich hochschreckte, stand ich tatsächlich direkt vor Erich Honecker auf seiner Tribüne, der mich ansah und mir freundlich zuwinkte. Reflexartig winkte ich zurück - und ärgerte mich schon kurz darauf, dass ich keine Zeit genommen hatte, ein Foto von ihm zu schießen. Vielleicht war das aber auch ganz gut so, denn natürlich wurde die Staatsführung der DDR messerscharf bewacht, und wer weiß, wie die Staatssicherheit das plötzliche Herausziehen eines schwarzen Fotoapparates aus meinem Rucksack eingestuft hätte. So blieb ich am Leben - und behielt Honecker als einen etwas entrückten alten Mann in Erinnerung, der mich freundlich angelächelt hatte.

Jahre später, Honecker war längst gestürzt und saß in der West-Berliner Haftanstalt Moabit ein, fuhr ich im Rahmen eines Studentenjobs als Wachmann häufiger an diesem Gefängnis vorbei und hatte irgendwie die Hoffnung, er möge eines Morgens am Fenster seiner Zelle stehen, damit ich ihm noch einmal freundlich zuwinken könnte. Leider erfüllte sich dieser Wunsch nicht.
Als ich dies einmal einem Freund klagte, riet mir dieser: "Erzähl doch einfach, es sei so gewesen, die Geschichte ist einfach wunderbar!" - Tue ich aber nicht!

Helmut Kohl

"You can say you to me" - Helmut Kohl

"Helmut Kohl in Krzyzowa" by Artur Klose. Licensed under CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Helmut_Kohl_in_Krzyzowa.jpg#/media/File:Helmut_Kohl_in_Krzyzowa.jpg


Die Begegnung mit Bundeskanzler Helmut Kohl war kurz und schmerzlos - er schüttelte meine Hand auf dem Berliner Alexanderplatz - ich erinnere mich an einen warmen und weichen Händedruck.
Der Kanzler der Einheit wollte in den 90ern noch einmal Kanzler werden und machte Wahlkampf. Ich spazierte über den Alexanderplatz, sah einen Auflauf von Menschen, ging hin, sah eine Lücke und plötzlich streckte Kohl seine Hand in meine Richtung, aber niemand griff zu. Also schüttelte ich kurz seine Hand. Gewählt habe ich dann aber Gerhard Schröder, und Helmut Kohl war alsbald selbst Geschichte.

Gerhard Schröder

"Man kann es so oder so machen. Ich bin für so." - Gerhard Schröder

Gerhard Schröder. By Marco Urban ( http://www.marco-urban.de ) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Die Begegnung mit Kohls Nachfolger, Bundeskanzler Gerhard Schröder, war ebenfalls nur kurz. Er lief mit ein paar Bodyguards am Prachtboulevard "Unter den Linden" an mir vorbei. Ich erinnere mich nur daran, dass er mir unglaublich klein vorkam (ich selbst bin 1,97 m groß).

Uma Thurman

"Verzweiflung ist das Parfüm junger Schauspieler." - Uma Thurman

Uma Thurman. Georges Biard [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Vor ein paar Jahren (oder Monaten?) war ich in Köln und spazierte über die Hohenzollernbrücke, um ein spontanes Sonnenuntergangsfoto vom Dom von der anderen Rheinseite aus zu machen (ja, ich weiß, davon gibt es ja so wenige). Mitten auf der Brücke überholte ich eine Dame, sah aus dem Augenwinkel kurz zu ihr rüber, wie man das als Mann eben so macht, dachte "Nein, das kann nicht sein!" und ging weiter bis zum Reiterdenkmal Kaiser Wilhelms I., wo ich mich umdrehte und meinen Blick und mein Smartphone auf den Dom richtete. Und da kam SIE direkt zu mir, stellte sich einen Meter vor mich, drehte mir ihren Rücken zu - und schaute sich ebenfalls den Dom an. Ein Begleiter, der mir ebenfalls bekannt vorkam ("Kill  Bill"?)  mit einem Baby kam noch dazu und setzte sich vor uns auf die Stufen. Uma Thurman zog an ihrer Zigarette und redete auf Englisch mit ihrer Begleitung, ich stand solange mit offenem Mund wie ein Idiot in der Landschaft rum - und vergaß natürlich wieder, ein Foto zu schießen.