Dienstag, 21. November 2017

Armageddon


"It's the end of the world as you know it!"
(REM)




Sie denken, Sie haben Probleme? Dann lesen Sie mal weiter! Hier geht es jetzt um das Ende der Welt, des Lebens undsoweiter.


Das Ende der Dinosaurier

Deep Impact

Der 10 km große Asteroid trat aus der Schwärze des Weltraums in die Atmosphäre der Erde ein. Mit einer Geschwindigkeit vom 100.000 km/h schlug er im Golf von Mexiko ein, bohrte sich durch das Deckengebirge der Erdkruste und hinterließ einen Krater von rund 200 km Durchmesser. Die Explosion tötete alles Leben im Umkreis von 1000 km sofort, der Knall war auf dem gesamten Erdball zu hören, auch noch auf der Rückseite, Tsunamis und Erdbeben der kaum gekannten Stärke 11 bis 12 rasten um die Erde. Der Auswurf aus dem Einschlagkrater war so gigantisch, dass Teile davon in den Weltraum zurückgeschleudert wurden. Der Rest verdunkelte jahrelang die Atmosphäre, die globale Durchschnittstemperatur fiel ebenso lang unter den Gefrierpunkt. Die terrestrischen und marinen Ökosysteme kollabierten. Was den unmittelbaren Einschlag überlebt hatte, war bis auf wenige Ausnahmen einige Jahre später tot, von den bis dato alles beherrschenden Dinosaurierern blieben neben ein paar Echsen nur die heutigen Vögel übrig. Alles andere starb aus, verhungerte, verrottete im nuklearen Winter, den der Globale Killer hinterließ. 

65 Mio. Jahre ist das jetzt her. Fun-Fact: Ohne diesen Asteroideneinschlag wären wir Menschen vermutlich heute nicht das, was wir sind: die alles beherrschende Art auf unserem Planeten. Aber auch unser Ende wird kommen.


Das Ende der Deutschen

Deutscher Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht.
(Sigismund von Radecki)

Das Ende der Deutschen war erstaunlicherweise nicht schon 1945 gekommen. Dabei war der Zeitpunkt perfekt. Deutschland hatte die halbe Welt und nahezu ganz Europa verwüstet und terrorisiert, Deutsche hatten enteignet, vergewaltigt, gemordet, kleine Kinder mit dem Kopf an Häuserwände geknallt, Frauen, Behinderte, Krüppel und Greise vergast, feindliche Soldaten und russische Kommissare bei lebendigem Leib begraben, Städte - ganze Hauptstädte! - gesprengt, Länder verwüstet, Kriegs- und Völkerrecht jahrelang ignoriert. Alle? Alle nicht, aber doch viele. Der Rest schaute weg, und nur eine kleine Minderheit leistete aktiv Widerstand. 

Nie war ein Zeitpunkt günstiger gewesen, um den Deutschen für immer den Garaus zu machen. Aber es passierte nicht.

Und doch wird das Ende der Deutschen kommen. Sinkende Geburtenraten, ein überteuertes Gesundheitswesen, ständig steigende Ausgaben für Arbeit und Soziales, Vergreisung der Bevölkerung, wachsende Zuwanderung aus anderen Kulturen und Regionen der Welt sowie ein latent ungesunder Lebenswandel werden die Deutschen nach und nach irgendwann verschwinden lassen. Ist auch nicht schlimm, schließlich heißt "Deutsch" (althochdeutsch "diutisc") letztlich "Volk", und das Volk besteht aus Menschen, und die wird es vorerst weiterhin geben. Vorerst.


Das Ende der Menschheit

Noch sind wir zwar keine gefährdete Art, aber es ist nicht so, dass wir nicht oft genug versucht hätten, eine zu werden.
(Douglas Adams)

Für die Menschheit gibt es nur eine Chance zum Weiterleben: Sie muss den Weltraum erobern und zwar in ziemlich epischer Breite und spätestens innerhalb einiger Millionen Jahre (wenn sie sich nicht vorher selber ausrottet), sonst ist es aus mit ihr. 

Denn: Unsere Sonne wird nicht ewig scheinen, auch sie ist bereits jetzt zum Tode verurteilt. Zunächst wird sie heller und wärmer werden, am Ende wird sie sich so weit ausdehnen, dass sie unsere gute alte Erde verschlucken wird. Schon lange zuvor wird alles Leben auf der Erde durch das Verdampfen der Ozeane verbrüht und verbrannt worden sein, und alle Tiere, Pflanzen und Pilze, die nicht rechtzeitig in eine galaktische Arche befördert wurden, werden fortan Geschichte sein.

Nun ist der Weltraum nicht ganz so ungefährlich für Menschen, wie uns populäre Science-Fiction-Filme glauben machen wollen. Fehlende Schwerkraft lässt unsere Muskeln zügig atrophieren, ein einziger kosmischer Gamma-Blitz - und das Leben weicht dem Tod. Und während Astronauten in Filmen einfach immer auf erdähnlichen Planeten die Shuttle-Luke öffnen, und eine erdähnliche Atmosphäre einatmen, so ist die Chance, einen solchen Planeten zu finden, äußerst gering. Existiert auf ihm Leben, gibt es dort vermutlich auch etwas wie Viren oder Bakterien. Und wenn man gar auf intelligente Außerirdische trifft, handelt es sich bei diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit um Räuber, die einen umgehend ausrotten wollen.


Kurze Pause

Sie brauchen jetzt eine Pause? Dann schauen Sie sich doch einmal dieses Video an!


Immerhin - an einem Schwarzen Loch wird es nicht scheitern. Also: Keine Panik!


Das Ende des Universums

Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. - Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.
(Douglas Adams)

Während meines Studiums in den späten 80ern hörte ich einmal eine Vorlesung über Astrophysik, in der es um schwarze Löcher ging. Unter anderem lernte ich: 1. Die Energie im Universum ist konstant. 2. Bei allen Vorgängen nimmt die freie Entropie zu (ungeordnete Teilchenbewegung, beispielsweise, wenn Ihre Haut Wärme abstrahlt) und 3. wird dies am Ende mit dem so genannten Wärmetod des Universums enden. Alle Teilchen, auch die, aus denen wir jetzt gerade bestehen, werden ungeordnet und pingpongmäßig vor sich hinwabern, alles Leben wird erloschen sein, überall. Immerhin ist es dann schön warm.


Ewigkeit und Unendlichkeit

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. (Albert Einstein)

Eine kleine Hoffnung bleibt: Das Universum ist kein abgegrenzter Raum, sondern unendlich. Die Gesetze der Thermodynamik gelten aber nur für abgegrenzte Räume. 

Die Unendlichkeit des Universums wirft auch die Frage nach der Unendlichkeit der Zeit auf. Existiert so etwas wie Ewigkeit, bedeutet dies, dass unendlich Zeit zur Verfügung steht. Steht unendlich Zeit zur Verfügung, dann ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass jedes Molekül im Raum einmal erneut genau die Position einnehmen wird, die es gerade jetzt einnimmt. Vielleicht also sehen wir alle uns in einigen Billionen Jahren an genau dieser Stelle wieder.

Falls nicht vorher ein Asteroid einschlägt und uns auslöscht wie die Dinosaurier.





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Weblinks

How Long Do We Have Left Before The Universe Is Destroyed?
http://www.iflscience.com/space/big-rip-scenario-wont-destroy-universe-least-28-billion-years

Samstag, 18. November 2017

Kranke Menschen

Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit.
(Ludwig Börne)

Noch vor wenigen Wochen dachte ich, der gesunde Mensch sei der Normalfall, der kranke Mensch die Ausnahme. Jetzt weiß ich: Der normale Mensche ist heutzutage krank. Oder er arbeitet bereits erfolgreich daran, demnächst krank zu sein. 

Wartezone

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch ...
(Woody Allen)

Ich sah mich um. Mein letzter Besuch in einem Krankenhaus lag gut 40 Jahre zurück, ich hatte eine Gehirnerschütterung gehabt, weil mir mein damaliger bester Freund versehentlich einen halben Ziegelstein an den Schädel geworfen hatte. Ich war sofort ohnmächtig geworden und wäre beinahe in eine Jauchegrube gefallen, neben der ich damals zufällig gestanden hatte. Hinter dem rechten Ohr ist noch heute die Narbe der damaligen Platzwunde zu bewundern. Jetzt saß ich in der HNO-Ambulanz eines Großstadt-Klinikums und las ein nur wenig erheiterndes Buch über Edvard Munch ("Der Schrei"). Ab und zu sah ich mir die Menschen um mich herum etwas genauer an. Manche sahen aus, als hätte man ihnen frisch eins mit der Bierflasche übergezogen, andere wiederum sahen ganz gesund aus, waren es aber wohl nicht, schließlich war dies eine HNO-Ambulanz. Kleine Kinder rannten auf und ab, Mütter schimpften. Ab und an hustete jemand.

Wartezone im Klinikum


Endstation Krankenhaus

Ein bisschen Kranksein ist manchmal ganz gesund.
(Rudolf Virchow)

Ich tastete über meinen Hals. Drei kleine Narben erinnerten an Zugänge, die mir hier vor kurzem für eine Mandel-OP gelegt worden waren. Auch am Handgelenk hatte ich noch sichtbare Spuren diverser Infusionszugänge. Aber ich war nur zum Nachcheck hier, MEINE Wunden heilten. Immerhin.


Vor der OP.


Ich dachte an meinen zeitweiligen Zimmergenossen, einen sehr sympathischen älteren Herren Ende Siebzig. Nach einer Bypass-OP an der Wade musste er Gerinnungshemmer zu sich nehmen, als er mitten in einer Auto-Waschanlage plötzlich starkes Nasenbluten bekommen hatte, das durch die Gerinnungshemmer gar nicht mehr aufhören wollte. So war er im Krankenhaus gelandet, mit seinem riesigen Nasenpfropf konnte er zwei Nächte lang nicht schlafen.

Ich musste an meinen Onkel denken, der im hohen Alter - ebenfalls in einer Waschanlage - ausgerutscht war und sich den Oberschenkelhalsknochen gebrochen hatte. Obwohl er sehr rüstig gewesen war, war er nun nach langer Zeit plötzlich bettlägerig gewesen. Von einem späteren, zweiten Sturz erholte er sich gar nicht mehr, sein Herz hörte nach rund 90 Jahren auf zu schlagen - in einem Krankenhaus. Seine Frau, meine Tante, folgte ihm innerhalb weniger Tage nach. Sie wollte nicht mehr.

Auch meine beiden Eltern waren in einem Krankenhaus gestorben, zufälligerweise im gleichen. 
Meine Mutter war Krankenschwester gewesen, der Darmkrebs tötete sie an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz; sie starb auf der Station, auf der sie zuvor jahrelang gearbeitet hatte. Ich war damals 19.

Mein Vater war eigentlich schon tot, gehirntot, als man ihn ins Krankenhaus brachte. Er hatte im Altenheim einen Herzinfarkt erlitten und wurde erst nach einigen Minuten gefunden, das Personal hatte seine Pflicht getan und ihn reanimiert. Aber "reanimiert" wurde nur noch sein Herz. Nach ein paar Tagen hörte dann auch dieses auf zu schlagen. Da er zuletzt auf der Entbindungsstation lag - gelagert wurde -, prägte sich mir der Moment des endgültigen Abschieds für immer ein, denn als ich aus dem Zimmer des Toten trat, spazierte ein junges Paar mit einem Säugling an mir vorbei und es gibt wohl keine bessere Szene, um die ewige Wiederkehr des Lebens mit den eigenen Augen zu bestaunen. Geburt und Grab, ein ewiges Meer.  

Dieses Krankenhaus machte mir fortan Angst, ich mied es, wenn ich konnte. Aber nun saß ich ja in einem Klinikum in einer Großstadt um die Ecke. Dort hatte ich eine heftige Woche verbracht, ich bloggte kürzlich darüber.

Tagsüber wanderte ich regelmäßig über die Station. Dort saßen einige Patienten herum, die auf eine ärztliche Untersuchung warteten. Einige sahen schlimm aus, als seien sie verprügelt worden: Geschwollene Gesichter, verquollene Augen, riesige Blutergüsse.


Kranke Menschen


Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft.
(Mark Twain)


Klinikum einer westdeutschen Großstadt

Das deutsche Gesundheitssystem ist eins der teuersten der Welt. Laut Wikipedia arbeiteten vor 10 Jahren 4,4 Millionen Menschen in der Gesundheitswirtschaft. Das waren gut zehn Prozent aller Beschäftigten in Deutschland. Eine halbe Million Pflegekräfte arbeitet in deutschen Krankenhäusern und betreut Patienten in ebenfalls einer halben Million Krankenhausbetten. Über 17 Mio. Fälle werden dort jährlich behandelt.

Da diese Statistik  nur die Kranken in Krankenhäusern beschreibt, stellt sich mir die Frage: Gibt es überhaupt noch GESUNDE in Deutschland? Ich persönlich glaube: Nein.

Warum glaube ich das nicht? Weil ich seit Jahren an einer Schule arbeite. Dort laufen relativ viele Menschen herum, Schüler und Lehrer. Und weil ich weiß, wie hoch Krankenstände sein können, unter Schülern, aber auch bisweilen unter Lehrern. 

Und weil ich Menschen kenne - beispielsweise Krankenschwestern und -pfleger, die auch noch sterbenskrank zur Arbeit gehen, weil sie nicht wollen, dass ihr Fehlen zur Mehrarbeit von Kolleginnen und Kollegen führt. 

Und nicht zuletzt, weil ich im Klinikum Patienten sah, die noch morgens Patienten der HNO-Ambulanz waren und sich mittags zum Rauchen vor dem Klinikum trafen.

110.000 bis 140.000 Tote pro Jahr gehen allein in Deutschland auf das Konto des Tabakkonsums. Und der Durchschnittsdeutsche trinkt pro Jahr im Durchschnitt 9,6 Liter reinen Alkohol.


Bis zum letzten Atemzug

Die Menschen verlieren zuerst ihre Illusionen, dann ihre Zähne und ganz zuletzt ihre Laster.
(Hans Moser)


Letzte Aussicht für viele: das Krankenbett. 


Seit Dienstag letzter Woche weiß ich, wie sich Sterben anfühlen kann: Man liegt in einem Bett, kann sich weder äußern noch rühren - und andere kümmern sich mehr oder weniger um einen. Man leidet, man leidet mehr, man beginnt, dies alles nicht mehr zu ertragen - aber man kann nichts mehr ändern. Es ist zu spät. Und man kommt aus dieser Lage (im Gegensatz zu mir) nicht mehr heraus. 

Am Ende wartet auf fast alle von uns das Krankenbett. Und nicht jeder hat das Glück wie ich, es zwischendurch 40 Jahre lang nicht gesehen zu haben. 

Für mich stand am Ende meines Aufenthalts in diesem Krankenhaus fest: Ich will nicht als kranker Mensch sterben, - ich will gesund sein und dies auch bleiben! Ich will nicht hilflos enden, - ich will aktiv und nützlich sein bis zum Untergang! Und ich bin sicher: Nicht nur ich will das. Machen wir alle etwas mehr aus unserem Leben - so lange wir es können! Und bleiben wir - gesund!


Sonntag, 12. November 2017

Nahtod-Transit

"Der Tod lächelt uns alle an, das einzige, was man machen kann, ist zurücklächeln!" (Marcus Aurelius)


Vor einigen wenigen Wochen noch saß ich glücklich am Ufer des Mittelmeeres, schlürfte entspannt einen französischen Kaffee und genoss im T-Shirt die Sonne. Eine Woche später lag ich künstlich beatmet auf einer Intensivstation in Deutschland. Wie das? Ein Bericht.


"Hab keine Angst -  wenn ich müde werde, helfen mir die Meerjungfrauen weiter!" (Le Grand Bleue)

Alter Hafen von Marseille, Frankreich


Marseille, Sonntag, 22.10.2017

Mit zwei Stapeln Klausuren im Gepäck erreichte ich Marseille noch am späten Nachmittag. Ich checkte kurz in mein Airbnb-Appartement ein und nahm sofort für 2 Euro den Bus zum Alten Hafen (Vieux Port).
In Marseille war - anders als in Deutschland oder noch im elsässischen Strasbourg, wo ich zuvor übernachtet hatte, - Sommer. Auch wenn einige empfindlichere Einheimische bereits  in Steppjacken unterwegs waren, konnte man es noch gut mit T-Shirt und zur Not mit einem dünnen Pullover aushalten.

Mein Appartement lag im Norden der Stadt. Ich beschloss, jeden Morgen früh aufzustehen, einige Klausuren zu korrigieren, und dann spätestens gegen Mittag ausgedehnte Wanderungen und Fahrten zu machen, was ich auch tat. Ich wanderte und wanderte. Ich wanderte, bis mir Rücken, Beine und Po so weh taten, dass ich spürte, dass ich in den letzten Monaten viel zu viel am Schreibtisch gesessen hatte. Sobald ich merkte, dass die Sonne zu stechen begann, fuhr ich heim. So schaffte ich immerhin einen sonnigen Urlaub ganz ohne Sonnenbrand.

Anse des Catalans, Marseille. 29.10.2017.

Eine Woche später, am 29. Oktober, wieder an einem Sonntag, badete ich trotz starken Windes im Mittelmeer, in der "Bucht der Katalanen" (Anse des Catalans). Eigentlich hatte ich das schon zwei Tage vorher versucht, mich aber auf dem Weg zum Strand ohne Navi ("Der Strand kann ja nicht so schwer zu finden sein!") hoffnungslos auf den Betonpisten Marseilles verfranst und war am Ende gar in Aix-en-Provence gelandet, 25 km außerhalb Marseilles. Auf dem Rückweg besuchte ich die ehemalige Künstlerkolonie L'Estaque. Von dort aus kann man die ganze Bucht von Marseille wunderbar überblicken.

L'Estaque - Blick über die Bucht von Marseille.

In L'Estaque wehte ein heftiger Mistralwind von Norden. Der Mistral ist ein sehr trockener Wind, der vom Rhônetal Richtung Süden weht, wenn über Mitteleuropa Tiefdruckgebiete rotieren. Er ist extrem stark und trocken; kalt ist er jedoch nicht. 

Sonntagabend verspürte ich ein leichtes Kratzen im Hals, später dann merkte ich, dass ich leichtes Fieber bekam, das aber nicht weiter anstieg. 

Zwischendurch las ich immer einen beeindruckenden Roman von Anna Seghers, er heißt "Transit" und spielt zur Zeit der Besetzung Frankreichs durch Deutschland im Jahr 1941/1942 - in Marseille.


Transit

"Hier mussten immer Schiffe vor Anker gelegen haben, genau an dieser Stelle, weil hier Europa zu Ende war und das Meer hier einzahnte, immer hatte an dieser Stelle eine Herberge gestanden, weil hier eine Straße auf die Einzahnung mündete. Ich fühlte mich uralt, jahrtausendealt, weil ich alles schon einmal erlebt hatte, und ich fühlte mich blutjung, begierig auf alles, was jetzt noch kam, ich fühlte mich unsterblich." (Anna Seghers, Transit)


Lieblingsort des Ich-Erzählers aus "Transit": Das Café am Vieux Port


Der Ich-Erzähler in Anna Seghers' Roman sitzt Anfang der 40er-Jahre in Marseille fest. Deutschland marschiert in Frankreich ein; in Marseille drängen sich die Flüchtlinge, die Bürokratie hindert jedoch viele an der schnellen Ausreise. Bevor man die Stadt und das Land verlassen kann, muss zunächst eine Ausreisegenehmigung her, die man aber nur erhält, wenn eine Bescheinigung vorliegt, dass einen ein anderer Staat auch aufnimmt, ein Visum muss also beschafft werden, für das man aber wiederum zunächst Bescheinigungen zur Durchreise anderer Länder benötigt, so genannte Transits (und dazu muss man auch eine Fahrkarte vorweisen, denn sonst geht alles wieder von vorne los). Eine kafkaeske Kälte durchweht den gesamten Roman.

Der Erzähler macht es sich mehr oder weniger ohne Geld in Marseille erst einmal "gemütlich", und eine Dreiecksgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler, einer (wie könnte es anders sein?) schönen und interessanten Dame sowie ihrem eher distanzierten Lebensgefährten, einem Arzt, nimmt ihren Lauf - und endet tragisch.

Die Erzählung schlug mich nach und nach immer stärker in ihren Bann, und ich ging auf Spurensuche. Ich saß im Lieblings-Café des Ich-Erzählers (bzw. an dessen ehemaligem Standort, denn 1943 ließ Heinrich Himmler durch Wehrmacht und Waffen-SS die halbe Altstadt Marseilles sprengen, da ihm das alles zu unübersichtlich war und man Résistance-Angriffe fürchtete. Das Kriegsverbrechen wurde nie geahndet), ich besuchte die Rue de la Providence, in der der Erzähler gewohnt hatte; ich durchschritt die kurze Rue du Relais, in der der Arzt und die Dame gewohnt hatten, ich schlenderte jeden Tag den Cours Belsunce hinauf und herunter (Marseille ist sehr hügelig), und ich besuchte andere Orte des Geschehens, sogar am mexikanischen Konsulat war ich kurz, freilich, ohne jeden vernünftigen Grund. Die Hauptstraße La Canebière war eh Dreh- und Angelpunkt meiner Buslinie zu meinem Appartement.

So ging die Woche vorüber, doch am Montag nach meinem Bad im Mittelmeer wachte ich mit einem entzündeten Rachen auf und beschloss, einmal einen Einkaufs-, Aufräum- und Pausentag einzulegen. Ich knabberte an einem afrikanischen Weißbrötchen, es tat weh.

Dies war dann für über eine Woche die letzte feste Nahrung, die ich zu mir nahm.


Transit nach Deutschland 

Der Dienstag begann noch unangenehmer als der Montag: Mein Hals war entzündet, beim Atmen rasselte es ein wenig. Ich dachte kurz an das Hôpital Nord, das ich im Norden der Stadt auf dem Weg nach Aix en Provence im Vorüberfahren gesehen hatte: ein 50er- oder 60er-Jahre-Bau, riesig, anonym - und man sprach vermutlich nur französisch. Die Website des Klinikums war tot. Ein Ort zum Sterben.

Ich checkte aus.

Da mein Tank fast leer war, fuhr ich zunächst wieder Richtung Aix-en-Provence - einen nur kleinen Umweg, wie ich meinte -, denn dort hatte ich an der Autobahn kurz hinter Marseille eine Tankstelle gesehen. So würde es am schnellsten gehen, und das musste es auch, denn als ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, doch die 1100 km nach Deutschland zurückzufahren, war es bereits mittags um halb eins. An der Tankstelle fuhr ich in Gedanken vorbei.

Erst bei Aix-en-Provence bemerkte ich meinen Fehler, zum Glück sah ich an einer Ausfahrt eine weitere Tankstelle und kreuzte unter dem Hupen Einheimischer alle Fahrbahnen und fuhr ab. 50 Liter später war der Tank voll, und es konnte weitergehen.

Leider entpuppte sich der "kleine" Umweg als schier endlos, da ich via Landstraßen und Umleitungen über alle möglichen kleinen (allerdings auch sehr hübsche) Dörfer geleitet wurde. Als ich endlich wieder auf der Autobahn war und an der Aire de Portes-lès-Valence meine erste Rast benötigte, hatte ich noch ganze 870 km vor mir, also etwa zweimal die Strecke Hamburg - Köln.

Schon um 17:30 Uhr ging die Sonne unter. Fortan fuhr ich im Dunklen und hatte eher wenig Glück mit meinen Rastplätzen; auf den meisten standen nur ein paar einsame Lkw herum, alles war nahezu unbeleuchtet. Ich hielt jetzt nur noch, wenn ich unbedingt musste, die zweite Tankfüllung würde bis daheim reichen.

An Essen war nicht zu denken, jedes Schlucken tat höllisch weh. Ich trank auch nur noch winzige Portionen. Gleichwohl konnte ich ganz prima Auto fahren, vermutlich kann ich das sogar als Zombie noch.

Um kurz nach Mitternacht traf ich zu Hause ein und wollte nur noch sterben. Ich war sogar zu erschöpft für die Notaufnahme und beschloss, die Nacht noch einmal zu Hause zu verbringen. Trotz Schmerzen schlief ich sofort ein und bis 6 Uhr durch.


Im Klinikum

Am nächsten Tag fühlte ich mich etwas erholter, gleichwohl war der Hals noch stärker angeschwollen, auf der linken Seite beulten die Lymphknoten den Hals bereits wie Kugeln von innen aus. Ich fuhr ins Klinikum (zunächst ins falsche, dann ins richtige) und marschierte in die Notaufnahme, wo man mir bedeutete, dass man a) einen chaotischen Tag mit vielen Notfällen habe und ich b) jetzt einer davon sei, der ziemlich umgehend operiert werden müsse ("Verdacht auf Abszess"). Ich konnte noch schnell ein paar WhatsApp-Nachrichten an die Familie absetzen, dann ging es auch schon in den Operationssaal und mein weiteres Schicksal lag in den Händen der Ärzte.


"Nahtod"

"Du schlägst die Augen auf - in einem Krankenhaus." (Die Toten Hosen)

Im Klinikum.


Den Rest vom Dienstag und den ganzen Mittwoch lag ich intubiert unter Narkose auf der Intensivstation, letztlich handelte es sich um eine ausgedehnte "Mandel-OP". Zudem wurde etwas entfernt, das die Ärzte als "beginnenden Abszess" beschrieben. Da meine eigenen Erinnerungen nach einem wohl heftigen Durchgangssyndrom von dem abweichen, was man mir schilderte, hier nur die Kurzfassung:

  • Es gab leichte Komplikationen während der Narkose, ich wurde tachykard, später ging mein Puls auf 40 runter.
  • Nach der Narkose muss ich manischen Unsinn erzählt und wild um mich gefuchtelt haben (in meiner - vermutlich falschen - Erinnerung habe ich einen lustigen Spruch gemacht, na ja, vielleicht war er nur für mich lustig), so dass man mich fixierte und mir Haloperidol (ein Neuroleptikum, mit dem man normalerweise schizophrene Symptome behandelt) verabreichte, woraufhin ich noch einen weiteren Tag vollkommen katatonisch wurde.
  • Man fuhr mich zuerst auf eine normale Station, dann wieder zurück auf die Intensivstation. Ich konnte gerade so atmen und nur mit der rechten Hand irgendwelche Zeichen, eigentlich nur drei (Daumen hoch, runter oder ein So-lala-Zeichen), machen. An diesen Tag habe ich volle Erinnerungen, aber ausschließlich traumatische.

An den Tagen danach wurde ich stabiler und wacher und bekam auch wieder Besuch, und meine Tochter (21) fragte mich: "Hattest du eine Nahtod-Erfahrung?"
Ich dachte kurz für mich: "Das WAR die Nahtod-Erfahrung! Näher ran geht nicht.", antwortete aber: "Nein."

In meiner (vermutlich falschen) Erinnerung war ich durchgehend bei Bewusstsein, jedoch vollkommen bewegungsunfähig, atmete durch einen Schlauch und habe tagelang nur darauf gewartet, dass etwas passiert, bis ich dann am dritten Tag wieder auferstand. Ein totaler Alptraum.


Heim-Transit

"[Der Hafenamtsvorstand] fragte: 'Wo ist Ihr Flüchtlingsschein?' Ich kramte Yvonnes Schein hervor. Er kam zu den Akten. Das Hafenamt stempelte. Ich war abfahrtsbereit."

(Anna Seghers, Transit)

Nach drei Tagen auf einer normalen Station kam ein neues Problem hinzu: Ich war hoffnungslos unterbeschäftigt und mental ausgelaugt. Kein Problem im medizinischen Sinne, für mich aber schon. Das einzige Buch, das ich noch lesen konnte, eine Biografie, war viel zu detailfixiert und langweilig, das Smartphone gab auch nichts mehr her, den Fernseher teilte ich mir mit einem älteren Herren und wir guckten aus gegenseitiger Rücksichtnahme eigentlich nur Nachrichten zusammen (was im Prinzip toll war - auf anderen Zimmern hatte ich RTL II oder Kika mitanschauen müssen). Ich wollte dennoch heim.

Nun kommt man in Krankenhäuser leichter hinein als wieder hinaus. Am Montag hatte ich dann ähnliche Erlebnisse wie ein "Transit"-Ausreisewillger in Marseille auf dem mexikanischen Konsulat: Irgendwo fehlte immer noch etwas, eine Information, eine Unterschrift, alles drohte sich um weitere Tage zu verzögern, und ich war dabei sicher: Noch einen Tag im Krankenbett ertrage ich nicht mehr. An dieser Stelle sei jedoch angemerkt, dass die Versorgung exzellent war und Ärzte sowie Schwestern und Pfleger mehr als kompetent waren! Und gegen ihren Rat wäre ich nicht auf eigene Verantwortung gegangen. Aber ich wollte raus. Doch meinen "Transit-Schein" bekam ich nicht so schnell.

Es folgte zunächst eine Untersuchung meines Rachens - alles sah nicht schlecht aus -, doch dann kamen noch neue Zweifel auf:

"Nach einer Mandel-OP muss man noch mindestens vier Tage auf Station bleiben."
"Die sind gerade um."
"Das muss ich nachprüfen."

Sie waren um. Gerade so.

"Ich brauche noch die Zustimmung des Oberarztes."
Der Oberarzt stimmte zu.

"Wir brauchen noch den Stempel. Wo ist der?"
Er fand sich.

Mir wurden Auflagen gemacht:
  • Am nächsten Tag wieder vorstellig werden zum Nachcheck! 
  • Nicht zu weit vom Klinikum entfernen, keine Reisen, kein Sport, kein warmes Bad, keine heißen Duschen, keine Anstrengungen! 
  • Bei der kleinsten Blutung oder Nachblutung im Rachen sofort 112 rufen und mit dem Rettungswagen zurückkehren! 

Ich sagte alles zu, die Ärztin stempelte. Ich war abfahrtsbereit.





PS.: Heute geht es mir bis auf die noch schmerzende Wunde im Rachen wieder ganz gut.

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Weblinks

Marseille in einer Minute https://youtu.be/bBkK69q30Aw

Carnets de Julie (frz.) - Marseille (beginnt in L'Estaque) https://youtu.be/Z-aPMumWZT8

Marcel Reich-Ranicki über Anna Seghers - https://youtu.be/wMgik0UzpBE

Paul Czézanne - Blick über die Bucht von Marseille, von L'Estaque aus gesehen:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c8/Paul_C%C3%A9zanne_044.jpg