Dienstag, 26. Juli 2016

Jesus Christus Erlöser

"Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe."
(Stimme vom Himmel, Matthäus 3, 16)


"Wehe euch Priestern! Ihr schämt euch nicht, euch öffentlich die Hände küssen zu lassen und euch "Heiliger Vater" nennen zu lassen! Warum soll man euch die Hände küssen - und warum seid ihr heilig? Und von wem seid ihr Vater?"

Klaus Kinski, 1926 im damals deutschen, heute polnischen Zoppot geborener Schauspieler, bekannt und gefürchtet als arroganter Gast verqualmter deutscher Talkshows der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts, weniger bekannt als mutmaßlicher Kinderschänder (seine Tochter Pola beschuldigte ihn, er habe sie als Kind sexuell missbraucht), jener Klaus Kinski also tourte im Jahre 1971, den Jesus gebend, durch die westdeutsche Bundesrepublik und zitierte hierbei umfassend aus dem Neuen Testament. Kinski hatte, das muss man ihm lassen, auf 30 Manuskriptseiten schön zusammengefasst, was quasi die Essenz dessen ist, was Jesus vor zweitausend Jahren predigte. Kinski fügte lediglich einige aktuelle Bezüge, etwa zum Vietnamkrieg, hinzu. 

Das Berliner Publikum tobte, allerdings weniger im positiven Sinn. Schon nach wenigen Sekunden wurde der Künstler rüde unterbrochen: "Kinski raus!" "Du hast doch nie gearbeitet!" (Applaus); "Der onaniert doch ständig in die Luft!". Kinski musste sich so einiges anhören und vieles einstecken.

Dann begann er auszuteilen und beschimpfte seinerseits recht drastisch das Publikum ("Komm, halt deine Schnauze, damit du jetzt hörst, was ich jetzt sage!"; "und vor allem, komm DU jetzt hierher, der so ein großes Maul hat!"; "Nein, er hat nicht gesagt: ‚Halt die Schnauze‘. Er hat eine Peitsche genommen und hat ihm in die Fresse gehauen! Das hat er gemacht, du dumme Sau! Und das kann dir auch passieren!") und drohte mehrfach mit Abbruch seiner Show ("Entweder, die anderen, die nicht zum Gesindel gehören, schmeißen die anderen jetzt raus - oder sie haben ihr Geld umsonst bezahlt!").






Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: "Eli, Eli, lama asabthani?" das ist: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Wahrlich, ich sage euch ...


Hört man sich die komplette Vorstellung heutzutage an (Kinski begann nach Abzug des Großteils der Störer die gesamte Vorstellung einfach noch einmal von vorne), verliert man leicht den Blick auf den eigentlichen Inhalt: Wort und Wirkung des Jesus von Nazareth.

Das Anschauen des Videos hatte meine Neugier geweckt: Waren die sprachlich so gewaltigen Sätze Kinskis eigentlich Originalzitate von Jesus? Ich nahm ein Neues Testament zur Hand, las das Evangelium von Matthäus nach und schrieb - ganz Naturwissenschaftler - all diejenigen Jesus-Zitate heraus, die keinen Bezug auf Wundersames, Überirdisches oder Göttliches enthielten. Dann hielt ich überrascht inne. Die Sätze strahlen auch zweitausend Jahre danach noch vor unglaublicher Kraft, vor zeitloser Richtigkeit und vor vollendeter sprachlicher Schönheit. Dies sind sie:


  • Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung?

  • Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.

  • Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?

  • Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!

  • Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

  • Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

  • Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande und im eigenen Hause.

  • Was zum Munde eingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was zum Munde ausgeht, das macht den Menschen unrein.

  • Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

  • "Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! und "du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

  • Wahrlich, ich sage euch: ein Reicher wird schwer ins Himmelsreich kommen.

  • Und Jesus ging hinweg von dem Tempel, und seine Jünger traten zu ihm, dass sie ihm zeigten des Tempels Gebäude. Er aber sprach zu Ihnen: Sehet ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.

  • Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

  • Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.




Amen.



Kommentare:

  1. Ein starkes Stück. Der Kinski als Jesus und Jesus als Kinski. Und, sozusagen unter dem Gesichtspunkt der Gegenwartskritik: Der Ausweis, daß viele Menschen schon vor Jahren unerzogen, empathiebefreit, selbstgefällig und maßlos in der Öffentlichkeit auftraten. Von wegen, früher sei alles besser gewesen ...

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  2. Achso, ich meinte natürlich vor allem das denkbefreite Publikum, mehr als Jesus Kinski ....

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