Dienstag, 18. April 2017

Bist du stolz auf deine Nationalität - oder geht es dir gut?

Deutsches Wappentier Seeadler im Schlosspark von Schloss Doorn.


Mein Blick fällt auf den Aufnäher an der Jacke der Fascho-Glatze, die mir im Bus gegenüber sitzt und auf dem zu lesen steht: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!". Arme Sau, denke ich, hast nichts, bist nichts, kannst auf nichts stolz sein außer auf deine Herkunft.
Einen Moment lang bin ich in Versuchung, die deutsche Dumpfbacke zu fragen, was genau eigentlich seiner Meinung nach ein Deutscher ist und warum man darauf stolz sein darf oder muss, lasse es dann aber, weil ich nicht mit Idioten diskutiere.

Mein Vater war auch immer stolz, Deutscher zu sein. Geboren wurde er 1924 in Danzig, das nach dem 1. Weltkrieg zwangsweise nicht mehr zum Deutschen Reich gehörte. In seinem Pass stand daher "Bürger der Freien und Hansestadt Danzig", aber nicht "Deutscher".
Endlosen Diskussionen in meiner Jugend konnte ich entnehmen: Man ist anscheinend immer dann besonders stolz, etwas zu sein, wenn man es aus irgendwelchen Gründen doch nicht ganz ist und eben nicht so ganz dazu gehört.

Hier erschoss sich Hitler, 8 Meter unter der Erde.

Der übertriebene Nationalstolz der Deutschen in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges - Ergebnis eines landesweiten Minderwertigkeitsgefühls infolge einer demütigenden Niederlage - mündete bekanntermaßen in der Ernennung Adolf Hitlers durch Reichspräsident Paul von Hindenburg zum mehr oder weniger letzten deutschen Reichskanzler (Goebbels durfte ja auch noch einen Tag Kanzler spielen, bevor er seine sechs kleinen Kinder vergiften ließ und auch Suizid beging). Hitler selber war gebürtiger Österreicher, aber anscheinend wollte auch er gerne "stolz sein, ein Deutscher zu sein" und dazugehören. Zwanzig Jahre zuvor hatte er noch als Arbeitsloser in einem Wiener Männerwohnheim gehaust und mit dem Verkauf wenig origineller Sehenswürdigkeiten-Aquarelle seinen Lebensunterhalt aufgebessert.

Im von Hitler angezettelten 2. Weltkrieg, der 1939 sinnigerweise in Danzig begonnen hatte, starben etwa 50 Mio. Menschen, Hitler selbst schoss sich dann am 30. April 1945 in der Mitte der deutschen Hauptstadt, 8 Meter unter der Erde in seinem Bunker, eine Kugel in seinen deutsch-österreichischen Kopf, mein Danziger Vater hingegen hatte etwas mehr Glück und überlebte den Krieg knapp. Seine Heimatstadt, von Polen annektiert, sah er dann 45 Jahre lang nicht wieder - bis 1990. Ich begleitete ihn damals. Als Bürger der Nachkriegs-BRD zeigte er nunmehr bei vielen Gelegenheiten gerne seinen Stolz, ein Danziger zu sein.
Sein Bücherregal war voller Bücher über die ruhmreiche Geschichte der alten deutschen Hansestadt. Auf den ersten Seiten seiner Bücher pflegte er handschriftlich zu vermerken: "Kurt Schinka, Hundegasse 124, Danzig, Westpreußen. Zur Zeit Westdeutschland."


63 Prozent der türkischen Wähler in Deutschland stimmten beim Verfassungsreferendum 2017 für die Umwandlung der Türkei in einen "Führerstaat".

Auch heute leben wir in einer Zeit, in der Heimatstolz und Nationalgefühl überall wieder in Mode zu kommen scheinen. Nationalistische Parteien wie Front National oder AfD fahren z. T. hohe zweistellige Ergebnisse ein, in Deutschland lebende nationalistische Türken jagen mit überwältigender Stimmen-Mehrheit die west-orientierte laizistische Republik Atatürks zum Teufel, Trump-Anhänger in den USA recken ihre Arme zum "Sieg-Heil"-Gruß wie einst deutsche Nationalsozialisten. Der Rest schäumt und tobt bei Facebook gegen Mitbürger, als gäbe es kein Morgen mehr. Eins ist ihnen allen gemeinsam: Sie sind irre stolz, Angehörige ihrer Nationalität zu sein. Und ansonsten vielleicht auch unglücklich, weil sie etwas anderes eben nicht sind: zum Beispiel weltoffen, fortschrittlich, integriert oder gebildet.

Stolz sein kann man nur auf eine Leistung.
Auf eine Leistung zum Wohl einzelner, vieler oder für die Gesellschaft.
Auf eine besondere künstlerische Leistung.
Auf die Spuren der Liebe, die man im Leben hinterlässt.

Allerdings nicht auf seinen Hass gegenüber Fremden, nicht auf sein Rumgepöbel auf Facebook, nicht auf das Pflegen und Schüren von Vorurteilen gegen andere. Und schon gar nicht auf seine Hautfarbe, seine Herkunft oder seine Muttersprache, denn all das wurde einem in die Wiege gelegt. Man kann froh sein, Deutscher zu sein - stolz darauf sein kann man nur als Zugewanderter vom anderen Ende der Welt.

Und wenn man noch immer besonders stolz auf seine Nationalität, Rasse oder Religion ist, dann sollte man sich auch fragen, auf welcher anderen Seite und warum man dort noch immer ein kleines Würstchen ist.

Fragen Sie Hitler.