Dienstag, 21. November 2017

Armageddon


"It's the end of the world as you know it!"
(REM)




Sie denken, Sie haben Probleme? Dann lesen Sie mal weiter! Hier geht es jetzt um das Ende der Welt, des Lebens undsoweiter.


Das Ende der Dinosaurier

Deep Impact

Der 10 km große Asteroid trat aus der Schwärze des Weltraums in die Atmosphäre der Erde ein. Mit einer Geschwindigkeit vom 100.000 km/h schlug er im Golf von Mexiko ein, bohrte sich durch das Deckengebirge der Erdkruste und hinterließ einen Krater von rund 200 km Durchmesser. Die Explosion tötete alles Leben im Umkreis von 1000 km sofort, der Knall war auf dem gesamten Erdball zu hören, auch noch auf der Rückseite, Tsunamis und Erdbeben der kaum gekannten Stärke 11 bis 12 rasten um die Erde. Der Auswurf aus dem Einschlagkrater war so gigantisch, dass Teile davon in den Weltraum zurückgeschleudert wurden. Der Rest verdunkelte jahrelang die Atmosphäre, die globale Durchschnittstemperatur fiel ebenso lang unter den Gefrierpunkt. Die terrestrischen und marinen Ökosysteme kollabierten. Was den unmittelbaren Einschlag überlebt hatte, war bis auf wenige Ausnahmen einige Jahre später tot, von den bis dato alles beherrschenden Dinosaurierern blieben neben ein paar Echsen nur die heutigen Vögel übrig. Alles andere starb aus, verhungerte, verrottete im nuklearen Winter, den der Globale Killer hinterließ. 

65 Mio. Jahre ist das jetzt her. Fun-Fact: Ohne diesen Asteroideneinschlag wären wir Menschen vermutlich heute nicht das, was wir sind: die alles beherrschende Art auf unserem Planeten. Aber auch unser Ende wird kommen.


Das Ende der Deutschen

Deutscher Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht.
(Sigismund von Radecki)

Das Ende der Deutschen war erstaunlicherweise nicht schon 1945 gekommen. Dabei war der Zeitpunkt perfekt. Deutschland hatte die halbe Welt und nahezu ganz Europa verwüstet und terrorisiert, Deutsche hatten enteignet, vergewaltigt, gemordet, kleine Kinder mit dem Kopf an Häuserwände geknallt, Frauen, Behinderte, Krüppel und Greise vergast, feindliche Soldaten und russische Kommissare bei lebendigem Leib begraben, Städte - ganze Hauptstädte! - gesprengt, Länder verwüstet, Kriegs- und Völkerrecht jahrelang ignoriert. Alle? Alle nicht, aber doch viele. Der Rest schaute weg, und nur eine kleine Minderheit leistete aktiv Widerstand. 

Nie war ein Zeitpunkt günstiger gewesen, um den Deutschen für immer den Garaus zu machen. Aber es passierte nicht.

Und doch wird das Ende der Deutschen kommen. Sinkende Geburtenraten, ein überteuertes Gesundheitswesen, ständig steigende Ausgaben für Arbeit und Soziales, Vergreisung der Bevölkerung, wachsende Zuwanderung aus anderen Kulturen und Regionen der Welt sowie ein latent ungesunder Lebenswandel werden die Deutschen nach und nach irgendwann verschwinden lassen. Ist auch nicht schlimm, schließlich heißt "Deutsch" (althochdeutsch "diutisc") letztlich "Volk", und das Volk besteht aus Menschen, und die wird es vorerst weiterhin geben. Vorerst.


Das Ende der Menschheit

Noch sind wir zwar keine gefährdete Art, aber es ist nicht so, dass wir nicht oft genug versucht hätten, eine zu werden.
(Douglas Adams)

Für die Menschheit gibt es nur eine Chance zum Weiterleben: Sie muss den Weltraum erobern und zwar in ziemlich epischer Breite und spätestens innerhalb einiger Millionen Jahre (wenn sie sich nicht vorher selber ausrottet), sonst ist es aus mit ihr. 

Denn: Unsere Sonne wird nicht ewig scheinen, auch sie ist bereits jetzt zum Tode verurteilt. Zunächst wird sie heller und wärmer werden, am Ende wird sie sich so weit ausdehnen, dass sie unsere gute alte Erde verschlucken wird. Schon lange zuvor wird alles Leben auf der Erde durch das Verdampfen der Ozeane verbrüht und verbrannt worden sein, und alle Tiere, Pflanzen und Pilze, die nicht rechtzeitig in eine galaktische Arche befördert wurden, werden fortan Geschichte sein.

Nun ist der Weltraum nicht ganz so ungefährlich für Menschen, wie uns populäre Science-Fiction-Filme glauben machen wollen. Fehlende Schwerkraft lässt unsere Muskeln zügig atrophieren, ein einziger kosmischer Gamma-Blitz - und das Leben weicht dem Tod. Und während Astronauten in Filmen einfach immer auf erdähnlichen Planeten die Shuttle-Luke öffnen, und eine erdähnliche Atmosphäre einatmen, so ist die Chance, einen solchen Planeten zu finden, äußerst gering. Existiert auf ihm Leben, gibt es dort vermutlich auch etwas wie Viren oder Bakterien. Und wenn man gar auf intelligente Außerirdische trifft, handelt es sich bei diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit um Räuber, die einen umgehend ausrotten wollen.


Kurze Pause

Sie brauchen jetzt eine Pause? Dann schauen Sie sich doch einmal dieses Video an!


Immerhin - an einem Schwarzen Loch wird es nicht scheitern. Also: Keine Panik!


Das Ende des Universums

Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. - Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.
(Douglas Adams)

Während meines Studiums in den späten 80ern hörte ich einmal eine Vorlesung über Astrophysik, in der es um schwarze Löcher ging. Unter anderem lernte ich: 1. Die Energie im Universum ist konstant. 2. Bei allen Vorgängen nimmt die freie Entropie zu (ungeordnete Teilchenbewegung, beispielsweise, wenn Ihre Haut Wärme abstrahlt) und 3. wird dies am Ende mit dem so genannten Wärmetod des Universums enden. Alle Teilchen, auch die, aus denen wir jetzt gerade bestehen, werden ungeordnet und pingpongmäßig vor sich hinwabern, alles Leben wird erloschen sein, überall. Immerhin ist es dann schön warm.


Ewigkeit und Unendlichkeit

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. (Albert Einstein)

Eine kleine Hoffnung bleibt: Das Universum ist kein abgegrenzter Raum, sondern unendlich. Die Gesetze der Thermodynamik gelten aber nur für abgegrenzte Räume. 

Die Unendlichkeit des Universums wirft auch die Frage nach der Unendlichkeit der Zeit auf. Existiert so etwas wie Ewigkeit, bedeutet dies, dass unendlich Zeit zur Verfügung steht. Steht unendlich Zeit zur Verfügung, dann ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass jedes Molekül im Raum einmal erneut genau die Position einnehmen wird, die es gerade jetzt einnimmt. Vielleicht also sehen wir alle uns in einigen Billionen Jahren an genau dieser Stelle wieder.

Falls nicht vorher ein Asteroid einschlägt und uns auslöscht wie die Dinosaurier.





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Weblinks

How Long Do We Have Left Before The Universe Is Destroyed?
http://www.iflscience.com/space/big-rip-scenario-wont-destroy-universe-least-28-billion-years

Samstag, 18. November 2017

Kranke Menschen

Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit.
(Ludwig Börne)

Noch vor wenigen Wochen dachte ich, der gesunde Mensch sei der Normalfall, der kranke Mensch die Ausnahme. Jetzt weiß ich: Der normale Mensche ist heutzutage krank. Oder er arbeitet bereits erfolgreich daran, demnächst krank zu sein. 

Wartezone

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch ...
(Woody Allen)

Ich sah mich um. Mein letzter Besuch in einem Krankenhaus lag gut 40 Jahre zurück, ich hatte eine Gehirnerschütterung gehabt, weil mir mein damaliger bester Freund versehentlich einen halben Ziegelstein an den Schädel geworfen hatte. Ich war sofort ohnmächtig geworden und wäre beinahe in eine Jauchegrube gefallen, neben der ich damals zufällig gestanden hatte. Hinter dem rechten Ohr ist noch heute die Narbe der damaligen Platzwunde zu bewundern. Jetzt saß ich in der HNO-Ambulanz eines Großstadt-Klinikums und las ein nur wenig erheiterndes Buch über Edvard Munch ("Der Schrei"). Ab und zu sah ich mir die Menschen um mich herum etwas genauer an. Manche sahen aus, als hätte man ihnen frisch eins mit der Bierflasche übergezogen, andere wiederum sahen ganz gesund aus, waren es aber wohl nicht, schließlich war dies eine HNO-Ambulanz. Kleine Kinder rannten auf und ab, Mütter schimpften. Ab und an hustete jemand.

Wartezone im Klinikum


Endstation Krankenhaus

Ein bisschen Kranksein ist manchmal ganz gesund.
(Rudolf Virchow)

Ich tastete über meinen Hals. Drei kleine Narben erinnerten an Zugänge, die mir hier vor kurzem für eine Mandel-OP gelegt worden waren. Auch am Handgelenk hatte ich noch sichtbare Spuren diverser Infusionszugänge. Aber ich war nur zum Nachcheck hier, MEINE Wunden heilten. Immerhin.


Vor der OP.


Ich dachte an meinen zeitweiligen Zimmergenossen, einen sehr sympathischen älteren Herren Ende Siebzig. Nach einer Bypass-OP an der Wade musste er Gerinnungshemmer zu sich nehmen, als er mitten in einer Auto-Waschanlage plötzlich starkes Nasenbluten bekommen hatte, das durch die Gerinnungshemmer gar nicht mehr aufhören wollte. So war er im Krankenhaus gelandet, mit seinem riesigen Nasenpfropf konnte er zwei Nächte lang nicht schlafen.

Ich musste an meinen Onkel denken, der im hohen Alter - ebenfalls in einer Waschanlage - ausgerutscht war und sich den Oberschenkelhalsknochen gebrochen hatte. Obwohl er sehr rüstig gewesen war, war er nun nach langer Zeit plötzlich bettlägerig gewesen. Von einem späteren, zweiten Sturz erholte er sich gar nicht mehr, sein Herz hörte nach rund 90 Jahren auf zu schlagen - in einem Krankenhaus. Seine Frau, meine Tante, folgte ihm innerhalb weniger Tage nach. Sie wollte nicht mehr.

Auch meine beiden Eltern waren in einem Krankenhaus gestorben, zufälligerweise im gleichen. 
Meine Mutter war Krankenschwester gewesen, der Darmkrebs tötete sie an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz; sie starb auf der Station, auf der sie zuvor jahrelang gearbeitet hatte. Ich war damals 19.

Mein Vater war eigentlich schon tot, gehirntot, als man ihn ins Krankenhaus brachte. Er hatte im Altenheim einen Herzinfarkt erlitten und wurde erst nach einigen Minuten gefunden, das Personal hatte seine Pflicht getan und ihn reanimiert. Aber "reanimiert" wurde nur noch sein Herz. Nach ein paar Tagen hörte dann auch dieses auf zu schlagen. Da er zuletzt auf der Entbindungsstation lag - gelagert wurde -, prägte sich mir der Moment des endgültigen Abschieds für immer ein, denn als ich aus dem Zimmer des Toten trat, spazierte ein junges Paar mit einem Säugling an mir vorbei und es gibt wohl keine bessere Szene, um die ewige Wiederkehr des Lebens mit den eigenen Augen zu bestaunen. Geburt und Grab, ein ewiges Meer.  

Dieses Krankenhaus machte mir fortan Angst, ich mied es, wenn ich konnte. Aber nun saß ich ja in einem Klinikum in einer Großstadt um die Ecke. Dort hatte ich eine heftige Woche verbracht, ich bloggte kürzlich darüber.

Tagsüber wanderte ich regelmäßig über die Station. Dort saßen einige Patienten herum, die auf eine ärztliche Untersuchung warteten. Einige sahen schlimm aus, als seien sie verprügelt worden: Geschwollene Gesichter, verquollene Augen, riesige Blutergüsse.


Kranke Menschen


Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft.
(Mark Twain)


Klinikum einer westdeutschen Großstadt

Das deutsche Gesundheitssystem ist eins der teuersten der Welt. Laut Wikipedia arbeiteten vor 10 Jahren 4,4 Millionen Menschen in der Gesundheitswirtschaft. Das waren gut zehn Prozent aller Beschäftigten in Deutschland. Eine halbe Million Pflegekräfte arbeitet in deutschen Krankenhäusern und betreut Patienten in ebenfalls einer halben Million Krankenhausbetten. Über 17 Mio. Fälle werden dort jährlich behandelt.

Da diese Statistik  nur die Kranken in Krankenhäusern beschreibt, stellt sich mir die Frage: Gibt es überhaupt noch GESUNDE in Deutschland? Ich persönlich glaube: Nein.

Warum glaube ich das nicht? Weil ich seit Jahren an einer Schule arbeite. Dort laufen relativ viele Menschen herum, Schüler und Lehrer. Und weil ich weiß, wie hoch Krankenstände sein können, unter Schülern, aber auch bisweilen unter Lehrern. 

Und weil ich Menschen kenne - beispielsweise Krankenschwestern und -pfleger, die auch noch sterbenskrank zur Arbeit gehen, weil sie nicht wollen, dass ihr Fehlen zur Mehrarbeit von Kolleginnen und Kollegen führt. 

Und nicht zuletzt, weil ich im Klinikum Patienten sah, die noch morgens Patienten der HNO-Ambulanz waren und sich mittags zum Rauchen vor dem Klinikum trafen.

110.000 bis 140.000 Tote pro Jahr gehen allein in Deutschland auf das Konto des Tabakkonsums. Und der Durchschnittsdeutsche trinkt pro Jahr im Durchschnitt 9,6 Liter reinen Alkohol.


Bis zum letzten Atemzug

Die Menschen verlieren zuerst ihre Illusionen, dann ihre Zähne und ganz zuletzt ihre Laster.
(Hans Moser)


Letzte Aussicht für viele: das Krankenbett. 


Seit Dienstag letzter Woche weiß ich, wie sich Sterben anfühlen kann: Man liegt in einem Bett, kann sich weder äußern noch rühren - und andere kümmern sich mehr oder weniger um einen. Man leidet, man leidet mehr, man beginnt, dies alles nicht mehr zu ertragen - aber man kann nichts mehr ändern. Es ist zu spät. Und man kommt aus dieser Lage (im Gegensatz zu mir) nicht mehr heraus. 

Am Ende wartet auf fast alle von uns das Krankenbett. Und nicht jeder hat das Glück wie ich, es zwischendurch 40 Jahre lang nicht gesehen zu haben. 

Für mich stand am Ende meines Aufenthalts in diesem Krankenhaus fest: Ich will nicht als kranker Mensch sterben, - ich will gesund sein und dies auch bleiben! Ich will nicht hilflos enden, - ich will aktiv und nützlich sein bis zum Untergang! Und ich bin sicher: Nicht nur ich will das. Machen wir alle etwas mehr aus unserem Leben - so lange wir es können! Und bleiben wir - gesund!


Sonntag, 12. November 2017

Nahtod-Transit

"Der Tod lächelt uns alle an, das einzige, was man machen kann, ist zurücklächeln!" (Marcus Aurelius)


Vor einigen wenigen Wochen noch saß ich glücklich am Ufer des Mittelmeeres, schlürfte entspannt einen französischen Kaffee und genoss im T-Shirt die Sonne. Eine Woche später lag ich künstlich beatmet auf einer Intensivstation in Deutschland. Wie das? Ein Bericht.


"Hab keine Angst -  wenn ich müde werde, helfen mir die Meerjungfrauen weiter!" (Le Grand Bleue)

Alter Hafen von Marseille, Frankreich


Marseille, Sonntag, 22.10.2017

Mit zwei Stapeln Klausuren im Gepäck erreichte ich Marseille noch am späten Nachmittag. Ich checkte kurz in mein Airbnb-Appartement ein und nahm sofort für 2 Euro den Bus zum Alten Hafen (Vieux Port).
In Marseille war - anders als in Deutschland oder noch im elsässischen Strasbourg, wo ich zuvor übernachtet hatte, - Sommer. Auch wenn einige empfindlichere Einheimische bereits  in Steppjacken unterwegs waren, konnte man es noch gut mit T-Shirt und zur Not mit einem dünnen Pullover aushalten.

Mein Appartement lag im Norden der Stadt. Ich beschloss, jeden Morgen früh aufzustehen, einige Klausuren zu korrigieren, und dann spätestens gegen Mittag ausgedehnte Wanderungen und Fahrten zu machen, was ich auch tat. Ich wanderte und wanderte. Ich wanderte, bis mir Rücken, Beine und Po so weh taten, dass ich spürte, dass ich in den letzten Monaten viel zu viel am Schreibtisch gesessen hatte. Sobald ich merkte, dass die Sonne zu stechen begann, fuhr ich heim. So schaffte ich immerhin einen sonnigen Urlaub ganz ohne Sonnenbrand.

Anse des Catalans, Marseille. 29.10.2017.

Eine Woche später, am 29. Oktober, wieder an einem Sonntag, badete ich trotz starken Windes im Mittelmeer, in der "Bucht der Katalanen" (Anse des Catalans). Eigentlich hatte ich das schon zwei Tage vorher versucht, mich aber auf dem Weg zum Strand ohne Navi ("Der Strand kann ja nicht so schwer zu finden sein!") hoffnungslos auf den Betonpisten Marseilles verfranst und war am Ende gar in Aix-en-Provence gelandet, 25 km außerhalb Marseilles. Auf dem Rückweg besuchte ich die ehemalige Künstlerkolonie L'Estaque. Von dort aus kann man die ganze Bucht von Marseille wunderbar überblicken.

L'Estaque - Blick über die Bucht von Marseille.

In L'Estaque wehte ein heftiger Mistralwind von Norden. Der Mistral ist ein sehr trockener Wind, der vom Rhônetal Richtung Süden weht, wenn über Mitteleuropa Tiefdruckgebiete rotieren. Er ist extrem stark und trocken; kalt ist er jedoch nicht. 

Sonntagabend verspürte ich ein leichtes Kratzen im Hals, später dann merkte ich, dass ich leichtes Fieber bekam, das aber nicht weiter anstieg. 

Zwischendurch las ich immer einen beeindruckenden Roman von Anna Seghers, er heißt "Transit" und spielt zur Zeit der Besetzung Frankreichs durch Deutschland im Jahr 1941/1942 - in Marseille.


Transit

"Hier mussten immer Schiffe vor Anker gelegen haben, genau an dieser Stelle, weil hier Europa zu Ende war und das Meer hier einzahnte, immer hatte an dieser Stelle eine Herberge gestanden, weil hier eine Straße auf die Einzahnung mündete. Ich fühlte mich uralt, jahrtausendealt, weil ich alles schon einmal erlebt hatte, und ich fühlte mich blutjung, begierig auf alles, was jetzt noch kam, ich fühlte mich unsterblich." (Anna Seghers, Transit)


Lieblingsort des Ich-Erzählers aus "Transit": Das Café am Vieux Port


Der Ich-Erzähler in Anna Seghers' Roman sitzt Anfang der 40er-Jahre in Marseille fest. Deutschland marschiert in Frankreich ein; in Marseille drängen sich die Flüchtlinge, die Bürokratie hindert jedoch viele an der schnellen Ausreise. Bevor man die Stadt und das Land verlassen kann, muss zunächst eine Ausreisegenehmigung her, die man aber nur erhält, wenn eine Bescheinigung vorliegt, dass einen ein anderer Staat auch aufnimmt, ein Visum muss also beschafft werden, für das man aber wiederum zunächst Bescheinigungen zur Durchreise anderer Länder benötigt, so genannte Transits (und dazu muss man auch eine Fahrkarte vorweisen, denn sonst geht alles wieder von vorne los). Eine kafkaeske Kälte durchweht den gesamten Roman.

Der Erzähler macht es sich mehr oder weniger ohne Geld in Marseille erst einmal "gemütlich", und eine Dreiecksgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler, einer (wie könnte es anders sein?) schönen und interessanten Dame sowie ihrem eher distanzierten Lebensgefährten, einem Arzt, nimmt ihren Lauf - und endet tragisch.

Die Erzählung schlug mich nach und nach immer stärker in ihren Bann, und ich ging auf Spurensuche. Ich saß im Lieblings-Café des Ich-Erzählers (bzw. an dessen ehemaligem Standort, denn 1943 ließ Heinrich Himmler durch Wehrmacht und Waffen-SS die halbe Altstadt Marseilles sprengen, da ihm das alles zu unübersichtlich war und man Résistance-Angriffe fürchtete. Das Kriegsverbrechen wurde nie geahndet), ich besuchte die Rue de la Providence, in der der Erzähler gewohnt hatte; ich durchschritt die kurze Rue du Relais, in der der Arzt und die Dame gewohnt hatten, ich schlenderte jeden Tag den Cours Belsunce hinauf und herunter (Marseille ist sehr hügelig), und ich besuchte andere Orte des Geschehens, sogar am mexikanischen Konsulat war ich kurz, freilich, ohne jeden vernünftigen Grund. Die Hauptstraße La Canebière war eh Dreh- und Angelpunkt meiner Buslinie zu meinem Appartement.

So ging die Woche vorüber, doch am Montag nach meinem Bad im Mittelmeer wachte ich mit einem entzündeten Rachen auf und beschloss, einmal einen Einkaufs-, Aufräum- und Pausentag einzulegen. Ich knabberte an einem afrikanischen Weißbrötchen, es tat weh.

Dies war dann für über eine Woche die letzte feste Nahrung, die ich zu mir nahm.


Transit nach Deutschland 

Der Dienstag begann noch unangenehmer als der Montag: Mein Hals war entzündet, beim Atmen rasselte es ein wenig. Ich dachte kurz an das Hôpital Nord, das ich im Norden der Stadt auf dem Weg nach Aix en Provence im Vorüberfahren gesehen hatte: ein 50er- oder 60er-Jahre-Bau, riesig, anonym - und man sprach vermutlich nur französisch. Die Website des Klinikums war tot. Ein Ort zum Sterben.

Ich checkte aus.

Da mein Tank fast leer war, fuhr ich zunächst wieder Richtung Aix-en-Provence - einen nur kleinen Umweg, wie ich meinte -, denn dort hatte ich an der Autobahn kurz hinter Marseille eine Tankstelle gesehen. So würde es am schnellsten gehen, und das musste es auch, denn als ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, doch die 1100 km nach Deutschland zurückzufahren, war es bereits mittags um halb eins. An der Tankstelle fuhr ich in Gedanken vorbei.

Erst bei Aix-en-Provence bemerkte ich meinen Fehler, zum Glück sah ich an einer Ausfahrt eine weitere Tankstelle und kreuzte unter dem Hupen Einheimischer alle Fahrbahnen und fuhr ab. 50 Liter später war der Tank voll, und es konnte weitergehen.

Leider entpuppte sich der "kleine" Umweg als schier endlos, da ich via Landstraßen und Umleitungen über alle möglichen kleinen (allerdings auch sehr hübsche) Dörfer geleitet wurde. Als ich endlich wieder auf der Autobahn war und an der Aire de Portes-lès-Valence meine erste Rast benötigte, hatte ich noch ganze 870 km vor mir, also etwa zweimal die Strecke Hamburg - Köln.

Schon um 17:30 Uhr ging die Sonne unter. Fortan fuhr ich im Dunklen und hatte eher wenig Glück mit meinen Rastplätzen; auf den meisten standen nur ein paar einsame Lkw herum, alles war nahezu unbeleuchtet. Ich hielt jetzt nur noch, wenn ich unbedingt musste, die zweite Tankfüllung würde bis daheim reichen.

An Essen war nicht zu denken, jedes Schlucken tat höllisch weh. Ich trank auch nur noch winzige Portionen. Gleichwohl konnte ich ganz prima Auto fahren, vermutlich kann ich das sogar als Zombie noch.

Um kurz nach Mitternacht traf ich zu Hause ein und wollte nur noch sterben. Ich war sogar zu erschöpft für die Notaufnahme und beschloss, die Nacht noch einmal zu Hause zu verbringen. Trotz Schmerzen schlief ich sofort ein und bis 6 Uhr durch.


Im Klinikum

Am nächsten Tag fühlte ich mich etwas erholter, gleichwohl war der Hals noch stärker angeschwollen, auf der linken Seite beulten die Lymphknoten den Hals bereits wie Kugeln von innen aus. Ich fuhr ins Klinikum (zunächst ins falsche, dann ins richtige) und marschierte in die Notaufnahme, wo man mir bedeutete, dass man a) einen chaotischen Tag mit vielen Notfällen habe und ich b) jetzt einer davon sei, der ziemlich umgehend operiert werden müsse ("Verdacht auf Abszess"). Ich konnte noch schnell ein paar WhatsApp-Nachrichten an die Familie absetzen, dann ging es auch schon in den Operationssaal und mein weiteres Schicksal lag in den Händen der Ärzte.


"Nahtod"

"Du schlägst die Augen auf - in einem Krankenhaus." (Die Toten Hosen)

Im Klinikum.


Den Rest vom Dienstag und den ganzen Mittwoch lag ich intubiert unter Narkose auf der Intensivstation, letztlich handelte es sich um eine ausgedehnte "Mandel-OP". Zudem wurde etwas entfernt, das die Ärzte als "beginnenden Abszess" beschrieben. Da meine eigenen Erinnerungen nach einem wohl heftigen Durchgangssyndrom von dem abweichen, was man mir schilderte, hier nur die Kurzfassung:

  • Es gab leichte Komplikationen während der Narkose, ich wurde tachykard, später ging mein Puls auf 40 runter.
  • Nach der Narkose muss ich manischen Unsinn erzählt und wild um mich gefuchtelt haben (in meiner - vermutlich falschen - Erinnerung habe ich einen lustigen Spruch gemacht, na ja, vielleicht war er nur für mich lustig), so dass man mich fixierte und mir Haloperidol (ein Neuroleptikum, mit dem man normalerweise schizophrene Symptome behandelt) verabreichte, woraufhin ich noch einen weiteren Tag vollkommen katatonisch wurde.
  • Man fuhr mich zuerst auf eine normale Station, dann wieder zurück auf die Intensivstation. Ich konnte gerade so atmen und nur mit der rechten Hand irgendwelche Zeichen, eigentlich nur drei (Daumen hoch, runter oder ein So-lala-Zeichen), machen. An diesen Tag habe ich volle Erinnerungen, aber ausschließlich traumatische.

An den Tagen danach wurde ich stabiler und wacher und bekam auch wieder Besuch, und meine Tochter (21) fragte mich: "Hattest du eine Nahtod-Erfahrung?"
Ich dachte kurz für mich: "Das WAR die Nahtod-Erfahrung! Näher ran geht nicht.", antwortete aber: "Nein."

In meiner (vermutlich falschen) Erinnerung war ich durchgehend bei Bewusstsein, jedoch vollkommen bewegungsunfähig, atmete durch einen Schlauch und habe tagelang nur darauf gewartet, dass etwas passiert, bis ich dann am dritten Tag wieder auferstand. Ein totaler Alptraum.


Heim-Transit

"[Der Hafenamtsvorstand] fragte: 'Wo ist Ihr Flüchtlingsschein?' Ich kramte Yvonnes Schein hervor. Er kam zu den Akten. Das Hafenamt stempelte. Ich war abfahrtsbereit."

(Anna Seghers, Transit)

Nach drei Tagen auf einer normalen Station kam ein neues Problem hinzu: Ich war hoffnungslos unterbeschäftigt und mental ausgelaugt. Kein Problem im medizinischen Sinne, für mich aber schon. Das einzige Buch, das ich noch lesen konnte, eine Biografie, war viel zu detailfixiert und langweilig, das Smartphone gab auch nichts mehr her, den Fernseher teilte ich mir mit einem älteren Herren und wir guckten aus gegenseitiger Rücksichtnahme eigentlich nur Nachrichten zusammen (was im Prinzip toll war - auf anderen Zimmern hatte ich RTL II oder Kika mitanschauen müssen). Ich wollte dennoch heim.

Nun kommt man in Krankenhäuser leichter hinein als wieder hinaus. Am Montag hatte ich dann ähnliche Erlebnisse wie ein "Transit"-Ausreisewillger in Marseille auf dem mexikanischen Konsulat: Irgendwo fehlte immer noch etwas, eine Information, eine Unterschrift, alles drohte sich um weitere Tage zu verzögern, und ich war dabei sicher: Noch einen Tag im Krankenbett ertrage ich nicht mehr. An dieser Stelle sei jedoch angemerkt, dass die Versorgung exzellent war und Ärzte sowie Schwestern und Pfleger mehr als kompetent waren! Und gegen ihren Rat wäre ich nicht auf eigene Verantwortung gegangen. Aber ich wollte raus. Doch meinen "Transit-Schein" bekam ich nicht so schnell.

Es folgte zunächst eine Untersuchung meines Rachens - alles sah nicht schlecht aus -, doch dann kamen noch neue Zweifel auf:

"Nach einer Mandel-OP muss man noch mindestens vier Tage auf Station bleiben."
"Die sind gerade um."
"Das muss ich nachprüfen."

Sie waren um. Gerade so.

"Ich brauche noch die Zustimmung des Oberarztes."
Der Oberarzt stimmte zu.

"Wir brauchen noch den Stempel. Wo ist der?"
Er fand sich.

Mir wurden Auflagen gemacht:
  • Am nächsten Tag wieder vorstellig werden zum Nachcheck! 
  • Nicht zu weit vom Klinikum entfernen, keine Reisen, kein Sport, kein warmes Bad, keine heißen Duschen, keine Anstrengungen! 
  • Bei der kleinsten Blutung oder Nachblutung im Rachen sofort 112 rufen und mit dem Rettungswagen zurückkehren! 

Ich sagte alles zu, die Ärztin stempelte. Ich war abfahrtsbereit.





PS.: Heute geht es mir bis auf die noch schmerzende Wunde im Rachen wieder ganz gut.

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Weblinks

Marseille in einer Minute https://youtu.be/bBkK69q30Aw

Carnets de Julie (frz.) - Marseille (beginnt in L'Estaque) https://youtu.be/Z-aPMumWZT8

Marcel Reich-Ranicki über Anna Seghers - https://youtu.be/wMgik0UzpBE

Paul Czézanne - Blick über die Bucht von Marseille, von L'Estaque aus gesehen:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c8/Paul_C%C3%A9zanne_044.jpg

Dienstag, 18. April 2017

Bist du stolz auf deine Nationalität - oder geht es dir gut?

Deutsches Wappentier Seeadler im Schlosspark von Schloss Doorn.


Mein Blick fällt auf den Aufnäher an der Jacke der Fascho-Glatze, die mir im Bus gegenüber sitzt und auf dem zu lesen steht: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!". Arme Sau, denke ich, hast nichts, bist nichts, kannst auf nichts stolz sein außer auf deine Herkunft.
Einen Moment lang bin ich in Versuchung, die deutsche Dumpfbacke zu fragen, was genau eigentlich seiner Meinung nach ein Deutscher ist und warum man darauf stolz sein darf oder muss, lasse es dann aber, weil ich nicht mit Idioten diskutiere.

Mein Vater war auch immer stolz, Deutscher zu sein. Geboren wurde er 1924 in Danzig, das nach dem 1. Weltkrieg zwangsweise nicht mehr zum Deutschen Reich gehörte. In seinem Pass stand daher "Bürger der Freien und Hansestadt Danzig", aber nicht "Deutscher".
Endlosen Diskussionen in meiner Jugend konnte ich entnehmen: Man ist anscheinend immer dann besonders stolz, etwas zu sein, wenn man es aus irgendwelchen Gründen doch nicht ganz ist und eben nicht so ganz dazu gehört.

Hier erschoss sich Hitler, 8 Meter unter der Erde.

Der übertriebene Nationalstolz der Deutschen in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges - Ergebnis eines landesweiten Minderwertigkeitsgefühls infolge einer demütigenden Niederlage - mündete bekanntermaßen in der Ernennung Adolf Hitlers durch Reichspräsident Paul von Hindenburg zum mehr oder weniger letzten deutschen Reichskanzler (Goebbels durfte ja auch noch einen Tag Kanzler spielen, bevor er seine sechs kleinen Kinder vergiften ließ und auch Suizid beging). Hitler selber war gebürtiger Österreicher, aber anscheinend wollte auch er gerne "stolz sein, ein Deutscher zu sein" und dazugehören. Zwanzig Jahre zuvor hatte er noch als Arbeitsloser in einem Wiener Männerwohnheim gehaust und mit dem Verkauf wenig origineller Sehenswürdigkeiten-Aquarelle seinen Lebensunterhalt aufgebessert.

Im von Hitler angezettelten 2. Weltkrieg, der 1939 sinnigerweise in Danzig begonnen hatte, starben etwa 50 Mio. Menschen, Hitler selbst schoss sich dann am 30. April 1945 in der Mitte der deutschen Hauptstadt, 8 Meter unter der Erde in seinem Bunker, eine Kugel in seinen deutsch-österreichischen Kopf, mein Danziger Vater hingegen hatte etwas mehr Glück und überlebte den Krieg knapp. Seine Heimatstadt, von Polen annektiert, sah er dann 45 Jahre lang nicht wieder - bis 1990. Ich begleitete ihn damals. Als Bürger der Nachkriegs-BRD zeigte er nunmehr bei vielen Gelegenheiten gerne seinen Stolz, ein Danziger zu sein.
Sein Bücherregal war voller Bücher über die ruhmreiche Geschichte der alten deutschen Hansestadt. Auf den ersten Seiten seiner Bücher pflegte er handschriftlich zu vermerken: "Kurt Schinka, Hundegasse 124, Danzig, Westpreußen. Zur Zeit Westdeutschland."


63 Prozent der türkischen Wähler in Deutschland stimmten beim Verfassungsreferendum 2017 für die Umwandlung der Türkei in einen "Führerstaat".

Auch heute leben wir in einer Zeit, in der Heimatstolz und Nationalgefühl überall wieder in Mode zu kommen scheinen. Nationalistische Parteien wie Front National oder AfD fahren z. T. hohe zweistellige Ergebnisse ein, in Deutschland lebende nationalistische Türken jagen mit überwältigender Stimmen-Mehrheit die west-orientierte laizistische Republik Atatürks zum Teufel, Trump-Anhänger in den USA recken ihre Arme zum "Sieg-Heil"-Gruß wie einst deutsche Nationalsozialisten. Der Rest schäumt und tobt bei Facebook gegen Mitbürger, als gäbe es kein Morgen mehr. Eins ist ihnen allen gemeinsam: Sie sind irre stolz, Angehörige ihrer Nationalität zu sein. Und ansonsten vielleicht auch unglücklich, weil sie etwas anderes eben nicht sind: zum Beispiel weltoffen, fortschrittlich, integriert oder gebildet.

Stolz sein kann man nur auf eine Leistung.
Auf eine Leistung zum Wohl einzelner, vieler oder für die Gesellschaft.
Auf eine besondere künstlerische Leistung.
Auf die Spuren der Liebe, die man im Leben hinterlässt.

Allerdings nicht auf seinen Hass gegenüber Fremden, nicht auf sein Rumgepöbel auf Facebook, nicht auf das Pflegen und Schüren von Vorurteilen gegen andere. Und schon gar nicht auf seine Hautfarbe, seine Herkunft oder seine Muttersprache, denn all das wurde einem in die Wiege gelegt. Man kann froh sein, Deutscher zu sein - stolz darauf sein kann man nur als Zugewanderter vom anderen Ende der Welt.

Und wenn man noch immer besonders stolz auf seine Nationalität, Rasse oder Religion ist, dann sollte man sich auch fragen, auf welcher anderen Seite und warum man dort noch immer ein kleines Würstchen ist.

Fragen Sie Hitler.

Dienstag, 26. Juli 2016

Jesus Christus Erlöser

"Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe."
(Stimme vom Himmel, Matthäus 3, 16)


"Wehe euch Priestern! Ihr schämt euch nicht, euch öffentlich die Hände küssen zu lassen und euch "Heiliger Vater" nennen zu lassen! Warum soll man euch die Hände küssen - und warum seid ihr heilig? Und von wem seid ihr Vater?"

Klaus Kinski, 1926 im damals deutschen, heute polnischen Zoppot geborener Schauspieler, bekannt und gefürchtet als arroganter Gast verqualmter deutscher Talkshows der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts, weniger bekannt als mutmaßlicher Kinderschänder (seine Tochter Pola beschuldigte ihn, er habe sie als Kind sexuell missbraucht), jener Klaus Kinski also tourte im Jahre 1971, den Jesus gebend, durch die westdeutsche Bundesrepublik und zitierte hierbei umfassend aus dem Neuen Testament. Kinski hatte, das muss man ihm lassen, auf 30 Manuskriptseiten schön zusammengefasst, was quasi die Essenz dessen ist, was Jesus vor zweitausend Jahren predigte. Kinski fügte lediglich einige aktuelle Bezüge, etwa zum Vietnamkrieg, hinzu. 

Das Berliner Publikum tobte, allerdings weniger im positiven Sinn. Schon nach wenigen Sekunden wurde der Künstler rüde unterbrochen: "Kinski raus!" "Du hast doch nie gearbeitet!" (Applaus); "Der onaniert doch ständig in die Luft!". Kinski musste sich so einiges anhören und vieles einstecken.

Dann begann er auszuteilen und beschimpfte seinerseits recht drastisch das Publikum ("Komm, halt deine Schnauze, damit du jetzt hörst, was ich jetzt sage!"; "und vor allem, komm DU jetzt hierher, der so ein großes Maul hat!"; "Nein, er hat nicht gesagt: ‚Halt die Schnauze‘. Er hat eine Peitsche genommen und hat ihm in die Fresse gehauen! Das hat er gemacht, du dumme Sau! Und das kann dir auch passieren!") und drohte mehrfach mit Abbruch seiner Show ("Entweder, die anderen, die nicht zum Gesindel gehören, schmeißen die anderen jetzt raus - oder sie haben ihr Geld umsonst bezahlt!").






Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: "Eli, Eli, lama asabthani?" das ist: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Wahrlich, ich sage euch ...


Hört man sich die komplette Vorstellung heutzutage an (Kinski begann nach Abzug des Großteils der Störer die gesamte Vorstellung einfach noch einmal von vorne), verliert man leicht den Blick auf den eigentlichen Inhalt: Wort und Wirkung des Jesus von Nazareth.

Das Anschauen des Videos hatte meine Neugier geweckt: Waren die sprachlich so gewaltigen Sätze Kinskis eigentlich Originalzitate von Jesus? Ich nahm ein Neues Testament zur Hand, las das Evangelium von Matthäus nach und schrieb - ganz Naturwissenschaftler - all diejenigen Jesus-Zitate heraus, die keinen Bezug auf Wundersames, Überirdisches oder Göttliches enthielten. Dann hielt ich überrascht inne. Die Sätze strahlen auch zweitausend Jahre danach noch vor unglaublicher Kraft, vor zeitloser Richtigkeit und vor vollendeter sprachlicher Schönheit. Dies sind sie:


  • Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung?

  • Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.

  • Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?

  • Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!

  • Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

  • Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

  • Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande und im eigenen Hause.

  • Was zum Munde eingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was zum Munde ausgeht, das macht den Menschen unrein.

  • Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

  • "Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! und "du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

  • Wahrlich, ich sage euch: ein Reicher wird schwer ins Himmelsreich kommen.

  • Und Jesus ging hinweg von dem Tempel, und seine Jünger traten zu ihm, dass sie ihm zeigten des Tempels Gebäude. Er aber sprach zu Ihnen: Sehet ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.

  • Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

  • Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.




Amen.



Dienstag, 15. März 2016

Sag' mir deinen Namen ...


Sherif Ali: "What's your name, English?"
 Lawrence: "My name is for my friends."
(Lawrence von Arabien)

Schweine im Weltall. Der Bezug zum Thema erschließt sich allenfalls am Ende des Textes.


Kürzlich las ich von einer verblüffenden Studie.

Irgendeinem Forscher war aufgefallen, dass der Name einer Person manchmal mit dem zu tun hatte, was sie beruflich macht. So hieß eine Meteorologin Freeze (engl. "einfrieren") ein Lehrstuhlinhaber für Anästhesiologie Tranquili, eine Journalistin Lies, ein Erzbischof Kardinal Sin (engl. für "Sünde").

Das Phänomen firmiert im Internet unter dem Schlagwort "nominativer Determinismus", was so viel bedeutet wie "Vorbestimmung durch den Namen". Personen mögen anscheinend die Buchstaben ihres eigenen Namens mehr als andere Buchstaben. Dieser "Name Letter Effect" gilt besonders stark für die Anfangsbuchstaben des eigenen Namens, bei Frauen speziell des Vornamens, da diese ja ihren Nachnamen des Öfteren durch Heirat ändern. Gleiches gilt anscheinend auch für die Zahlen unseres Geburtstags.

Sogar das Wahlverhalten wird laut einer Studie von diesem Effekt beeinflusst. Wer bei der Wahl des US-Präsidenten im Jahr 2000 einen Namen hatte, der mit B begann, der wählte eher George W. Bush. Menschen, deren Name mit G begann, tendierten hingegen zu Al Gore.

Das wirft bei mir die Frage auf, ob dies auch eine mögliche Erklärung dafür sein könnte, warum deutsche Bundeskanzler gerne schon mal Allerweltsnamen tragen wie Schröder oder Schmidt. Zwar werden die deutschen Kanzler ja indirekt gewählt, aber auf Wahlplakaten steht neben dem Parteinamen doch besonders der Kandidatenname im Fokus der Aufmerksamkeit.

Für die USA existieren auch Studien, die die Verbindung von Name und Wohnort untersucht haben. Und auch hier wurde man fündig:

"Wer Mildred heißt, wohnt eher in Milwaukee, Virginias hingegen wohnen eher in Virginia Beach [...] Und bei den Männern war es genau so: Jack wohnte eher in Jacksonville, Philip eher in Philadelphia." (Manfred Spitzer, Vom Sinn des Lebens. Wege statt Werke, S. 74-80). Ergebnis der Studie: Virginia und Georgia leben mit einer gegenüber dem Zufall um 36 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit in Bundesstaaten, die so heißen wie sie. Ein August wohnt mit einer 55 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit in einer Stadt namens St. Augustin. Das ist beeindruckend.

Und hier stutze ich. Ich heiße Reinhard Schinka und wohne in Remscheid - Autokennzeichen: RS! Bin ich nur deswegen nach Remscheid gezogen, weil ich die Buchstaben so mochte, weil sie meine Initialien darstellen? In der Tat hatte ich mich schon gefreut, mit RS auf dem Autokennzeichen quasi mein "eigenes" Kennzeichen zu bekommen, mir die Idee aber wegen der Gebühren von einer Mitarbeiterin der Meldestelle dann in letzter Minute wieder ausreden lassen ("Gehen Sie lieber essen von dem Geld!"). So habe ich immer noch mein altes GL-Kennzeichen (innerhalb der dortigen Kreisstadt Bergisch Gladbach gern als "Gottes Lieblinge" interpretiert, außerhalb meist als "die Gottlosen").


RS - Reinhard Schinka - oder doch Remscheid?


Geboren wurde ich übrigens in Rheinberg. Reinhard aus Rheinberg. Hm. Mein letzter Kreis, in dem ich gelebt habe, heißt hier abgekürzt "Rhein-Berg". Zufall? Ich habe 19 Jahre in Berlin gelebt. Dorthin verschlug es mich nur, weil ich überraschend in der Nähe keinen Studienplatz bekommen hatte. Ursprünglich hatte ich "am Rhein" studieren wollen.
Zog es mich deswegen 2006 unbedingt zurück in den Kreis "Rhein-Berg"? War das am Ende kein Zufall?

Für die Berufswahl von Menschen gilt, wie eingangs gesagt, Ähnliches: US-Bürger wie Dennis oder Denise werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Zahnarzt (Dentist), Lauras, Lawrences und Larrys hingegen Anwälte (Lawyer).

Nun dachte ich: Hey, Moment mal, ich heiße Schinka, bin aber weder Schlachter noch Schinkenverkäufer geworden, sondern Lehrer! Aber ich arbeite - in der "Schule"! Doch vielleicht ist das ja nur ein Verlegenheitsjob. Nebenbei hatte ich in den 80ern auch mal Comics gemalt. Die Hauptfiguren darin waren Weltraum-Schweine. Schweine! Da bekommt der Name Schinka doch gleich wieder mehr Bezug. Noch heute findet man ein paar Reste davon im Netz. Adresse: www.Schinkman.de


Samstag, 27. Februar 2016

Die unsterbliche Seele und das Lächeln deiner Mutter

"Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht weiß."
(Fjodor Michailowitsch Dostojewski)

Woraus besteht die Seele des Menschen? Gibt es sie überhaupt? Die Neurobiologie hat schon länger die Antwort. Allerdings ist dies bei den meisten Menschen noch nicht angekommen.

In meiner Lieblingsfolge der amerikanischen Fernsehserie "Raumschiff Enterprise" wird Captain Kirk Opfer eines Beam-Unfalls. Nach Kontakt mit einem gelben Metall wird der Captain vom Transporterstrahl in zwei Hälften gespalten: in eine gute und eine böse. Während der "gute" Kirk nett und warmherzig durchs Schiff wandert, fordert der "böse" vom Bordarzt rabiat eine Flasche Brandy, kippt sich diese zügig hinter die Binde und fällt umgehend über ein blondes weibliches Besatzungsmitglied her.

Einige Ereignisse weiter stellt sich heraus, dass beiden Exemplaren wesentliche Eigenschaften des jeweils anderen fehlen. So hat der "gute" Kirk zwar keinerlei Angst, allerdings ist er unfähig, Entscheidungen zu treffen, da er es jedem recht machen möchte, womit wiederum der "böse" Kirk keinerlei Probleme hat und beispielsweise vollkommen empathiefrei entscheidet, mal eben ein paar Besatzungsmitglieder auf dem Planeten unter sich erfrieren zu lassen. Jedoch steckt dieser voller Angst vor der eigenen drohenden Vernichtung und bricht schlussendlich weinend in den Armen des "guten" Kirk zusammen.

Das Happy End: Beide Kirks werden einmal hinunter- und wieder heraufgebeamt und sind wieder EIN Kirk - EIN Mensch mit allen seinen "guten" und allen seinen "bösen" Eigenschaften. 
Fazit: Die Eigenschaften der Persönlichkeit Kirks sind wie bei allen Menschen eigentlich weder gut noch böse, erst deren Mischverhältnis und Grad der Aktivität und Ausprägung entscheiden, ob er "gut" oder "böse" handelt.



"Ich bin Captain Kirk!" - die böse Seite des in zwei Hälften gespaltenen Captains rastet aus.


Was den Machern des Films wohl in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts nicht bewusst war: Sie haben mit ihrer Aufteilung der menschlichen Psyche den jüngsten Erkenntnissen der Neurobiologie vorgegriffen. Heutzutage würde man es so formulieren: Beim "guten" Kirk sind Bereiche des Gehirns, die für Empathie und Mitgefühl zuständig sind, weiterhin aktiv, während sie es beim "bösen" Captain nicht sind, der zudem offenbar im Bereich des orbitofrontalen Cortex keine nennenswerte Aktivität mehr aufweist, denn dieser ist zuständig für die moralische Bewertung menschlichen Handelns (weiter unten mehr dazu). Dafür scheint der "böse" Kirk stark von seiner Amygdala (genauer: seinen Amygdalae - es gibt zwei davon), dem "Angstzentrum", gesteuert  zu werden, welche wiederum beim "guten" Kirk nicht aktiv ist.

Falls Sie jetzt stutzen und denken: Moment mal, meine unsterbliche Seele kann man doch nicht einfach mal eben so irgendwelchen Gehirnlappen zuordnen und diese ein- und ausschalten, so muss ich Sie enttäuschen: Doch, man kann! Und unsterblich ist Ihre Seele leider auch nicht. Dies schon mal vorweg.


Die so genannte Seele

"Ich habe so viele Leichen seziert und nie eine Seele gefunden."
(Rudolf Virchow)

Der Begriff "Seele" stammt aus dem Altgermanischen und hat die Grundbedeutung "die zum See Gehörende". Nach altgermanischer Vorstellung wohnten die Seelen der Ungeborenen und Toten im Wasser. Da der Begriff "Seele" im Alltag oft gebraucht wird, stellt sich das Problem, dass zwar viele etwas Ähnliches, letztlich aber alles etwas Anderes darunter verstehen.

Neurobiologen verstehen darunter eine Mischung aus:
  1. Stressverarbeitungs- und Selbstberuhigungssystem
  2. Bindungs- und Motivationsfähigkeit
  3. Lern- und Sozialisationsresultaten
  4. Impulshemmung und Risikowahrnehmung
Würde man den Zustand dieser vier Systeme bei einem Menschen genau kennen (was in der Regel nicht der Fall ist), könnte man sein Verhalten exakt vorhersagen. Und diese Systeme lassen sich in der Tat bestimmten Hirn-Arealen zuordnen, ihre Entwicklung beginnt zum Teil bereits vor unserer Geburt. Und das Lächeln unserer Mütter spielt dabei eine ganz zentrale Rolle.


1. Das Stressverarbeitungs- und Selbstberuhigungssystem

"Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt."
(Ralph W. Emerson)

"Es ist nichts zu fürchten als die Furcht."
(Ludwig Börne)


"Keine Experimente!" - Das Festhalten an Gewohntem wird vom Gehirn als Belohnung empfunden. Konrad Adenauer gewann die Wahl mit großer Mehrheit.

Von CDU - Diese Datei wurde Wikimedia Commons freundlicherweise von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen eines Kooperationsprojektes zur Verfügung gestellt. CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16173764


Die berüchtigte "German Angst"


Woher kommt die Angst? Gerade uns Deutschen sagt man nach, ein besonders ängstliches Volk zu sein. Der Durchschnittsdeutsche hat Angst vor Atomenergie, vor drohendem sozialen Absturz, vor "Überfremdung", vor Fluglärm, vor Dieben, Impfschäden, Lebensmittelgiften und Handy-Strahlen. Ich hatte einmal eine (übrigens sehr nette) Kollegin, die sogar den Firmen-Monitor ihres Computers im Büro auf gesundheitsgefährdende Strahlung hin untersuchen ließ. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie nebenbei eine starke Raucherin war.

An erster Stelle rangiert bei uns Deutschen die Angst vor Veränderungen. Wir stecken voller Verlust-Aversionen. Dabei wurden die alten Germanen noch als äußerst mutige und furchtlose Gestalten beschrieben. Was ist passiert? Nun, hier werden schlicht Äpfel mit Birnen verglichen, denn Angst und Furcht sind zwei grundsätzlich verschiedene Dinge. Furcht empfindet man beim Anblick einer großen Giftspinne, und das ist auch sehr gut so. Wer sich vor großen Giftspinnen nicht fürchtet, möchte sie vielleicht auf den Arm nehmen und streicheln - und könnte überraschend Probleme bekommen, seine Gene an die nächste Generation weiterzuvererben. 
Angst hingegen kann man auch haben, ohne dass die Spinne im Raum ist. Das bloße Gefühl, man könnte ja schon in Kürze einer giftigen Spinne zum Opfer fallen, lässt manche Menschen vor Angst erstarren. Der Witz besteht darin, dass die meisten Menschen Angst haben, während die Dinge um sie herum eigentlich ganz in Ordnung sind. Angst vor Arbeitslosigkeit haben ausschließlich Menschen, die einer bezahlten Arbeit nachgehen. Die Angst vor Ausländern, Migranten und Asylsuchenden ist besonders hoch in Regionen, in denen es kaum welche gibt.

Wie kommt das? Ein Festhalten an Gewohntem wird biochemisch als Belohnung wahrgenommen. Kann man sich in gewohnten Bahnen und Abläufen bewegen, empfindet der Körper eine Art "Grundglücklichkeit". Und jede Nachricht über bevorstehende Veränderungen wird als unangenehm empfunden. Das ist nicht nur bei Sachsen oder Deutschen so, dies ist bei allen Menschen gleich. 
Wie bedrohlich ich die Welt empfinde und wie sehr ich Bedrohungen und Misserfolge fürchte (besser: Angst vor ihnen habe), wie sehr ich Sicherheit suche - das wiederum ist bei vielen Menschen unterschiedlich entwickelt - und entscheidet sich bereits vor unserer Geburt.

Wenn der "Wutbürger" sich nicht abregen kann


Dauerängstliche oder -besorgte Menschen unterscheiden sich hierbei auf folgende Art und Weise: Bei ihnen herrscht im Körper im Vergleich zu weniger ängstlich-besorgten Zeitgenossen ein Mangel an Serotonin 1A und endogenen Opiaten, dafür aber ein erhöhter Spiegel an Serotonin 2A und den Stresshormonen Noradrenalin und Cortisol.
Serotonin ist ein Hormon, das sehr komplex wirkt. Vereinfacht gesagt, ist es ein "Beruhigungshormon", das dem Körper mitteilt: "Ist schon gut, reg dich wieder ab!" Beim ängstlich-aufgeregten neurotischen "Wutbürger" - laut Spiegel online "plump, ungebildet, ordnungsbesessen, nationalistisch, fremdenfeindlich, wutgetrieben, kompromisslos, strafend, zentralistisch"- funktioniert dieses Abregungssystem weniger gut, - und ein Mensch voller Ängste sitzt einem gegenüber, verzweifelt vor Gram im Angesicht all der drohenden Gefahren, die er in seiner Umwelt wahrzunehmen meint.

Das Stressverarbeitungssystem des Menschen funktioniert normalerweise etwa so: Eine kleine Stelle im Zwischenhirn, der so genannte Hypothalamus - gerade einmal so groß wie eine Fingerkuppe und nur 5 g schwer - schüttet zunächst ein Releasinghormon aus, das die noch kleinere Hypophyse (eine Drüse aus Nervenzellen) in der Nähe veranlasst, Adrenalin und Noradrenalin auszuschütten, zwei Hormone, die über den Blutkreislauf zur Nebenniere gelangen (eine Art Kappe, die auf den Nieren sitzt), wo die Ausschüttung des weiteren Stresshomons Cortisol veranlasst wird. Während Adrenalin und Noradrenalin eher für akute Stresssymptome wie z. B. einen beschleunigten Herzschlag zuständig sind, bewirkt eine dauerhaft hohe Dosis an Cortisol im Körper nicht nur Unruhe, sondern auch eine Dämpfung des Immunsystems - einer der Gründe, warum wir bei Dauerstress oder nach anstrengenden Wettkämpfen oft krank werden.

Aufregen, abregen


Zum Glück existiert im Körper eine negative Rückkopplung, das heißt, wenn viel Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin den Körper fluten, wird dies in im Hypothalamus-Hypophysen-System registriert und die Ausschüttung der Hormone in diesem Bereich wird wieder gedrosselt. Im Selbstberuhigungssystem wird mit Hilfe des "Beruhigungshormons" Serotonin über den Hirnstamm auf Hippocampus, Amygdala ("das Angstzentrum") und Großhirnrinde zurückgewirkt. Dieser Mechanismus funktioniert beim dauerängstlichen oder depressiven Menschen teilweise nicht. Folge sind eine erhöhte Bedrohungsempfindlichkeit und eine verminderte Frustrationstoleranz.

Dies erklärt nebenher auch, warum unter Stress die Rigidität des Verhaltens ansteigt. Die Aktivität des Cortex (der Bereich des Gehirns, wo bspw. Mathematik-Aufgaben gelöst werden sollen) wird gedämpft, die der Amygdala steigt - daher geraten Mathe-Arbeiten für Menschen, die sich vor Mathe-Arbeiten ängstigen, immer wieder zum Flop - und jeder Flop verstärkt die Angst vor der nächsten Mathe-Arbeit - ein Teufelskreis.

Und noch ein Problem: Die Amygdala vergisst nicht. Was einmal fehlkonditioniert wurde, ist praktisch unauslöschlich dort eingebrannt.

Aber warum haben Menschen wie die oben geschilderte Kollegin zwar Angst vor Computerstrahlen, aber nicht vor der Gefahr, an Lungenkrebs zu erkranken? Auch dies ist neurobiologisch erklärbar: In den Momenten, in denen bei einem Raucher der Wunsch nach der nächsten Zigarette entsteht, steigt die Hirnaktivität vor allem im präfrontalen Cortex, in der Amygdala und im Ventralen Tegmentalen Areal (VTA)  an. Zudem steigt der Serotonin-Spiegel ("Beruhigungshormon"), das wiederum den Spiegel des "Stresshormons" Cortisol senkt. Bereits der bloße Gedanke an eine Zigarette - macht Raucher glücklich.
Und das regelmäßige Rauchen wird als Gewohnheit zusätzlich als Belohnung empfunden, Phasen der Abstinenz jedoch als Bestrafung. Raucher kennen das. 

PS.: Eine Etage tiefer im Gehirn, im vegetativen Hirnstamm, der untersten limbischen Ebene des Gehirns, sitzt noch unser unmittelbares Überlebensprogramm, das uns am Leben erhält, mitsamt seinen angeborenen Reaktionen: Neben den vegetativen Zentren geht es hier um Hunger und Durst, um Sexualität, Organsteuerung, Kreislauf, Blutdruck, Atmung sowie um die Steuerung von Schlafen und Wachen, aber auch um Affekte wie Aggression oder Flucht - kurz gesagt: ums menschliche "Temperament". Dieser vollkommen unbewusst vor sich hin arbeitende Bereich ist durch Erfahrung oder Erziehung nicht beeinflussbar und soll hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden.
Kommt er zum Erliegen, sind wir tot. 

Traumatisierte Mutter, depressives Kind


Wie entsteht nun ein gestörtes Stressverarbeitungssystem und damit ein Mensch, der sich nicht mehr richtig selbst beruhigen kann?

Stressstoffe wie Cortisol können die Blut-Hirn-Schranke im Gehirn des Embryos passieren. So entstehen vorgeburtliche Beeinträchtigungen, etwa wenn die schwangere Mutter traumatisiert wurde. Das Gehirn der Mutter fungiert hier quasi als Matritze für die Andockstellen des Cortisols im Gehirn des sich entwickelnden Embryos. So wird bereits kurz nach der Entstehung des kindlichen Gehirns dort über die hormonellen Einflüsse der Mutter epigenetisch entschieden, ob das Kind später ein funktionierendes Stressverarbeitungs- und Selbstberuhigungssystem haben wird - oder ob nicht.

Eine traumatisierte, depressive Mutter hat also bereits vorgeburtlich einen möglicherweise verheerenden Einfluss auf die Ausbildung einiger späterer Persönlichkeitsmerkmale: auf das Maß an Offenheit/Verschlossenheit, auf Selbstvertrauen und Zuversichtsgefühl, auf die Ausprägung von Kreativität und Ordnungssinn, auf Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit des künftigen Erdenbürgers.


2. Das Bindungs- und Motivationssytem

"Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter."
(Helge Schneider)


Das Lächeln der Mutter des Autors (1968): Bindungsfähigkeit entsteht über frühkindlichen Blickkontakt. Diese frühkindliche Bindungserfahrung ist eigentlich die wichtigste Erfahrung in unserem Leben. Sie bestimmt entscheidend mit über unser späteres Selbstwertgefühl, unser Verantwortungsgefühl und unsere spätere Fähigkeit zur Empathie


Lächeln vollbringt viel Gutes


"Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann."
(Christian Morgenstern)

Man glaubt es nicht - aber für die seelische Entwicklung eines Menschen könnte nichts wichtiger sein als die Frage, ob er in seinen ersten Lebensjahren (besonders in den ersten drei) häufigen liebevollen Blickkontakt zu einer Bezugsperson hatte oder nicht.

Warum ist das so? Die basolaterale Amygdala, das ventrale tegmentale Areal (VTA), der Nucleus accumbens und die Basalganglien bilden die mittlere limbische Ebene der "Seele". Eine frühkindliche "Bindungserfahrung" bestimmt hier über die Entwicklung von Teilen des "Unbewussten Selbst" - beispielsweise die unbewusste Ebene der Wahrnehmung emotionaler kommunikativer Signale wie Mimik, Gestik, Körperhaltung oder von Pheromonen (Duftstoffen). Die Neurobiologen bezeichnen die Verarbeitungsfähigkeit dieser Dinge als menschliches "Bindungs- und Motivationssystem".
Eine Aktivierung des Motivationssystems kann durch Blickkontakt mit einem freundlich blickenden Menschen bewirkt werden (im VTA). Ein freundlicher Blickkontakt bewirkt zudem die Ausschüttung der Botenstoffe Dopamin ("Euphoriehormon") und Oxytocin ("Kuschelhormon") - das Lächeln einer geliebten Person macht Menschen glücklich!

In Versuchen verlängerte Oxytocin die Zeit, die Menschen damit verbrachten, anderen Menschen in die Augen zu blicken, und verbesserte ihre Fähigkeit, Emotionen im Gesichtsausdruck ihres Gegenübers abzulesen.
Durch Oxytocin können sogar in den Basalganglien neue Zellen gebildet werden. Eigentlich wachsen Nervenzellen einmal zu einer ausdifferenzierten Zelle heran - und das war es dann. Nicht so die Basalganglien! Diese sind für das instrumentelle Lernen wichtig. Hier werden unsere Gewohnheiten und Fertigkeiten des Fühlens, Denkens und Handelns tief verankert.

Die erste und zweite Ebene des limbischen Systems zusammen machen den Kern der Persönlichkeit eines Menschen aus. Er entwickelt sich in den ersten Lebensjahren - und bleibt dann weitgehend stabil.

Hieraus folgt: Eine Psychotherapie von Menschen, die hier in ihrer Kindheit zweifach vorgeschädigt sind, ist eigentlich schon ziemlich zwecklos. Kommt noch im dritten Bereich, der Sozialisationsphase, eine gravierende Störung hinzu, war es das mit dem Glück der Person. Spätestens ab dem 14. Lebensjahr ist die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen zu 80 Prozent abgeschlossen. Daran ändert auch die Pubertät nichts mehr, hier kommt es lediglich zu Gefühlsschwankungen, die durch die Flutung des Körpers mit Sexualhormonen entstehen.

Depressive Patienten, die angeben, dass eine Therapie bei ihnen erfolgreich angeschlagen habe, unterliegen einer Täuschung. Sie verwechseln eine erfolgreich zustande gekommene "therapeutische Allianz" und die sie begleitende Oxytocin-Ausschüttung mit einer Veränderung ihres seelischen Gesamtzustandes. Aber weder am Stressverarbeitungssytem noch am Bindungs-, Selbstberuhigungs- oder Motivationssystem kann eine Psychotherapie noch irgendetwas dauerhaft drehen. Auch die Zuwendung des besten Therapeuten ersetzt niemals das Lächeln deiner Mutter, - als du noch ein kleines Kind warst.


3. Vernunft und Sozialisation

"Einsamkeit, verbunden mit einem klaren, heiteren Bewusstsein ist, 
ich behaupte es, die einzig wahre Schule für einen Geist von edlen Anlagen."
(Gottfried Keller)

"Die Vernunft ist des Herzens größte Feindin."
(Giacomo Casanova)

Ob Sie dieses Essen lecker finden oder nicht, ist Resultat Ihrer Erfahrung und Sozialisation.
Falls Sie das nicht glauben wollen, stellen Sie sich einfach vor, das Bild zeige statt leckerem Wildschweingulasch Hundefutter, Tiger-Hoden oder Menschenfleisch.

Insekten? Lecker!


Ich bin voller Bewunderung für eine Jugendfreundin meiner Frau. Diese verspeist regelmäßig Insekten. Wie bitte? Sie haben richtig gehört. Im Rahmen ihres Studiums der Ökotrophologie hatte Pascale sich auf dieses Fachgebiet spezialisiert, einige Studien hierzu gelesen, Proben beschafft - und kurzerhand beschlossen, den Verzehr von Insekten - gesund, eiweißreich und immer verfügbar - einfach einmal selbst auszuprobieren. Ihr Freund Hans schloss sich an, und so finden sich in ihrer Küche neben Kochbüchern zur Zubereitung von Maden und Larven auch diverse Krabbeltierchen in getrockneter oder eingelegter Form. Was aber Pascale und ihrem Freund anscheinend recht einfach gelang, wäre mir und vielen anderen Menschen niemals möglich gewesen - die Überwindung sozialisationsbedingter Ekelgefühle durch Vernunft und Einsicht.

Dabei müssen es nicht einmal Insekten sein. Ihnen schmecken weder Matjes-Heringe noch Tilsiter Käse? Diese Lebensmittel sind äußerst gesund, also probieren Sie sie doch einfach mal! Ich habe das im Selbstversuch vor etwa einem Jahr getestet. Ich bekam genau einen Matjes-Hering herunter, dann war mir speiübel und ich brach das Experiment frustriert ab. Der zweite Matjes-Hering landete trotz seiner Omega-3-Fettsäuren und Fülle an Vitamin-D schweren Herzens in der Mülltonne. Für Hirnforscher ist dies nicht weiter überraschend. Das Gefühl siegt (fast) immer über den Verstand! Ohne Emotionen können Sie "vernünftiges" Handeln komplett vergessen! Oder, in Neurobiologen-Sprache ausgedrückt: Die Amygdala siegt immer über den Cortex, die Angst über den Verstand.

Dort - genauer: im dorsolateralen präfrontalen Cortex (in der oberen, vorderen Großhirnrinde) - schlummert sie nämlich: Ihre Fähigkeit zur Einsicht oder auch "Vernunft". Hier analysieren Sie mit Hilfe Ihrer Intelligenz die Lage, hier wird gerechnet und logisch argumentiert. 
Der Cortex (speziell der prä-, orbitofrontale, cinguläre und insuläre Cortex) bildet die obere limbische Ebene Ihrer Seele. Hier findet es statt: bewusstes, kognitives Lernen! Der dorsolaterale Cortex hat aber keine Verbindung zu den verhaltenssteuernden Zentren im Gehirn. Daher bringt es überhaupt nichts, an die Einsicht eines Menschen zu appellieren ("Sieh doch ein, dass Mathematik ein wichtiges Fach deiner Ausbildung ist und lerne jetzt mit Begeisterung diese Formeln!").

Was erlernbar ist


Welchen Teil Ihrer "Seele" können diese Hirnbereiche noch beeinflussen? Es sind vor allem das spätere Streben nach Gewinnen und Erfolgen, nach Anerkennung, nach Ruhm, Freundschaft, Liebe, sozialer Nähe, Moral und Ethik, die von den sozial-emotionalen Erfahrungen der späteren Kindheit und Jugend beeinflusst werden, aber auch - wir denken an den "bösen" Captain Kirk - Ihr mögliches Machtstreben und Dominanzverhalten sowie die Intensität Ihrer Zielverfolgung, Ihre Kommunikationsbereitschaft und letztlich auch Ihre Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und mit ihnen mitzufühlen. Letztere muss durch Sozialisation bewusst erlernt werden!

Die relevanten Bereiche Ihrer Persönlichkeit lassen sich laut Neurobiologen hier lokalisieren:
  • Individuell-soziales Ich: Rechter assoziativer Neocortex: Orbitofrontaler Cortex, ventromedialer präfrontaler Cortex, anteriorer cingulärer Cortex, insulärer Cortex
  • Kognitiv-kommunikatives Ich: Linker assoziativer Neocortex: Broca-Wernicke

Aber das können und werden Sie gleich wieder vergessen haben. Zum Bereich, in welchem die "Moral" sitzt, kommt aber weiter unten noch etwas Spannendes.

Kann man das alles noch steuern und verändern? Die Antwort lautet: Ja, im Prinzip schon - nämlich durch Belohnung und Bestrafung. Das Problem ist nur: Strafen wirken nicht, allenfalls einmal kurzfristig, sondern lassen den Bedrohten meist schnell abstumpfen und erzeugen nur den Wunsch nach Rache, Belohnungen wirken allerdings überwiegend auch nicht, da sie ebenfalls einer schnellen "Sättigung" unterliegen. Jeder, der sich ein neues Smartphone angeschafft hat, kennt das. Eben noch fühlte man den Kick, nach kurzer Zeit jedoch schon ist das neue Handy Teil der grauen Normalität geworden und man blickt eher unzufrieden darauf. Auch Bonus-Zahlungen am Jahresende sind sinnlos, da sie in einem zu weiten Abstand des Handelns angesiedelt sind und nicht mehr als Belohnung emotional wirken können. Eine Senkung der Zahlung, sogar eine Beibehaltung in gleicher Höhe hingegen kann durchaus als Bestrafung empfunden werden und ist somit vollkommen kontraproduktiv. Ein Festhalten an Gewohntem wird ja als Belohnung empfunden. Daher sind Menschen eben so veränderungsresistent und stehen Neuem oft so feindselig gegenüber, mag es nun ein neuer Arbeitsablauf oder die Ankunft vieler Flüchtlinge aus einem fremden Kulturkreis sein.

Die einzige Belohnung, die nicht der Sättigung unterliegt, ist die „intrinsische Belohnung“. Die besteht laut dem Neurobiologen Gerhard Roth in:

- der Freude am Gelingen
- der Selbstbestätigung
- dem Gefühl der Verwirklichung eigener Fähigkeiten und Wünsche
- dem Nachweis, besser zu sein als andere
- der Überzeugung, an einer wichtigen Sache mitzuwirken

(Quelle: https://youtu.be/3tJwoxYh2FU)

Dies sollte eigentlich über jeder Schultür stehen. Auf das Schreiben dieses Blog-Artikels trifft jedenfalls zu, was Roth postuliert: Ich habe das Gefühl, etwas Interessantes zu schreiben (sagen Sie jetzt nichts!), habe Freude am Gelingen, bin der Ansicht, dass viele dies nicht so schön formulieren können wie ich (sagen Sie bitte weiterhin nichts!) und bin der Überzeugung, dass es wichtig ist, dass Menschen diese Zusammenhänge begreifen. Und schon macht das Schreiben dieses Artikels Spaß! Ich mache das ganz freiwillig! In meiner Freizeit!
Aber geben Sie das einmal einem Schüler oder Studenten als Hausaufgabe auf! Er wird sich plagen, alles auf den letzten Drücker aufschieben - und alle Inhalte nach spätestens sechs Wochen wieder vergessen haben.


4. Moral = Impulshemmungssytem + Risikowahrnehmung

"Wer nichts wagt, der darf nichts hoffen."
(Friedrich Schiller)



Phineas P. Gage (1823 - 1860) mit der Eisenstange, die seinen Schädel durchschlug.
Quelle: Author of underlying work unknown. File:PhineasPGage.jpg, Gemeinfrei, $3


Wenn einem eine zwei Meter lange Eisenstange ein Stück Gehirn raushaut


Die so genannte "Moral" steckt im orbitofrontalen Cortex - dem Bereich des Gehirns direkt in der Mitte oberhalb der Augenhöhlen. Das wissen wir dank Phineas P. Gage. 1848 hatte der Eisenbahnvorarbeiter einen gruseligen Unfall. Bei einer Explosion durchschlug eine zwei Meter lange Eisenstange seinen Schädel - sie trat im Bereich der Wange unterhalb des Jochbeins in den Schädel ein, zertrümmerte sein linkes Auge und trat in der vorderen Mitte seines Hirnschädels wieder aus. Dabei nahm sie einen Teil seines orbitofrontalen Cortex' für immer mit sich. Aus dem freundlichen und verantwortungsbewussten jungen Mann wurde fortan ein fluchender und rücksichtsloser Zeitgenosse. Seit Phineas P. Gage und seiner tragischen Hirnverletzung wissen wir, für welche Aufgaben dieser Teil des Gehirns zuständig ist:
  • Erkennen emotionaler Ausdrücke und Sinngehalte im Verhalten anderer 
  • Impulskontrolle (durch Hemmung anderer limbischer Zentren, insbesondere der Amygdala und des Hypothalamus)
  • Lernen und Steuerung sozial angemessenen Verhaltens
  • Risikoabschätzung von Konsequenzen bspw. unangemessenen Verhaltens


Was guckst du!?!


Psychopathen haben oft Schwierigkeiten, mimische Signale richtig zu deuten. Beispielweise können sie einen ängstlichen Gesichtsausdruck durchaus fälschlich als aggressiv interpretieren. Verletzungen im Bereich der orbitofrontalen Cortex, z. B. durch einen Schlaganfall, können sogar aus einer Mutter Theresa über Nacht ein rücksichtsloses Monster machen.

Kurz: Dieser Bereich des Gehirns sagt uns, ob unser Handeln sozial verträglich ist oder nicht, und er entscheidet mit Hilfe der Hormone Dopamin, Serotonin 2A und Noradrenalin darüber, wie sehr man von unmittelbar auftauchenden Motiven (einem leckeren Getränk, Essen oder einem plötzlich auftauchenden attraktiven Gegenüber) zu einer Handlung getrieben wird. Die Impulsbeherrschung und Selbstkontrolle werden von den Stoffen Glutamat und GABA (Gammaaminobuttersäure) beeinflusst, für die Steuerung des Risikoverhaltens sind vor allem Dopamin und endogene Opiate verantwortlich.
Bei schweren Alkoholikern ist der Glutamat-Stoffwechsel gestört, daher fallen diese oft als ungehemmt und unbeherrscht auf.

Der "böse" Captain Kirk im anfangs geschilderten Beispiel leidet unter dem Problem, dass er weder erkennen kann, welche Gefühle seine Gegenüber gerade bewegen, noch abschätzen kann, welches Risiko seine Entscheidungen mit sich bringen. Eine Impulskontrolle fehlt ihm, daher besorgt er sich spontan Brandy, weil er gerade Lust darauf hat, daher fällt er über Yeoman Janice Rand her, weil es ihn gerade nach sexueller Betätigung gelüstet (und Alkohol die Risikowahrnehmung noch weiter herabsetzt), daher versteht er nicht, dass sein ganzes Verhalten sozial unangemessen ist. Sein Angstzentrum wiederum wird vom orbitofrontalen Cortex auch nicht gehemmt, daher bricht er schnell zusammen, als man es schafft, ihm einmal richtig Angst zu machen. Dem "guten" Captain Kirk gelingt dies dadurch, dass er ihm - frei von jeder Angst, obwohl sein Gegenüber ihn mit einem Phaser bedroht - einfach das Folgende sagt: "Wenn du MICH tötest, - dann sterben WIR BEIDE!"


Ich denke, also bin ich

"Das Unbewusste ist viel moralischer, als das Bewusste wahrhaben will."
(Sigmund Freud)

"Ich denke, also bin ich."
(René Descartes)


By Anonymous - Camille Flammarion, L'Atmosphere: Météorologie Populaire (Paris, 1888), pp. 163, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=318054

Den Zipfel des Universums für eine Sekunde zu fassen kriegen


Vielleicht kennen auch Sie diese Momente. Man sitzt irgendwo ohne größere Ablenkung herum und denkt plötzlich: Wieso sehe ich die Umwelt gerade so, wie ich sie sehe? Warum bin ich ich - und in MIR drin und nicht in jemand anderem? Für einen Augenblick bleibt dann die Welt stehen und man hat ein ähnliches Gefühl wie bei einem Déjà-vu. Es ist, als habe man einen Zipfel des Universums zu fassen gekriegt, und den Vorhang ein wenig angehoben. Aber der Moment ist flüchtig, und schon kurz darauf geht man wieder seinen alltäglichen Beschäftigungen nach und vergisst das Ganze. Es íst, als habe ein Schöpfer einem eine innere Sperre gesetzt, damit man dem Geheimnis seines Bewusstseins nicht auf die Spur kommt.

Wie viele Menschen vor uns mögen diesen Moment der Selbsterkenntnis schon gehabt haben? Und alle sind sie gestorben, und von ihrem Gehirn blieb nichts weiter übrig als die Materie und die Energie, die sich im Universum neu verteilt hat. Erinnern Sie sich an die Zeit vor Ihrer Geburt? Nein? Das können Sie auch gar nicht. Und doch waren da bereits die Materie und die Energie da, aus denen sich nach Ihrer Zeugung Ihr Körper und Ihr Geist zusammengesetzt haben. Und so wird es auch nach Ihrem Tod sein - Sie werden vergehen, aber das, woraus Sie jetzt gerade bestehen, - das wird sich neu zusammensetzen. Vielleicht setzen Sie sich als Stein zusammen, vielleicht aber auch als hübscher Schmetterling oder als majestätischer Steinadler.

Oder gar als Raumschiff-Captain.

Wer weiß das schon?



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Weblinks

Gerhard Roth: Wie das Gehirn die Seele formt
https://www.dasgehirn.info/entdecken/grosse-fragen-1/wie-das-gehirn-die-seele-formt-6091/

Limbisches System
https://de.wikipedia.org/wiki/Limbisches_System

Oxytozin - mehr als nur ein Kuschelhormon
http://www.spektrum.de/news/oxytozin-mehr-als-nur-ein-kuschelhormon/1357235



Sonntag, 14. Februar 2016

30 Jahre Führerschein

"Eines der besten Mittel gegen das Altwerden ist das Dösen am Steuer eines fahrenden Autos."
(Juan Manuel Fangio)

Heute vor 30 Jahren bestand ich endlich meine Führerscheinprüfung. Am Valentinstag 1986 entstieg ich überglücklich dem Fahrschulauto, denn dies war bereits mein zweiter Anlauf gewesen. Beim ersten Versuch hatte ich beim Linksabbiegen einer von rechts kommenden Frau galant die Vorfahrt gewährt, was der Prüfer, ein Herr Rübenhagen, allerdings als fehlende Kenntnis von Vorfahrtsregeln deutete und daraufhin die Prüfung abbrach. Auch schien ihm meine sture "Tempo-49"-Fahrweise auf die Nerven gegangen zu sein, über die er einen abfälligen Kommentar machte.

Zwei Wochen später hatte ich die erneute Chance, den begehrten "Lappen" zu erhalten - beim gleichen Prüfer. Ich hatte ein ziemlich mieses Gefühl und ließ allen anderen an diesem Tag erst einmal den Vortritt. Alle (!) fielen durch. Dann kam ich dran.

Ich fuhr zügig, was dem Prüfer zu gefallen schien, schaffte es sogar, bei Schnee und Eis den Wagen rückwärts einzuparken, und würgte den Motor nur einmal ab, weil mein Knie vor Aufregung zitterte. Diesmal gewährte ich niemandem unnötig die Vorfahrt, einem Golf nahm ich sie sogar beinahe - beide Augenbrauen des Fahrlehrers rauschten in die Höhe. Herrn Rübenhagen hingegen schien meine neue, offensivere Fahrweise zu gefallen. Vom Rücksitz ertönte es jedenfalls wohlwollend: "Endlich zeigen Sie mal, was Sie können!"

Damals gab es noch keine Probezeit, und als ich den begehrten Schein endlich in der Hand hielt, wusste ich: Damit konnte ich jetzt (sofern ich keinen wirklich großen Mist bauen würde) bis ans Lebensende Auto fahren.

Auch meine gleichaltrigen Freunde aus Wermelskirchen und Rheinberg bestanden damals ihre Führerscheinprüfungen. Hier einige Fotos solcher Jugendfreunde:


Mein Jugendfreund Michael starb 1986 bei einem Motorradunfall.

Kindergartenfreund Volker starb zur gleichen Zeit als Beifahrer eines Autos.

Grundschulfreund Thomas starb 1986 am Steuer seines Autos und nahm seine Freundin mit ins Grab.

Warum zeige ich hier Fotos von Gräbern? Weil genauso gut ICH da liegen könnte. Während meiner 30-jährigen Fahrpraxis bin ich immer wieder einmal in gefährliche Situationen geraten. Die gefährlichsten jedoch erlebte ich im ersten Jahr nach der Führerscheinprüfung. Und ich habe sie allesamt selbst verursacht.

Niemand fährt schlimmer als 18-jährige Männer. Zu meinem besten Freund fuhr - bzw. flog - ich regelmäßig über eine Kurvenstrecke, die ich in- und auswendig zu kennen meinte, beinahe auf zwei Rädern, so schwungvoll legte ich mich in die Kurven. Die Strecke wird hier aufgrund des im Herbst dort liegenden Laubes auch "die grüne Hölle" genannt. Man rutscht leicht weg. Einmal brach mein VW Polo in einer Rechtskurve plötzlich nach links aus, so dass ich auf die Gegenspur herüberrutschte, ausgerechnet in dem Augenblick, als mir ein Müllwagen der Stadtreinigung entgegen kam. Nur um Haaresbreite entging ich einem tödlichen Crash.

Unweit dieser Stelle meinte ich einmal einen etwas langsameren Verkehrsteilnehmer überholen zu müssen, was sich dann aber unerwartet in die Länge zog, bis mir in einer Kurve plötzlich ein Wagen entgegen kam. Eine Vollbremsung und blitzschnelles Wiedereinscheren retteten mir und meinem Gegenüber gerade noch so das Leben.

Natürlich kann man auch schuldlos sterben, ich erinnere mich an mir entgegen hüpfende Radkappen auf der Autobahn, auf Abfahrten frontal entgegenkommende Geisterfahrer-LKWs, an unmittelbar vor mir mit der Mittelleitplanke kollidierende Rentner-Autos und während der Fahrt einschlafende Mitfahrzentralen-Fahrer.

Was man in 30 Jahren am oder neben dem Steuer eines Autos halt so erlebt.

Jedes Jahr gibt es in Nordrhein-Westfalen über 500 Unfalltote (Quelle: Polizei). Das bedeutet, dass jede Woche in diesem Bundesland 10 Menschen auf den Straßen sterben. Hinzu kommen über 12.000 Schwerverletzte bei über 75.000 Verunglückten insgesamt. Wohlgemerkt, allein in diesem Bundesland.

Ich fahre heute seit 30 Jahren Auto - und zwar unfallfrei. Ich hatte Glück. Anders als Michael, Volker und Thomas. Ich bin mir dessen bewusst, jeden Tag aufs Neue.




Der begehrte "Lappen".
Ähnlichkeiten mit der Person auf dem Foto sind allenfalls zufälliger Natur.