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Dienstag, 9. Juni 2015

Alt und Jung

"Die jungen Menschen von heute sollten gelegentlich daran denken, dass sie die alten Herrschaften von morgen sein werden." (Evelyn Waugh)


Kaum haben wir darüber nachgedacht, wie kurz das Leben ist und wie wichtig uns daher bedeutsame Augenblicke erscheinen, als wir auf diversen Musik-Konzerten daran erinnert wurden, dass unsere Gesellschaft Menschen in Jung und Alt unterteilt. Dabei handelt es sich eigentlich gar nicht um verschiedene Gruppen.

Der Jungbrunnen, 1546 gemalt von Lucas Cranach dem Älteren (seit 1553 tot)


Jung trifft Alt

"Das größte Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man nicht mehr dazugehört."
(Salvador Dali)

1987 zog ich als fast 20-jähriger Student nach Berlin (West). Um der anfänglichen Einsamkeit zu entrinnen, stürzte ich mich ins wilde Leben. Des Öfteren sah man mich mit 80er-Walkman (der mit den Cassetten, wohlgemerkt) den Kurfürstendamm entlang schlendern, und ein, zweimal kehrte ich sogar in eine dortige Diskothek namens "Big Eden" ein, die einem alternden Playboy namens Rolf Eden gehörte, der mit Beziehungen zu blutjungen Damen rumprotzte (in Edens Testament soll es eine Verfügung geben, wonach eine Frau 300.000 Euro aus seinem Vermögen erbt, sofern er beim Geschlechtsverkehr mit ihr stirbt).
Ich guckte dort, während die Stimme von Rick Astley "Never gonna give you up" trällerte, ein paar Fußballspiele auf einem großen Fernseher in einer Ecke. Um mich herum tanzten gleichaltrige junge Menschen und auch der eine oder andere alte Sack auf der Suche nach einem jungen Hüpfer. Mir waren diese alten Männer suspekt und ich fand sie reichlich peinlich. Die waren alt - was sollte das? Ich konzentrierte mich aufs Spiel und trank noch ein Bier. Gelegentlich linste ich natürlich auch mal zu den attraktiven Mädchen herüber.

In  Berlin-Reinickendorf, wo ich wohnte,  hatte ich einen 86-jährigen Nachbarn namens Alfried Schmalofsky. Herr Schmalofsky wohnte direkt unter mir im zweiten Stock. Er hatte weißes, streng nach hinten gescheiteltes Haar, eine Hakennase, einen kleinen Spitzbauch und stechend blaue Augen. Gebürtig stammte er aus einem östlichen Teil Brandenburgs, der heute zu Polen gehört. Da wir beide Bewohner eines unmodernen Berliner Altbaus waren, in dem statt einer Zentralheizung noch mit Kachelöfen geheizt wurde, mussten wir regelmäßig Kohlebriketts herauf- und volle Ascheeimer herunterschleppen, was mir mit meinen 20 Jahren noch einigermaßen leicht fiel, aber auch Herr Schmalofsky schaffte dies noch mühelos und hielt sich dadurch anscheinend körperlich fit, jedenfalls war er noch ausgesprochen rüstig. Auch geistig war er vollkommen auf der Höhe. Erst ein schwerer Auffahrunfall beförderte ihn dann einige Jahre später leider doch ins Grab.

Herr Schmalofsky hatte regelmäßig Besuch, und oft konnte ich nicht einschlafen, weil unter mir laute Wiener-Walzer-Klänge und erregte Stimmen ertönten. Dennoch mochten wir uns, und ich schätzte ihn zeit seines verbleibenden Lebens sehr.

Einmal lud mich Herr Schmalofsky zu sich ein, schenkte reichlich Bier und Schnaps aus (womit er nach eigenem Bekunden seinen Körper "gesund" hielt) und sagte: "Wissen Sie, Herr Schinka, warum ich Sie eingeladen habe? Ich hatte früher immer einen Grundsatz: Bis zum 50. Geburtstag umgib dich mit Älteren, von denen kannst du Dinge lernen, die dich voranbringen. Aber ab 50 - umgib dich mit Menschen, die jünger sind als du selbst, damit du geistig jung bleibst und nicht den Anschluss verlierst!"

Recht hatte er. Und ich halte es seitdem ähnlich, auch wenn der Abend bei Herrn Schmalofsky ("Hier, Herr Schinka, noch etwas ostpreußischer Bärenfang!") mit einem gigantischen Kater endete, jedenfalls für mich - Herrn Schmalofsky hingegen, dem ich am nächsten Tag im Treppenhaus begegnete, ging es blendend.


Alt trifft Jung

"Man wird alt, wenn die Leute anfangen zu sagen, dass man jung aussieht."
(Karl Dall)

Was sich seit dem Beisammensein mit Herrn Schmalofsky geändert hat - ich bin jetzt alt, jedenfalls bekam ich das in letzter Zeit öfter zu hören. Mit meinen 47 Jahren zähle ich jetzt anscheinend auch offiziell zum alten Eisen.

Als bei mir um die Ecke kürzlich eine Open-Air-Houseparty stattfand und ich zu den Klängen basswummernder Electro-Musik ein wenig rhythmisch mittanzen zu müssen glaubte, dauerte es keine fünf Minuten, bis ich von meiner 18-jährigen Tochter aus der Nachbarstadt eine wütende WhatsApp-Nachricht bekam, in der es sinngemäß hieß, ich sei ein peinlicher alter Sack und die "Housepark"-Veranstaltung sei eine Party für Jugendliche, auf der ich nicht das Geringste verloren hätte. Eine Freundin der Tochter - und bis vor kurzem meine Schülerin - hatte gepetzt: Einer der Nachteile, wenn man Berufsschullehrer in der kleinsten kreisfreien Großstadt Nordrhein-Westfalens ist. Man ist nirgendwo unbeobachtet - und die unangenehm berührten Kinder sind nur einen Klick entfernt. Offenbar hatte der französische Schauspieler Jean Gabin nicht ganz unrecht, als er sagte, beim Leben sei es wie im Film: "Man beginnt als jugendlicher Liebhaber, dann wird man Charakterdarsteller - und endet als komischer Alter."

Bedröppelt zog ich heim. Der Rat von Herrn Schmalofsky, den Kontakt zur Jugend zu halten, um nicht den Anschluss ans Leben zu verlieren, hatte ein schnelles Ende erfahren.
Aber mal abgesehen davon, dass ich mich nun also bald beerdigen lassen muss - gibt es denn für mich als "alten" Menschen überhaupt etwas, dass ich noch von jungen Menschen lernen könnte?

Und da gibt es in der Tat so vieles.

  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, wie erfrischend ein Lachkrampf mitten im Unterricht sein kann - zumindest, wenn man noch ein Schüler ist.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass Courage nichts mit Alter oder Bildungsgrad zu tun hat - oft sind junge Menschen viel mutiger als ältere.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass große Talente in Schulen von Lehrern oft übersehen werden und doch immer wieder vorhanden sind - und oft erst auf Abschlussfeiern von uns Älteren erstaunt zur Kenntnis genommen werden.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass das Erlernen einer oder mehrerer Sprachen für viele junge Menschen in unserem Land Alltag ist, während ich seit etwa 20 Jahren vergeblich versuche, mir Französisch beizubringen.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass manche 19-jährige Schülerin schon weiser ist als manch 47-jähriger Lehrer.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass man trotz Herkunft aus einem völlig kaputten sozialen Umfeld ein sehr netter und hilfsbereiter Mensch werden kann, der das Herz am rechten Fleck trägt.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass die Jugend sich ihre Neugier bewahrt hat. Und das gibt mir Hoffnung, dass die Menschheit auch weiterhin die richtigen Fragen stellen wird - nach der Herkunft des Lebens, nach seinem Sinn und nach seiner Zukunft!

Die jungen Leute von heute sind die alten Menschen von morgen - sie wissen es nur noch nicht. Und die alten Menschen von heute - das sind die wilden Jungs und Mädchen von letztens.

Das Leben ist kurz - ab und zu sollte man sich das klar machen. Und milde auf Menschen anderen Alters schauen und dran denken: Auch die wollen Freude am Leben haben - und es ist ihr gutes Recht!

PS.: Letzten Sonntag trat bei mir um die Ecke eine Beatles-Cover-Band auf, Eintritt frei. Ich fand mich dort wieder unter nahezu ausschließlich 65-Jährigen und fühlte mich - jung! Die Musik war großartig, auch wenn ich Lieder der Beatles lange nicht mehr gehört hatte. "Die sind doch was für alte Leute", hatte ich viel zu lange gedacht. Dabei stimmt das gar nicht! Die Beatles sind toll - und sie sangen schon damals, als sie selbst noch kecke Jungs waren:

"Will you still need me, will you still feed me
When I'm sixty-four?"



In diesem Sinne: Bleiben Sie jung! Das Leben ist kurz.





"Life is short" - weiß auch dieses etwas drastische angelsächsische Werbevideo.

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Weblinks:

Gene für längeres, gesünderes Leben gefunden
https://www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2015/12/gene-fuer-gesundes-altern.html

Mittwoch, 17. Juli 2013

Politische Grundbildung

"Die Bildung kommt nicht vom Lesen,
sondern vom Nachdenken über das Gelesene."
(Carl Hilty)

Enthauptung des französischen Königs 1793 - was hat das mit Ägypten zu tun?
Bildquelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/90/LouisXVIExecutionBig.jpg (gemeinfrei)


"Man lernt für die Schule, nicht fürs Leben!"


Heute kam ich nach langer Zeit wieder einmal dazu, Zeitung zu lesen. Gleich auf Seite 3 (nein, nicht BILD, keine Angst), lächelt mir eine attraktive junge Dame namens Ronja entgegen - unter der Überschrift "Man lernt für die Schule, nicht fürs Leben". Da merkt man doch als Lehrer sofort auf und liest schnell mal den ganzen Artikel aus der Feder der frischgebackenen Abiturientin.

Ronja bemängelt, dass sie zwar nach ihrer Schulzeit nun erklären könne, worin die Funktion einer DNA-Polymerase bestehe (Respekt!), aber nicht, wieso Edward Snowden im Transitbereich des Moskauer Flughafens festsitze. "Solche Fragen haben wir Schüler immer wieder gestellt", so Ronja, "und nie eine Antwort bekommen."

Das ist natürlich traurig, offenbar lesen die dortigen Lehrer weder Zeitung, noch sehen sie Fernsehen oder verfügen sie über einen Internet-Anschluss, der es ihnen ermöglicht, gelegentlich einmal auf www.spiegel.de das Neueste vom Tag zu überfliegen. So wie ich das zum Beispiel täglich tue, was mich immerhin dazu befähigt hat, an meiner Schule neben Biologie und Deutsch auch gelegentlich "fachfremd" Politik unterrichten zu dürfen. Studiert habe ich das Fach nämlich nicht und selbst wenn ich das getan hätte - über Edward Snowden hätte ich an der Uni auch nichts erfahren können, ebenso wenig wie über alle anderen aktuellen Ereignisse. Wohl aber über die Funktion von Geheimdiensten in Diktaturen und Demokratien. Und den Unterschied zwischen diesem und jenem.

"Ich will nicht behaupten, dass unsere Generation unpolitisch ist, denn das ist sie auf keinen Fall.", schreibt Ronja weiter. Auch in ihrem Freundeskreis gebe es sehr engagierte Leute, "die ihre Informationen selbstständig aus den Medien ziehen. Meine Freundin Luise ist sozusagen meine eigene politische Informationsquelle." Politisch engagiert ist man also heutzutage, wenn man in der Lage ist, sich seine Informationen selbstständig (toll!) aus den Medien zu "ziehen" (cool!) - da frage ich mich doch: Wo ist dann das Problem? Auch die politische Bildung liegt frei im Internet und sonstwo herum! Einfach einsammeln! Oder "ziehen" halt.

"Ich verfüge nun zwar über ein allgemeines politisches und geschichtliches Verständnis von der Französischen Revolution 1789 bis zur Wiedervereinigung und dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag 1990, aber wie es zu den aktuellen Unruhen in Ägypten kommen konnte, wurde, wenn überhaupt, nur angeschnitten, aber nie ausreichend besprochen.", bemängelt Ronja weiter.

Um die Informationen richtig einzuordnen - dazu bedarf es dann allerdings schon einer guten Grundbildung. Um zu verstehen, was in Ägypten gerade passiert, schadet es so gesehen überhaupt nicht, wenn man sich einmal ein paar Infos zur Französischen Revolution "zieht" - gerne auch in der Schule. Denn diese war mit Sicherheit ein Inhalt der Politiklehrer-Ausbildung.

Gucken wir doch mal, ob wir da als Zeitungsleser einen Zusammenhang hergestellt bekommen. Wie wäre es mit "heruntergewirtschafteter Staat, der einem großen Teil seiner Bevölkerung elementare Grundrechte mit Selbstverständlichkeit vorenthält; Volk, das sich empört und durch stark gestiegene Preise radikalisiert und spontan gegen Symbole seiner Unterdrückung aufbegehrt; ideologisch fanatisierte 'Volksführer', die, zunächst an die Spitze einer Veränderungsbewegung gespült, in bekannte Unterdrückungsformen zurückfallen und hierdurch von einer Gegenbewegung gestürzt werden"?

Am 17. Juli - also genau heute vor 224 Jahren - morgens verließ übrigens der Bruder des französischen Königs als erster Emigrant Frankreich, während sich Ludwig XVI. unter Druck des Volkes nach Paris begab und zum Zeichen der Billigung des Geschehenen sich die blau-weiß-rote Kokarde an den Hut steckte. (Genutzt hat es ihm wenig, wie man obigem Bild entnehmen kann, er wurde 1793 guillotiniert). Habe ich aus Wikipedia.

Die Französische Revolution fand ihr Ende schließlich - wie derzeit Ägypten - mit der Machtübernahme durch das Militär. Dessen Führer, Napoleon Bonaparte, krönte sich in Paris 1804 - in Anwesenheit des Papstes - selbst zum Kaiser. Mal sehen, wie es in Ägypten weitergeht.


Sonntag, 28. April 2013

Evolution


"Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war.
Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet." (Mark Twain)

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe Respekt vor Religionen. Ich habe Respekt davor, wie Menschen, durch Religion zu Höherem inspiriert, Unglaubliches erschaffen konnten wie die Pyramiden, einen Jupiter-Tempel oder den Petersdom.

Ich habe Respekt vor einer Institution, die einen zu Unrecht von ihr mit Folter und Tod bedrohten Astronomen namens Galileo Galilei formal wieder rehabilitiert, auch wenn dies wie in diesem Fall erst 350 Jahre nach seinem Tod geschah.

Und natürlich habe ich zwangsläufig riesigen Respekt vor religiösen Fanatikern, die einem mit Enthauptung drohen, wenn man auch nur den geringsten Zweifel an ihren Idolen äußert.

Gar keinen Respekt habe ich jedoch vor Menschen, die wissenschaftliche Erkenntnisse nicht wahrhaben wollen und diese dann verdrehen, um ihr verschrobenes Weltbild zu schützen. Die Rede ist von den so genannten Kreationisten.


1. Gebot: Du sollst keinen Unsinn plappern


"Der Mensch kommt unter allen Tieren in der Welt dem Affen am nächsten."
(Georg Christoph Lichtenberg)


Die Hauptverfechter des Kreationismus sind die in den Vereinigten Staaten stark vertretenen evangelikalen Christen, die auch politisch stark Einfluss nehmen. Laut einer Umfrage "Pew Forums on Religion and Public Life (2005)" sind 42 Prozent der US-Amerikaner der Ansicht, dass "die Lebewesen seit Anbeginn der Zeit in ihrer heutigen Form existierten". Die Hälfte der Amerikaner mit einem Alter über 65 akzeptiert den Kreationismus, in Kansas und Pennsylvania wurden Kreationismus und "Intelligent Design" sogar in die Lehrpläne der Schulen integriert.

Kreationisten bestreiten neben der Entwicklungsgeschichte des Menschen auch naturwissenschaftliche Theorien über den Ursprung des Lebens, die geologische Erdgeschichte, die Entwicklung des Sonnensystems und den Ursprung des Universums. Evangelikale und fundamentalistische Christen sowie einige ultraorthodoxe Juden vertreten den Glauben, dass die Erde von Gott vor wenigen tausend Jahren erschaffen wurde. Ein englischer Erzbischof  hat das im 17. Jahrhundert einmal anhand biblischer Lebensläufe und Stammbäume genau ausgerechnet: Zeitpunkt der Schöpfung war demnach der 23. Oktober 4004 vor Christus. Die Erde und das Universum sind somit 6017 Jahre alt. Aha.

Wissenschaftliche Methoden der Altersbestimmung wie die Radiokarbon-Methode, die Isochronmethode, die Eiskerndatierung und die Dendrochronologie werden von Kreationisten zwar zur Kenntnis genommen, aber - da sie dem Glauben widersprechen - schlicht für falsch erklärt.

Da die Verfassung der USA ein Verbot religiöser Inhalte im Schulunterricht enthält und es keinen gesonderten Religionsunterricht gibt, bleibt dieser Gruppe nur eine Möglichkeit, ihre eigenen und anderer Leute Kinder auch in der Schule erfolgreich zu indoktrinieren: Der Kreationismus muss wissenschaftlich erscheinen und im Biologie- oder Naturwissenschaftsunterricht verankert werden: Fossilien sind somit plötzlich das Ergebnis der Zerstörung durch eine globale Flut, wie sie in der Genesis beschrieben wird, das sprunghafte Auftreten neuer Arten wird mit dem Eingreifen Gottes in die "Evolution" erklärt. Hauptsache, das mittelalterliche Weltbild bleibt unangetastet.


Lebte Kreationisten zufolge bis vor kurzem möglicherweise als Drache weiter: Dinosaurier.


Im US-amerikanischen Dorf Petersburg, Boone County, unweit von Cincinnati im Bundesstaat Kentucky, befindet sich ein Museum der besondern Art: Das "Creation Museum" bringt seinen Besuchern dort folgende "Tatsachen" nahe:

  • Erde und Universum sind 6000 Jahre alt und wurden in einer sieben Tage dauernden Schöpfungswoche erschaffen
  • Die ersten Menschen waren Adam und Eva (letztere wurde aus Adams Rippe erschaffen)
  • Gott rottete zwischenzeitlich einmal durch die Sintflut alle Menschen und Tiere aus - außer Noah und die Tiere in seiner Arche (immerhin nach heutigem Stand bei mindestens einer Million bekannter Arten also zwei Millionen Exemplare, darunter Vogelspinnen, Giftschlangen und Moskitos, aber leider keine Einhörner)
  • Der Grand Canyon, den ja jeder Amerikaner kennt und der Fragen nach dem Entstehen von Gesteinsschichten aufwerfen könnte, wurde innerhalb weniger Monate von der großen Flut geschaffen
  • Nahezu realsatirisch liest sich bei Wikipedia, was dem Museum zum Verbleib der Dinosaurier einfällt: "Umstritten ist der Verbleib der Dinosaurier. Diese könnten durch die Sintflut ausgelöscht worden oder als Drachen bis in die nahe Vergangenheit weitergelebt haben."

Herrlich. Wenn's nicht so traurig wäre.


2. Gebot: Du sollst offen sein für neue Erkenntnisse 


"Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang,
für den Wissenschaftler am Ende aller seiner Überlegungen." (Max Planck)


In den 90er Jahren klingelten in Berlin einmal zwei Vertreter der "Zeugen Jehovas" bei mir. Ein älterer Herr und eine ältere Dame (soweit ich mich erinnere, seine Frau) fragten freundlich, ob sie mit mir über Gott sprechen könnten. Da es mir in diesem Moment ungelegen war, ich aber auch ein wenig neugierig war, vereinbarten wir einen Termin am darauffolgenden Tag, zu dem die beiden auch pünktlich erschienen.

Ich hatte Tee und Gebäck bereitgestellt und - da ich zu der Zeit Biologie studierte - auch ein gängiges Schulbuch zum Thema "Evolution" zur Hand, welches u. a. das Bild eines Wal-Skeletts enthielt, auf dem man recht gut einen rudimentären Beckenknochen-Rest erkennen konnte.

Für mich ein klarer Fall: Die Abbildung legte eindeutig nahe, dass sich Wale evolutionär aus vierfüßigen Lebewesen entwickelt hatten. Ein Blick auf die Vorderextremität lässt wohl jeden Beobachter bemerken, wie ähnlich diese einer menschlichen Hand ist, man erkennt neben Elle und Speiche auch Handwurzelknochen und Fingerglieder ohne jede Mühe. Auch ohne das Wissen, dass Wale mit Lungen atmende und lebendgebärende Säugetiere sind, kann man so schon den einen oder anderen Schluss in Richtung Evolution des Wales ziehen.

Skelett eines Bartwales (a = Schulterblatt, b = Vorderbein, c = Rest des Hinterbeins). Meyers Konversionlexikon 1888. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Whale_skeleton.png (gemeinfrei)

Nicht so jedoch meine beiden Gäste. Nach einer Phase freundlichen Smalltalks und nach einem groben Umreißen unserer Weltbilder (beide waren wie erwartet recht gottgläubig, ich selbst war ein paar Jahre zuvor aus der Kirche ausgetreten), brachte ich das Thema einmal auf die Evolution und wedelte provozierend mit dem Biologie-Schulbuch vor den beiden herum. Ich schlug die Seite mit dem Walskelett auf und fragte, was sie denn von solcherlei Erkenntnissen hielten.

Nach einem kurzen Augenblick des ehrlichen Erstaunens und Augenbrauenhebens fragte der ältere Herr dann: "Daran glauben Sie doch nicht wirklich, oder?"

Glauben? Ich dachte erst, ich hätte verkehrt gehört, fragte aber höflich zurück: "Was glauben Sie denn?"

Nun packte der ältere Herr eine Bibel und einen Aktenordner aus, in dem seinen Angaben nach Antworten auf so gut wie alle Fragen stünden, blätterte in einer Art Register - und las mir dann einige ausgewählte Bibelstellen vor, die nach Ansicht der Autoren dieser Mappe offenbar tieferen Aufschluss zum Thema "Wale" gäben. Unter anderem fiel das Wort "Walfische".

Wir redeten dann noch eine gute halbe Stunde munter aneinander vorbei - meine Gäste zitierten die Bibel, ich Biologie-Schulbücher. Am Ende saßen wir alle etwas ratlos herum, knabberten an unseren Keksen und nippten an unseren Teetassen.

Bei der Verabschiedung sagte der Mann zu mir: "Wissen Sie, ich habe für meinen Glauben im Konzentrationslager gesessen. Sie werden wohl kaum annehmen, dass ich das getan hätte, wenn ich irgendwelche Zweifel an diesen Dingen hätte."

Was soll man dazu sagen? Ich verkniff mir ein "Kann ja trotzdem falsch sein" und verabschiedete die beiden betroffen. Betroffen vor allem, weil niemand mit dem, was für jeden eine absolut klare Erkenntnis war, den anderen auch nur im Entferntesten irgendwie erreicht hatte.

Merkwürdigerweise klingelten die beiden ein paar Tage später wieder bei mir, diesmal wimmelte ich sie aber unter Hinweis auf unsere doch augenfällig vollkommen unvereinbare Ansichten höflich, aber entschieden für immer ab.


3. Gebot: Du sollst selbst denken


"Ich habe, glaube ich, die Zwischenstufe zwischen Tier und Homo sapiens gefunden. 
Wir sind es." (Konrad Lorenz)


Vorderextremitäten von Mensch, Hund, Schwein, Kuh, Tapir, Pferd.
Aus: Gagenbauer, Grundzüge der vergleichenden Anatomie, 2. Aufl. 1870.
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gegenbaur_1870_hand_homology.png (gemeinfrei)

Ein griechischer Philosoph sagte einmal: "Wenn man die Dinge nur lange genug betrachtet, dann wird man sie auch verstehen."

Wer dies für sich selbst ausprobieren möchte, der kann sich ja einmal obiges Bild näher anschauen, auf welchem die Vorderextremitäten recht verschiedener Landwirbeltiere abgebildet sind. Jeder Laie dürfe sofort den gleichen Bauplan von Elle, Speiche, Handwurzelknochen und Fingerknochen erkennen, ebenso, wie im Laufe einer Entwicklung hier manche Einzelbestandteile offenbar in die eine oder andere Richtung mutiert sind. Den Rest muss die Umwelt bewirkt haben, denn jede Neumutation muss erst einmal einem Selektionsdruck ihrer Umgebung standhalten. Oder, etwas einfacher gesagt: Müssten wir Menschen auf vier Beinen in der Gegend herumgaloppieren, dann hätten wir wohl heute auch Hufe.

Welche  produktiven geistigen Prozesse durch ein "genaues Hingucken" und Nachsinnen in Schwung kommen können, zeigte in Europa 1755 das große Erdbeben von Lissabon, ein Ereignis, das das gesamte Abendland der damaligen Zeit zum genaueren Hinsehen nötigte - und dessen Weltbild mindestens ebenso stark erschütterte wie die Gebäude der portugiesischen Hauptstadt.

Die Sache war nämlich die: Das Erdbeben ereignete sich (ähnlich wie das Erdbeben im Indischen Ozean 2004 mit seinen verheerenden Tsunamis) an einem der höchsten christlichen Feiertage, in diesem Fall am 1. November - also an Allerheiligen.

Nahezu alle Kirchen stürzten über darin betenden Menschen ein, während das Rotlichtviertel der damaligen Zeit, die Alfama, weitgehend unversehrt stehen blieb. Verängstigte Menschen rannten zum Hafen, nur um dort von einer Tsunami-Flutwelle fortgerissen zu werden. Die halbe Stadt brannte ab.

Das warf Fragen auf: Wie konnte ein gerechter und gütiger Gott dies zulassen?
Warum starben gläubige Christen, während Huren und zwielichtige Gestalten überlebten?
Wie konnte so etwas passieren?

Erdbeben von Lissabon 1755, zeitgenössischer Kupferstich (gemeinfrei)
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:1755_Lisbon_earthquake.jpg



Auch Leute wie Goethe - zur Zeit des Erdbebens sechs Jahre alt - kamen ins Grübeln: "Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubens-Artikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen."

Der verantwortliche portugiesische Premierminister begann umgehend mit Rettungs- und Wiederaufbaumaßnahmen. Er ließ Leichen auf Schiffe laden und im Meer bestatten, obwohl dies den damaligen Gebräuchen widersprach und die katholische Kirche es strikt ablehnte. Er ließ aber auch Beobachtungen sammeln, um Hinweise auf die Entstehung des Bebens zu erhalten. Hierbei fiel auf, dass sich viele Tiere vor Ankunft des Tsunamis in höher gelegene Gebiete geflüchtet hatten. Es war das erste Mal in Europa, dass man solches Verhalten von Tieren überhaupt bemerkt hatte. Von nun an sah man näher hin - und blieb skeptisch. Seit dem Beben von Lissabon hörte man stärker auf die Wissenschaftler - und etwas weniger auf die Pfarrer: die Epoche der Aufklärung war geboren.

Auch der portugiesische König war nicht mehr der gleiche Mann, der er vor dem Beben gewesen war. Hatte er zum Zeitpunkt der Katastrophe noch betend in einer Kirche gesessen, verlor er dort offenbar in größerem Umfang sein Vertrauen zumindest in die Standsicherheit solcher Gebäude. Den Rest seines Lebens wohnte er sicherheitshalber in einem Zelt.

Auch in anderen Regionen der Welt gibt es verheerende Erdbeben und Naturkatastrophen: Die Tsunami-Katastrophe von 2004 (am 2. Weihnachtsfeiertag) traf am härtesten mit Indonesien ausgerechnet den Staat mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Auch in Bangladesch (90 Prozent Moslems), Pakistan (96 Prozent Moslems) und dem Iran (98 Prozent Moslems) bebt und rüttelt es, was das Zeugt hält. Aber dort zieht man offenbar andere Schlüsse hinsichtlich des Verhältnisses von Religion und Naturwissenschaft als 1755 in Europa. Und auch in überwiegend christlichen Ländern wie Chile, Italien oder Mexiko bebt es weiterhin oft und heftig.

4. Gebot: Du sollst dich nicht nur mit Leuten umgeben, die dasselbe glauben wie du



"Im Flugzeug gibt es während starker Turbulenzen keine Atheisten."
(Robert Lembke)



Mein Vater vor der Freitagsmoschee in Isfahan, Persien

Mein Vater, aus dem seinerzeit deutschen Danzig heimatvertriebener Protestant, hatte in den 1960er-Jahren gleich zwei Schlüsselerlebnisse mit - wie er sagte - "weniger aufgeklärten Menschen", und zwar im heimischen Bayern sowie im fernen Persien (dem heutigen Iran).

Nach dem Krieg hatte er in Bayern Arbeit als Webmeister gefunden und war nun von einer mehrheitlich katholischen Bevölkerung umgeben, deren Rituale ihm zum Teil gänzlich neu waren und die dazu führten, dass er hier und da auch mal aneckte, da die ortsansässige Bevölkerung ihre religiösen Gewohnheiten und Gebräuche als absolut selbstverständlich für jedermann erachtete. Während dieser Zeit erhielt er ein Angebot, für ein Jahr im persischen Isfahan zu arbeiten, was er annahm. Dort war er nun von Moslems umgeben, die ihre Religion gleichfalls als absolut selbstverständlich erachteten und nach dem Motto verfuhren: Die "Ungläubigen" (dazu zählten ihrer Auffassung nach auch fromme Christen) haben sowieso immer Unrecht, wenn es um Fragen des Glaubens geht.

Zurück in Bayern, kam er mit einem "alten Mütterchen" ins Gespräch, die sich zuvor verwundert über alles Nichtkatholische geäußert hatte. Am Ende sagte er zu ihr: "Wissen Sie, es es gibt da draußen in der Welt Millionen von Menschen, die genau wie Sie davon ausgehen, dass ihre Religion die einzig richtige ist und die sich genauso über Sie wundern würden. Das sollte einem doch zu denken geben, oder?"

Auch im heutigen Deutschland - ganz gleich, ob Moslem, Christ oder Atheist - gilt wie wohl überall auf der Welt die Regel: 80 Prozent der Kinder gehören der Konfession ihrer Eltern an - schon allein das sollte einem zu denken geben.


5. Gebot: Gehet hin in Frieden

"Manche Hähne glauben, dass die Sonne ihretwegen aufgeht."
(Theodor Fontane)

Auch nur ein Stern: die Sonne.
Quelle: NASA (gemeinfrei)
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sun_in_X-Ray.png


In welche Richtung schreitet nun unsere Evolution voran? Die Physik hat uns ganz ungebeten die frustrierende Botschaft übermittelt, dass unser Sonnensystem schon in einigen hundert Millionen Jahren kein Leben mehr ermöglichen wird, wie wir es heute kennen: Unsere Sonne wird dann zum roten Riesen und wird uns - bzw. unsere Nachkommenschaft - nach und nach verbrutzeln. Für die bisherige Evolution vom Einzeller bis zum Menschen hatten wir zwei Milliarden Jahre Zeit - um von diesem Planeten herunterzukommen, nur noch einige hundert Millionen.

Unsere Lebenserwartung liegt bei maximal 130 Jahren. Die meisten Menschen werden jedoch eher 80 Jahre alt, wobei sie eigentlich nur zwischen dem 20. und dem 70. Lebensjahr Zeit haben, um sich gründlich in die Naturwissenschaften einzuarbeiten. Man hat also ein halbes Jahrhundert Zeit, das Wissen der Menschheit zu verstehen, etwas daraus zu machen und es weiterzugeben an die nachfolgende Generation.

Die Dinosaurier lehren uns, was es heißt, wenn die eigene Uhr überraschend abläuft und ein Asteroid mit ein paar Kilometern Durchmesser einen plötzlich von der Krone der Schöpfung zum Legebatterie-Hühnchen degradiert.

Wir sind dann mal gespannt, - wie es weitergehen wird mit der Menschheit!




Weblinks:

Kreationismus an US-Grundschule: Haben Dinosaurier und Menschen gleichzeitig gelebt?
http://www.sueddeutsche.de/bildung/kreationismus-an-us-grundschule-haben-dinosaurier-und-menschen-zeitgleich-gelebt-ja-1.1660220

Wissenschaftspolitik in den USA: "Darwin for Congress"
http://www.sueddeutsche.de/wissen/wissenschaftspolitik-in-den-usa-darwin-for-congress-1.1521048

Homeschooling: US-Gericht untersagt Asyl für deutsche Schulverweigerer
http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/homeschooling-familie-romeike-bekommt-doch-kein-asyl-in-den-usa-a-900109.html

Mittwoch, 3. November 2010

Die häufigsten Gründe, warum die vom Lehrer erteilte Klausurnote nicht stimmen kann

"In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball." (Thomas Häßler)


"Die Klausurnote ist ungerecht und falsch, weil ...

1. ... ich aber gelernt habe!"
2. ... ich ganz viel auswendig gelernt habe!"
3. ... auch viele andere so eine schlechte Note haben!"
4. ... ich ganz viel geschrieben habe!"
5. ... ich immer fleißig mitschreibe im Unterricht!"
6. ... ich letztes Jahr bei [Name eines milde benotenden Lehrers] immer eine Zwei hatte!"
7. ... andere das auch so sehen."
8. ... Sie doch wissen, was ich meine, auch wenn ich das ganz anders geschrieben habe!"