Sonntag, 8. März 2026

Himmel über Berlin

 "Berlin ist eine Stadt, die atmet." (Iggy Pop)

In der Staatsbibliothek am Kulturforum mit Engel-Pin aus dem Nachlass von Otto Sander.


Remscheid, Nordrhein-Westfalen, 2021


Die Remscheider Schülerin sagte bei einer Notenbesprechung: "Vielleicht werde ich nach dem Fachabi auch woanders studieren, Heidelberg oder Berlin." Ich fragte: "Kennen Sie denn jemanden in Berlin?"

"Ja, ich habe dort in der Nähe Verwandte."

"Ich habe 19 Jahre lang in Berlin gewohnt, sagte ich. "Studiert und den Mauerfall miterlebt. Letzten Oktober war ich mit dem Auto mal wieder dort, und als ich auf den Berliner Ring fuhr und an der Gabelung den Wegweiser las: 'Hamburg, Stettin, Warschau, Berlin-Zentrum', da habe ich sogar ein Tränchen vergossen vor Freude, wieder dort zu sein."

"Warum ziehen Sie nicht wieder hin?", fragte sie.

"Das ist nicht so einfach, von hier aus.", antwortete ich.


West-Berlin, 1987


Ich verließ das Auto meiner guten Freundin und Klassenkameradin Marion am U-Bahnhof Paulsternstraße und stieg in die U7, die mich direkt zum Bayerischen Platz in Berlin-Schöneberg brachte. Onkel und Tante meines Klassenkameraden Thomas hatten zugesagt, mich für eine Woche zu beherbergen, in der ich dann versuchen wollte, eine Wohnung zu finden, was damals genauso unmöglich war, wie heutzutage, was ich damals aber noch nicht wusste. Eine der beiden Töchter räumte ihr Zimmer für mich, am nächsten Tag schrieb ich mich an der Technischen Universität als Lehramtsstudent ein. Es war Herbstanfang, die Uhren wurden in Kürze um eine Stunde zurückgestellt, was ich aber auch erst nach ein paar Tagen zufällig mitbekam.

Das Einschreiben an der Technischen Universität war erstaunlich problemlos gewesen, ich wählte neben meinem Herzensfach Biologie noch das Fach Deutsch (jeweils Lehramt), womit ich durch dieses Korrekturfach meinem späteren Leben einen Haufen nervige Zusatzarbeit bescherte, ohne mir jedoch damals dieses Umstandes bewusst zu sein. Nun hieß es also nur noch, sich jetzt zügig eine eigene Wohnung "zu nehmen" und dann konnte der Umzug erfolgen.


Eine Wohnung in Berlin "nehmen" (1987)


In West-Berlin war der Wohnungsmarkt 1987 ähnlich desolat wie heute. Es gab zwar billigen Wohnraum in teils geradezu mittelalterlich anmutenden Wohnungen (Toilette eine halbe Treppe tiefer oder gar auf dem Hinterhof, Kachelöfen statt Zentralheizung), diesen jedoch "für 'nen Appel und 'nen Ei" - WENN man denn an einen solchen kam. Man kam dran - über Freunde und Bekannte in Berlin (ich hatte keine) oder Makler, wenn man ein gutes Einkommen hatte (ich hatte keins, außer einem nicht nachweisbaren, gleichwohl ausreichenden monatlichen  Taschengeld von Vater und Tante).

Ich kaufte mir eine BZ (Berliner Zeitung West) und rief aus einer Telefonzelle ein paar Nummern an von Wohnungen, deren Lage mir nichts sagte, aber deren Miete mir bezahlbar vorkam. Hier und da gab es gleich Absagen, aber ich erhielt auch einige zeitnahe Besichtigungstermine.

Schon die erste Besichtigung war ernüchternd. Ein riesiger Haufen Wohnungssuchender umgab mich, ein fülliger Makler, der aussah wie eine Mischung aus der Karikatur eines Kapitalisten und dem Pinguin-Mann aus Batman II, bahnte sich seinen Weg durch die Masse und wankte zur Mitte des Wohnungsflurs. Dort rief er bei einer uneleganten 360-Grand-Drehung, an uns gerichtet: "Wer ist hier Student?" Freudig meldet ich mich: "Hier!" Er wartete eine Sekunde lang - und sagte dann: "Raus!"

Drei oder vier weitere Besichtigungen später war ich mental an einem Tiefpunkt angelangt. Zwar hatten auch einige Makler mich einmal etwas gefragt, aber weder hatte ich einen Einkommensnachweis noch eine Mietbürgschaft vorzuzeigen, und so endete die erste Runde der Suche kläglich. Beim letzten Objekt hatte ich nicht einmal den Hauch einer Chance auf ein 127-DM-Objekt mit Hinterhof-Klo, weil mein Hinweis "Mein Vater bekommt Rente und kann das bezahlen!" nicht ausreichte.

Ich rief zu Hause an. Mein Vater sprach mir Mut zu. "Wenn es gar nicht klappt, komm halt wieder zurück. Uns fällt dann schon etwas anderes ein." Es war sehr nett von ihm, immerhin fiel ich so nicht ins Bodenlose. Zudem schickte er mir per Post eine Mietbürgschaft. 

Ein erfolgreich eingeschriebener Student, aber ohne Wohnung? Einen letzten Besichtigungstermin hatte ich noch. Die Wohnung war eigentlich viel zu teuer (650 DM), ich hatte quasi keine Hoffnung, dass man mich länger als eine Minute in den Räumlichkeiten dulden würde. Ich spazierte vorher durch Moabit, und weil ich noch Zeit hatte, setzte ich mich in ein Café und bestellte ein Weizenbier, das ich in einem Zug leerte. Spielte jetzt ja auch keine Rolle mehr. Dann ging ich zur Besichtigung.

Eine ältere Dame stand vor der Tür und entpuppte sich als die zuständige Maklerin. Ich war der einzige Interessent. Wir plauderten, ich (vom Weizenbier noch in gelöster Stimmung) nahm alle guten Manieren zusammen und präsentierte mich als angemessen interessiert, stellte ein paar freundliche Fragen und mich als "Student der Technischen Universität" vor (das Wort "Lehramt fiel nicht), dessen solventer Vater natürlich die Miete würde zahlen können. Sie (fälschlich davon ausgehend, sie habe es mit einem künftigen Ingenieur zu tun) beäugte mich freundlich und sagte dann: "Die Wohnung ist ja vielleicht etwas zu teuer für Sie, ich habe Freitag noch eine Besichtigung in Reinickendorf, die Wohnung kostet nur die Hälfte, möchten Sie sich die mal anschauen?" "Aber gern.", antwortet ich und wir verblieben so.

Ich frage Thomas' Verwandte, ob sie mich noch eine Woche ertragen könnten, was diese netterweise zusagten. Die Töchter nahmen mich ein wenig an die Hand und gingen mit mir unter anderem auf ein Volksfest, und ich erfuhr nützliche Dinge, etwa, wie man in Berlin Aschenbecher leert (Aschenbecher verschwindet kurz unter dem Tisch, Aschenbecher wandert unauffällig wieder leer auf den Tisch zurück).

Bei der Freitagsbesichtigung waren dann leider auch wieder acht Mitbewerber vor Ort. Sympathische Paare mit Rollkragenpullis und diverse Mitmenschen, die sicher stattliche Gehaltsnachweise hatten. Am Schluss ging ich zur Maklerin und betonte erneut mein Interesse, wies aber dezent auf die mir wohl überlegenen Mitbewerber:innen hin. "Nein, ich werde Sie dem Vermieter empfehlen.", sagte sie, "ich habe Sie ihm gegenüber bereits erwähnt, und er hatte keine Bedenken.

Kurz und gut: Ich wohnte dann zehn Jahre glücklich in dieser meiner ersten eigenen Wohnung, erlebte Mauerfall, heiratete, zeugte Kinder, zog noch zweimal in Berlin in bessere Gebiete um, die heute unbezahlbar sind, und 2006 dummerweise zurück nach Nordrhein-Westfalen.


Im Exil



Jeden Morgen weckte mich im trostlosen Remscheid, der kleinsten kreisfreien Großstadt NRWs, der Berliner Sender Radioeins mit der Frühsendung "Der schöne Morgen". Die Moderatoren Christoph Azone, Stefan Rupp, Julia Menger, Kerstin Hermes, Marco Seiffert und Tom Böttcher waren meine ganz persönlichen Hausgötter. Die Radiomusik in Nordrhein-Westfalen war eine Katastrophe, eine schier endlose Wiederholung von 80er-Jahre-Titeln, die ich seit 1985 in- und auswendig kannte, während die Berliner Musikredaktion ständig Neues und Hippes in meine Ohre flutete.

Während man sich in Berlin bei Verkehrsmeldungen wie "Auf der A10 Berliner Ring, Höhe Hellersdorf, liegt ein totes Wildschwein auf der Fahrbahn." wohl eher ekelte, bekam ich wohlige Gänsehaut, weil ich an die Berlin-Brandenburger Autobahnfarbe (etwas heller) dachte und Heimweh nach Kiefern und Sandböden des in der Eiszeit entstandenen Berliner Urstromtals verspürte.

Irgendwann sah ich einmal nach langer Zeit wieder den Wim-Wenders-Film "Der Himmel über Berlin".

Ich hatte sofort eine Sehnsuchtsträne im Auge. Ich sah mein altes West-Berlin, ich fühlte die Stadt, ich hörte sie mir zurufen: Wo bist du? Warum bist du fortgegangen? Bruno Ganz und Otto Sander spazierten als Engel durch die Staatsbibliothek am Kulturforum. Einen solchen Ort gab es nicht in meiner nordrhein-westfälischen Umgebung. Peter Falk ging, sich selber spielend, über das Gelände des Anhalter Bahnhofs, vorbei an einer Gruppe Handwerker, die sich ungläubig nach ihm umdrehte und ausrief: "Ey, wat denn? Is det Columbo?" "Nöö, gloob ick nich. Doch nich mit dem schäbigen Mantel. Der rennt doch hier nicht durch die Pampe."

Einige Szenen später steht Falk mit dem Engel Damiel (Bruno Ganz) ebendort an einem kleinen Imbiss. Falk kann den Engel nicht sehen, aber er spricht mit ihm: "I can't see you, but I know you're here." Der Imbissbesitzer lauscht ungläubig und hält ihn für bescheuert.

Am Ende reicht der Sichtbare dem Unsichtbaren seine Hand. Der Engel schlägt ein - und wird bald darauf zum Menschen.


Glück



2020 machte meine jüngste Tochter Abitur und beschloss, zurück nach Berlin zu ziehen. Als ihre dortige 4er-WG dann im Folgejahr ins Trudeln geriet, richtete ich für sie eine Immoscoutsuche ein und schrieb Anbietern, dass ich für mich oder für meine Tochter eine Wohnung in Berlin suchen würde. Ich bekam quasi nie Antworten, aber irgendwann kam dann doch einmal eine Einladung zur Besichtigung. Ich hatte den Schreibtisch voller Klausuren, natürlich keinerlei Zeit, und bat die Tochter, sich die Wohnung einmal anzusehen; - wenn es für sie nichts wäre, solle sie sie halt für mich klar machen, sagte ich scherzhaft. "Nee, Spandau ist nichts mehr für mich.", sagte die Tochter, "Aber schick mir mal Scans deiner Unterlegen!"; sie ging für mich zur Besichtigung, ging mit meinen Gehaltsnachweisen und sonstigen Bescheinigungen in der Hand hin, - und machte die Wohnung für mich klar. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Am Samstag danach fuhr ich hin und unterschrieb den Mietvertrag. Am 30. März 2023 arbeitete ich noch in Remscheid, verabschiedete mich von meiner Klasse, stieg ins Auto, fuhr 540 km nach Osten - und war wieder Berliner.

Ich gehe noch heute oft an den ehemaligen Drehorten des "Himmels über Berlin" vorbei, nicke dann hinüber zu meinen unsichtbaren Engeln und murmele: "I can't see you, but I know you're here. Compañero."

Schlusswort.


Was mich in Berlin glücklich macht.


Die Spree im Morgenlicht glitzern sehen.

Die Stille in der in blaues Licht getauchten Gedächtniskirche genießen.

Mit der U-Bahn überirdisch durch Kreuzberg fahren. 

Vor einem Schinkel-Museum sitzen.

Kaffee am kleinen Imbiss.

Spazieren gehen in der sommerheißen Stadt.

Das Urstromtal sehen, wo andere nur Auto fahren.

Einen Sonnenaufgang hinter dem Fernsehturm erleben.

Über buntes Herbstlaub hinweg das Stadtschloss betrachten.

Gedenktafeln an Gebäuden lesen und wissend nicken.

Den Ort eines historischen Ereignisses sehen, den heute niemand mehr kennt.

Mit einem türkischen Imbissbesitzer herumscherzen, der einen schon beim zweiten Besuch wiedererkannt hat.

Gräber berühmter Menschen auf Friedhöfen besuchen und ab und zu ein "Danke!" in Richtung eines Grabes nicken.

Die "Berliner Schnauze mit Herz" der Frau an der Eck-Tanke lieben.

Die Berliner Stadtreinigung am Neujahrsmorgen bewundern.

Vom Denkmal auf dem Kreuzberg rundum auf die Stadt blicken.

Auf der Oberbaumbrücke in eine Demo flippiger Alternativer geraten.

Nach rechts zum Goethe-Denkmal und nach links zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas blicken und über Deutschland nachdenken.


Die Vielfalt der Menschen morgens in der U-Bahn in sich aufnehmen - und die Vielfalt ihrer Ideen und Gedanken.

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Berlin - ich liebe dich von ganzem Herzen.

Montag, 27. Januar 2020

Auschwitz

Wo Liebe wächst, gedeiht Leben - wo Hass aufkommt, droht Untergang.
(Mahatma Gandhi)

Wie soll man über einen Kurztrip nach Auschwitz berichten? Ehrlich, ich weiß es nicht genau. An diesem Ort wiegt manches Wort schwerer als andere Worte, an anderem Ort leichtfertig dahergesagt. Ich werde es trotzdem versuchen.

Ankunft

29. Dezember 2018. Ich bin angekommen. Nach vielen Stunden Fahrt über die Autobahnen Deutschlands und Polens bin ich, 1000 km von zu Hause entfernt, hier angekommen. Was wird mich empfangen? 

Rauch quillt aus den Schornsteinen in Brzezinka. Es herrscht Inversionswetter im ehemaligen "Birkenau", kalt steht Haus neben Haus - und die Menschen, die aus unerfindlichen Gründen noch immer hier, in der Sumpflandschaft zwischen Weichsel und Soła, leben und mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt sind, heizen im Winter mit Braunkohle. Man riecht es.

Graue Wolken kriechen aus Schornsteinen über die kleine Landstraße, über die ich versuche, mit meinem Auto, ausgerechnet einem Volkswagen, nach Auschwitz-Birkenau zu gelangen. Manchmal fahre ich langsamer, um mir die Gegend näher anzusehen, in der Deutsche 1941 das größte Massenvernichtungslager der Welt errichteten und das bisher wohl größte Verbrechen der Menschheit begingen.

Außer einem Mann, der am Straßenrand steht und mich nicht anschaut, sehe ich keine Menschen. Dann erreiche ich das ehemalige Vernichtungslager von Norden her.

Es zieht sich schier endlos bis zum ehemaligen Haupttor, wo trotz des Nieselregens eine Vielzahl von Menschen, die Bussen und Autos entsteigen, in Gruppen umher läuft. Ich beschließe, gleich einmal zu schauen, ob man tatsächlich einfach so in das ehemalige Lager gelangen kann, und steuere einen kostenpflichtigen Parkplatz an, direkt gegenüber des Tores, das man von Bildern und aus Filmen kennt.

Irritiert fällt mein Blick auf einen Museumsshop, und ich frage mich, was man dort wohl kaufen kann. Es ist der erste Museumsshop, den ich nicht betreten mag.


Das Tor

Die dir zugemessene Zeit ist so kurz, dass du,
wenn du eine Sekunde verlierst, schon dein ganzes Leben verloren hast,
denn es ist nicht länger;
es ist immer nur so lang wie die Zeit, die du verlierst.
(Franz Kafka) 


Lagertor Auschwitz II-Birkenau (von außen)

Die Einfahrt sieht dank der zwei darüber befindlichen Fenster aus wie ein weit aufgesperrtes Maul. Die ehemalige Einfahrt ist mit einem Eisentor verschlossen, der heutige Eingang befindet sich links daneben, und man kann wirklich einfach so hinein- und herausspazieren. Ein Eintritt wird nicht gefordert, im Eingangstor hängt eine Spendenbox, die ich beim Verlassen reichlich befüllen werde.

Das Tor scheint einen anzuschauen. Man kennt es aus Spielfilmen und Dokumentationen, und irgendwie steht es auf besondere Art und Weise für diesen grauenvollen Ort. Unter dem Wachturm fuhren einst die Züge in die Todesfabrik ein - mit hilflosen und verängstigten Menschen, die diesen Ort bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht mehr verlassen sollten.

Schon beim Betreten irritieren mich die vielen Menschen; ich hatte mir stets vorgestellt, hier Ende Dezember mehr oder weniger allein zu sein und den Opfern und Geschehnissen der Vergangenheit unmittelbar in tiefer Einkehr gedenken zu können. Stattdessen komme ich mir nun vor wie an einem anderen Ort des Massentourismus und realisiere, dass Auschwitz eben nicht nur ein Ort des stillen Gedenkens ist, sondern auch eine internationale Sehenswürdigkeit wie der Eiffelturm oder Schloss Neuschwanstein.

Nicht alle Besucher sind in nachdenklicher Stimmung unterwegs. Einige lachen, manche hüpfen albern über Pfützen, einige fotografieren sich oder ihre Begleitung, machen Selfies von sich vor dem Lagertor. Happy Yolocaust, Me in Auschwitz, nice place. Dennoch sind auch viele Menschen bemüht, in angemessener Weise diesen Ort zu besichtigen.

Ich begleite die Massen noch ein Stück zur ehemaligen "Rampe". Dann werde ich das Lagergelände erst einmal wieder verlassen, da ich mich in Gegenwart der Menschenmengen nicht konzentrieren kann auf all das, was sich hier vor mir ausbreitet.

Am nächsten Tag kehre ich zurück.


Die Rampe

Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.
(Gotthold Ephraim Lessing)

Ehemalige Selektionsrampe.
Am Ende der Rampe befanden sich je rechts und links unmittelbar ein Krematorium mit Gaskammer.


Alle Besucher wechseln nach Betreten des ehemaligen Lagers fast einhellig nach rechts hinüber zur ehemaligen Rampe, niemand verbleibt links auf dem direkten Weg zum Gedenkplatz zwischen den ehemaligen Gaskammern und Krematorien. Auch ich werde wie magisch nach rechts hinüber gezogen zur ehemaligen Rampe der Ankunft und der Selektionen, dem Vorgang des "Aussortierens", wie man damals sagte.

Man hat dort einen einzigen Waggon stehen lassen, damit man "es" sich besser vorstellen kann, und doch kann "es" sich niemand vorstellen, wie es gewesen sein muss, als hier die Familien voneinander getrennt und Menschen aus- und damit für immer wegsortiert wurden, wie man damals auf deutscher Täterseite sagte (der Begriff "Selektionen" wurde erst später hierfür benutzt): "Männer nach rechts, Frauen nach links, Kinder auch, Mütter, Kinder und alte Frauen ganz nach links!", so ertönte es hier - und dann ging alles, was ganz links stand, geradeaus weiter zu einer der beiden dortigen Gaskammern, wo man sich auszog und teilweise samt seiner eigenen Eltern, Großeltern und Kinder vergast und anschließend verbrannt wurde. Kleidung und Haupthaar wurden zuvor gesammelt, sortiert und verwertet, Goldzähne nach der Vergasung und vor der Verbrennung entfernt.

Was auf der Rampe "Glück" gehabt hatte und rechts stand, wurde in den nächsten drei Monaten dann üblicherweise durch Hunger und Arbeit vernichtet.


Die Gaskammern

Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik.
(Josef Stalin)

Eingang zum ehemaligen Krematorium III - Eingang zum Entkleiden (mi.) und zur Gaskammer (l.)


Rechts und links am Ende der Rampe befinden sich die ehemaligen Gaskammern und Krematorien II und III (das erste "Krematorium I" befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Stammlagers Auschwitz I).

Man erkennt noch alles. In den letzten Tagen von Auschwitz-Birkenau sprengte die SS diese Orte zwar in die Luft, aber man kann auch heute noch recht gut die Struktur der ehemaligen Vernichtungsmaschine sehen. Baupläne und Blaupausen gibt es zudem auch noch. Alles ist schön symmetrisch angelegt: Eingang, ein paar Treppen hinunter, Entkleidung, dann nach links oder rechts zur Seite zu den Gaskammern, die als Duschen getarnt waren, um die Opfer ruhig zu halten, ein zusätzliches lautes "Merken Sie sich Ihre Nummer, nach der Dusche wartet schon der Kaffee!" tat sein Übriges, dann Zyklon B, von oben in Luken geschüttet, Angst, Panik, Aneinanderklammern, verzweifeltes An-Türen-Schlagen und Wändezerkratzen, Aufeinanderklettern, sich ineinander verklammern und im Todeskampf verhaken, ersticken und sterben.
So wurde man hier "sonderbehandelt" und "der Endlösung zugeführt", wie die Täter sagten.

Wohin mit den Leichen? Über den Vergasungskammern warteten schon die Krematorien. In der Mitte eine zentrale Rinne, um die Leichen besser entlangziehen zu können auf dem Weg zum Ofen, der von Mai bis Herbst 1944 quasi nonstop arbeitete (Hersteller: Firma "Topf und Söhne"). Zu Spitzenzeiten wurden gleich mehrere Leichen zusammen in die Verbrennungsröhren geschoben. Haut und Körperfett brannten, die Leibeshöhle platzte, die Organe verkohlten, nach 20 Minuten war aus einem Menschen ein Haufen Asche und Knochensplitter geworden. 

Ein Teil des Sonderkommandos aus Häftlingen zerkleinerte die verbliebenen Knochen weiter zu unkenntlicher Asche, und all die Asche wurde in umliegende Flüsse verteilt, im Lager, auf Wiesen, alles hier ist voll von den Überresten ermordeter Menschen, auch wenn man davon nichts mehr sieht. Auschwitz-Birkenau und die ganze Gegend drumherum ist der größte Friedhof der Welt.


Krematorium IV und V

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland"
(Paul Celan, "Todesfuge") 



Vor dem ehemaligen Krematorium V.



Ein Scheiterhaufen aus Menschenfleisch ist nichts, was man sich vorstellen möchte. Und doch befand er sich auf dieser kleinen grünen Fläche vor dem ehemaligen Krematorium V.

Im Sommer 1944 brannte er an dieser Stelle.

Wikipedia: "Von vielen Häftlingen des Sonderkommandos wurde berichtet, dass an den Enden der Verbrennungsgruben Vertiefungen waren, in die über eine mittig angelegte Rinne das Fett der Leichen hineinfloss. Dieses wurde mittels an Stangen angebrachter Eimer herausgeschöpft und als Brennstoff über die Leichen gegossen. Dieses Rinnensystem hatte Hauptscharführer Otto Moll erdacht, und er gab beim Anlegen der Verbrennungsgruben genaue Anweisungen, wo und wie die Rinnen und Vertiefungen angelegt werden mussten. So sollte offensichtlich die Verbrennung beschleunigt und der Bedarf an Brennholz reduziert werden."

Wikipedia führt weiter aus: "Moll tat sich insbesondere bei der Tötung von Frauen und Kleinkindern hervor. So führte er laut [eines Überlebenden des Sonderkommandos] Filip Müller oftmals attraktive Jüdinnen an den Rand der Feuergruben, um sich an ihrer Angst zu erfreuen. Er sagte ihnen lüsterne Worte ins Ohr, gab ihnen dann einen Schuss in den Hinterkopf und ließ sie ins Feuer fallen. Kleine Opfergruppen von jeweils bis zu 200 Personen wurden von Moll und seinen engsten Mitarbeitern, den Kommandoführern Josef Eckhardt und Ewald Kelm eigenhändig erschossen oder lebendig ins Feuer geworfen, da die Verwendung von Giftgas als Verschwendung bewertet wurde. Auch Kranke, Alte und Invaliden wurden von Moll oder dementsprechend instruierten Kollegen mit Lastwagen an die Feuergruben delegiert und lebendig in die Flammen gekippt. [...] Fast sämtliche Zeugenaussagen verdeutlichen, dass Moll einen krankhaften Drang hatte, ständig zu foltern und zu töten. Er erschlug kleine Personengruppen mit Knüppeln und Eisenstangen, übergoss Menschen mit Benzin und zündete sie an, warf des Diebstahls überführte Häftlinge zur Strafe in den Krematoriumsofen, er hetzte Hunde auf seine Opfer, trieb sie gegen elektrisch geladene Zäune, tötete Kinder vor den Augen ihrer Eltern und peinigte Todgeweihte auf ihrem Gang in die Gaskammer. [...] Der Überlebende des Sonderkommandos Filip Müller beschreibt in seinem Buch am detailliertesten Molls Grausamkeiten. Er führt bspw. aus, dass dieser oft durch die Masse der zur Vergasung vorgesehenen Ankömmlinge schlenderte, sie beim Ausziehen beobachtete und Kleinkinder mit Süßigkeiten von ihren Müttern fortlockte, um sie draußen ins siedende Fett der Feuergruben zu werfen."

Von den Massenverbrennungen der Menschen gibt es Fotos.

Der Sonderkommando-Häftling Alberto Errera machte aus einer Tür beim Krematorium V zwei Fotos von den Verbrennungsgruben, zwei weitere von ausgekleideten Opfern, die vor der Gaskammer stehen. [Link] Auch diese Fotos beweisen den Holocaust.

Der Geruch verbrannten Fleisches muss in der gesamten Umgebung zu riechen gewesen sein.

Auch die Royal Air Force machte aus großer Höhe am 23. August 1944 ein Foto. In der Mitte links des Bildes [Link] ist der Rauch gut zu erkennen.


Doktor Mengele im "Zigeunerlager"


Geistlose kann man nicht begeistern, aber fanatisieren kann man sie.
(Marie von Ebner-Eschenbach)




Ich gehe zum so genannten ehemaligen "Zigeunerlager", in dem Lagerarzt Josef Mengele mit Zwillingen experimentierte.

Ein paar Minuten Weg durch matschige Wege in einem großen Nichts, aus dem rechts und links dürre Schornsteinreste in den Himmel starren, und ich stehe in den Resten von Mengeles "Forschungs-"Baracke.

Josef Mengele stammte aus "gutem" Hause, worunter man sich eine wohlhabende Industriellenfamilie vorstellen muss, katholisch-konservativ und deutschnational. Er studierte Medizin und spezialisierte sich auf einen nach heutigen Maßstäben komplett unsinnigen Zweig der "Rassenkunde", beispielsweise wollte er den Nachweis der Rassezugehörigkeit anhand von Kieferabschnitten erbringen - aus heutiger Sicht wissenschaftlicher Nonsens.

1938 promovierte er mit „Sippenuntersuchungen bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalte“ mit der Höchstnote. Die Doktograde wurden ihm 1960 und 1961 wieder aberkannt.

Mengele war im gesamten Lager Auschwitz als Lagerarzt tätig. Bei Selektionen auf der Rampe, an denen er gerne teilnahm, pfiff er gelegentlich die "Träumerei" von Robert Schumann oder Themen aus "Rigoletto". Von der Notwendigkeit einer Ausrottung aller Juden war er überzeugt, seine Maßnahmen waren kalt und brutal.

Wikipedia: "Als Ende 1943 im Frauenlager, das zu diesem Zeitpunkt unter seiner Aufsicht stand, eine Typhusepidemie ausbrach, ließ er die 600 Insassinnen eines ganzen Blocks vergasen und den Block anschließend desinfizieren. In diesen Block wurden dann die Frauen des nächsten Blocks verlegt, der geleerte Block desinfiziert und so fort. So ging er auch gegen ungarische Jüdinnen im Lager B IIc vor, die an Scharlach erkrankt waren, und gegen jüdische Kinder im Lager B IIa, unter denen sich die Masern verbreitet hatten. Auch im 'Zigeunerlager' schickte Mengele alle Kranken mit solchen potentiell epidemischen Infektionen in die Gaskammern.
[...]
Bei Entlausungsaktionen ließ er Kranke ohne Rücksicht auf ihren Zustand stundenlang nackt ausharren, auch im Winter bei Schnee und Regen im Freien, so dass viele starben. Sechzig Tuberkulosekranke schickte er im Spätherbst 1943 offenkundig in die Gaskammern, so dass keiner mehr wagte, sich mit Brustschmerzen krankzumelden. Krätze bekämpfte er im Frühjahr 1944 mit einem Säurebad, das zwar desinfizierte, aber lebensgefährlich war. Das besondere Interesse Mengeles erregten allein die sich ausbreitende Erkrankung an Noma [googeln Sie`s lieber nicht!], Zwillinge, Kinder mit angeborenen Anomalien und Menschen mit unterschiedlich farbigen Augen (Iris-Heterochromie)."

Einmal nähte Josef Mengele aus purer Freude am Forschen zwei eineiige Zwillinge am Rücken und an den Handgelenken zusammen und schuf so ein künstliches "siamesisches" Zwillingspaar. Die vollkommen traumatisierten Kinder weinten Tag und Nacht vor sich hin, litten an Wundbrand und wurden von den eigenen Eltern aus Mitleid erstickt.

Mengele ertrank 1979 in Brasilien beim Baden. Nie wurde er für seine Taten in Auschwitz zur Rechenschaft gezogen. Sein Schädel dient heute als Anschauungsmaterial für angehende Forensiker in Südamerika.


Die Größe

"Schwarze Milch der Frühe, wir trinken dich morgens und abends, wir trinken und trinken."
(Paul Celan, "Todesfuge")



Das Lager scheint schier endlos. Ich bewege mich im Uhrzeigersinn langsam in Richtung Ausgang, komme an kleinen Gruppen vorbei, an Israelis, an Deutschen, an Amerikanern. Alle sprechen leise. An der Nordseite des Lagerkomplexes ist es überhaupt ruhiger als im Bereich des Eingangs.
An der Ostseite stehen einige erhaltene Baracken, von denen ich eine besichtige. Beim Verlassen stolpere ich über zwei Chinesinnen, die lachend Selfies machen. Ich sage nichts, weil das absurd wäre, hier als Deutscher herumzuschnauzen, und gucke nur etwas grimmig. Dann verlasse ich Auschwitz-Birkenau durch das Tor, durch das ich herein kam.

Stammlager


"Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei,
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei."



Ein paar Kilometer entfernt befindet sich das ehemalige Stammlager Auschwitz I. Hier begann alles, auch hier wurden Tausende ermordet, viele starben an einer Erschießungswand.

Über dem Lagertor empfängt einen der höhnische Spruch "Arbeit macht frei". Das B wurde falsch herum in die eiserne Tor-Dekoration eingefügt, angeblich eine unbemerkte Widerstandstat eines Häftlings. Der Gedanke gefällt mir.


Das erste Krematorium

"Wir haben gesungen, wir haben Gott angerufen: 'Hilf uns, lieber Gott!' Aber Gott hat nicht geholfen."
(Estrongo Nachama, jüdischer Häftling, Auschwitz-Birkenau) 



Ich spaziere von der Erschießungswand zur ersten Gaskammer von Auschwitz. Hier wurde erprobt, was später noch Millionen angetan werden sollte: Ermordung, Vergasung, Verbrennung.

Ich gehe durch das vollständig erhaltene Krematorium und seine Gaskammer.
Es schaudert mich.


Der "gute" Galgen

Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus. Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi. (Gerhard Bronner)




Neben dem Krematorium wurde Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß am 16. April 1947 gehenkt.
Höß hatte nach Kriegsende und Verhaftung noch Zeit, seine Memoiren zu verfassen, die ich vor über 10 Jahren einmal gelesen habe. Der Mann gibt dort gefühlsarm und sachlich detailliert Auskunft und versteht nicht so recht, warum man ihn für einen Verbrecher hält, habe er doch immer im Dienst einer höheren Autorität gehandelt.

Addiert man die von ihm genannten Opferzahlen, kommt man auf ca. 1,13 Mio. Ermordete. Das entspricht in etwa der gesamten Einwohnerzahl Kölns.

Aber kann  man sich das Leid darum besser vorstellen? Spielen die Zahlen eine Rolle? Und wenn ja, welche? Und wer trägt nun Schuld?

Eins steht fest: Hitler hat nicht alles alleine getan.
Und es waren nicht nur Nazis, die es taten.

Und noch etwas steht fest:
So etwas darf niemals wieder geschehen. Niemals wieder.
Nicht in Deutschland. Und nicht irgendwo anders.

Nicht bis zum letzten Atemzug der Menschheit. 



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Weblinks:

Die Auschwitz-Alben:



Die Auschwitz-Ärzte des Todes:



Montag, 31. Dezember 2018

Vernichtung

Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realität.
(Alfred Hitchcock)


Auschwitz-Birkenau, 29.12.2018



Ich war in Auschwitz. Ich war im Stammlager Auschwitz I, ich war in Auschwitz-Birkenau und ich war in Auschwitz III Monowitz. Ich habe alles gesehen und dennoch kann ich nicht vernünftig darüber berichten, denn es fehlt an passenden Worten, um verständlich zu beschreiben, was hier geschehen ist. Alles ist hier geschehen. Alles, was Menschen anderen Menschen antun können, ist hier geschehen.

Menschen wurden erschossen, zu Tode geprügelt, vergast; man ließ sie verhungern, operierte sie ohne Betäubung, sterilisierte sie, verbrannte sie mit Strahlung und mit Feuer. Man tötete Kinder, man ließ Menschen langsam erfrieren. Man ließ sie morgens zum Appell antreten, man ließ sie in ihrer dünnen und verschmutzten einlagigen Kleidung über Stunden in der Kälte des Winters stehen und warten. Man gab ihnen kaum Nahrung, man gab ihnen kaum Wasser. Und man nahm ihnen die Freunde, man nahm ihnen die Eltern, Geschwister und man nahm ihnen auch ihre Kinder. Man nahm ihnen ihre Würde, Stunde um Stunde, Tag für Tag. 

Wer war "Man"? "Man", das waren Menschen wie wir.

Männer. Frauen. 

Auch Deutsche. Vernichtet von Deutschen.

Das macht es zusätzlich schwer, hier zu sein.

Man schweigt, wenn man an Gruppen vorbei geht, die neben den Überresten des Krematoriums III und der dazu gehörenden Gaskammer stehen und sich auf Englisch oder gar Hebräisch unterhalten. 

Man schweigt, wenn man wie ich an jungen Chinesinnen vorbei kommt, die sich vor einer der übrig gebliebenen Baracken fotografieren und hierbei laut kichern.

Man schweigt und wünscht, dass alle hier schwiegen, so erdrückend drückt dieser Ort auf die Seele.



Fragen.

Wo war Gott, während die Gaskammern und Krematorien über Monate hinweg im Dauerbetrieb arbeiteten?

Wo war Gott, als kleine Kinder 1944 lebendig in die Verbrennungsgruben neben dem überlasteten Krematorium V geworfen wurden, in denen deren eigene Mütter mit ihrem Körperfett als menschliches Brennmaterial dienten? 

Wo war Gott, als Doktor Mengele Zwillingen Gift in ihre jungen Herzen injizierte, um ihnen nach dem Tod ihre Augen zu entnehmen, um diese nach Berlin ans Kaiser-Wilhelm-Institut zu schicken? 

Und wo war Gott gewesen, als Menschen diese Todesfabrik ersannen?

Die Antwort ist einfach: Es gibt keinen Gott. Immerhin so viel kann man hier lernen.
Hier herrschte kein allmächtiger Gott, hier regierte nur eins: Tod. Und der Tod war ein Meister aus Deutschland.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe; wer Ohren hat zu hören, der höre.


Dienstag, 21. November 2017

Armageddon


"It's the end of the world as you know it!"
(REM)




Sie denken, Sie haben Probleme? Dann lesen Sie mal weiter! Hier geht es jetzt um das Ende der Welt, des Lebens undsoweiter.


Das Ende der Dinosaurier

Deep Impact

Der 10 km große Asteroid trat aus der Schwärze des Weltraums in die Atmosphäre der Erde ein. Mit einer Geschwindigkeit vom 100.000 km/h schlug er im Golf von Mexiko ein, bohrte sich durch das Deckengebirge der Erdkruste und hinterließ einen Krater von rund 200 km Durchmesser. Die Explosion tötete alles Leben im Umkreis von 1000 km sofort, der Knall war auf dem gesamten Erdball zu hören, auch noch auf der Rückseite, Tsunamis und Erdbeben der kaum gekannten Stärke 11 bis 12 rasten um die Erde. Der Auswurf aus dem Einschlagkrater war so gigantisch, dass Teile davon in den Weltraum zurückgeschleudert wurden. Der Rest verdunkelte jahrelang die Atmosphäre, die globale Durchschnittstemperatur fiel ebenso lang unter den Gefrierpunkt. Die terrestrischen und marinen Ökosysteme kollabierten. Was den unmittelbaren Einschlag überlebt hatte, war bis auf wenige Ausnahmen einige Jahre später tot, von den bis dato alles beherrschenden Dinosaurierern blieben neben ein paar Echsen nur die heutigen Vögel übrig. Alles andere starb aus, verhungerte, verrottete im nuklearen Winter, den der Globale Killer hinterließ. 

65 Mio. Jahre ist das jetzt her. Fun-Fact: Ohne diesen Asteroideneinschlag wären wir Menschen vermutlich heute nicht das, was wir sind: die alles beherrschende Art auf unserem Planeten. Aber auch unser Ende wird kommen.


Das Ende der Deutschen

Deutscher Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht.
(Sigismund von Radecki)

Das Ende der Deutschen war erstaunlicherweise nicht schon 1945 gekommen. Dabei war der Zeitpunkt perfekt. Deutschland hatte die halbe Welt und nahezu ganz Europa verwüstet und terrorisiert, Deutsche hatten enteignet, vergewaltigt, gemordet, kleine Kinder mit dem Kopf an Häuserwände geknallt, Frauen, Behinderte, Krüppel und Greise vergast, feindliche Soldaten und russische Kommissare bei lebendigem Leib begraben, Städte - ganze Hauptstädte! - gesprengt, Länder verwüstet, Kriegs- und Völkerrecht jahrelang ignoriert. Alle? Alle nicht, aber doch viele. Der Rest schaute weg, und nur eine kleine Minderheit leistete aktiv Widerstand. 

Nie war ein Zeitpunkt günstiger gewesen, um den Deutschen für immer den Garaus zu machen. Aber es passierte nicht.

Und doch wird das Ende der Deutschen kommen. Sinkende Geburtenraten, ein überteuertes Gesundheitswesen, ständig steigende Ausgaben für Arbeit und Soziales, Vergreisung der Bevölkerung, wachsende Zuwanderung aus anderen Kulturen und Regionen der Welt sowie ein latent ungesunder Lebenswandel werden die Deutschen nach und nach irgendwann verschwinden lassen. Ist auch nicht schlimm, schließlich heißt "Deutsch" (althochdeutsch "diutisc") letztlich "Volk", und das Volk besteht aus Menschen, und die wird es vorerst weiterhin geben. Vorerst.


Das Ende der Menschheit

Noch sind wir zwar keine gefährdete Art, aber es ist nicht so, dass wir nicht oft genug versucht hätten, eine zu werden.
(Douglas Adams)

Für die Menschheit gibt es nur eine Chance zum Weiterleben: Sie muss den Weltraum erobern und zwar in ziemlich epischer Breite und spätestens innerhalb einiger Millionen Jahre (wenn sie sich nicht vorher selber ausrottet), sonst ist es aus mit ihr. 

Denn: Unsere Sonne wird nicht ewig scheinen, auch sie ist bereits jetzt zum Tode verurteilt. Zunächst wird sie heller und wärmer werden, am Ende wird sie sich so weit ausdehnen, dass sie unsere gute alte Erde verschlucken wird. Schon lange zuvor wird alles Leben auf der Erde durch das Verdampfen der Ozeane verbrüht und verbrannt worden sein, und alle Tiere, Pflanzen und Pilze, die nicht rechtzeitig in eine galaktische Arche befördert wurden, werden fortan Geschichte sein.

Nun ist der Weltraum nicht ganz so ungefährlich für Menschen, wie uns populäre Science-Fiction-Filme glauben machen wollen. Fehlende Schwerkraft lässt unsere Muskeln zügig atrophieren, ein einziger kosmischer Gamma-Blitz - und das Leben weicht dem Tod. Und während Astronauten in Filmen einfach immer auf erdähnlichen Planeten die Shuttle-Luke öffnen, und eine erdähnliche Atmosphäre einatmen, so ist die Chance, einen solchen Planeten zu finden, äußerst gering. Existiert auf ihm Leben, gibt es dort vermutlich auch etwas wie Viren oder Bakterien. Und wenn man gar auf intelligente Außerirdische trifft, handelt es sich bei diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit um Räuber, die einen umgehend ausrotten wollen.


Kurze Pause

Sie brauchen jetzt eine Pause? Dann schauen Sie sich doch einmal dieses Video an!


Immerhin - an einem Schwarzen Loch wird es nicht scheitern. Also: Keine Panik!


Das Ende des Universums

Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. - Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.
(Douglas Adams)

Während meines Studiums in den späten 80ern hörte ich einmal eine Vorlesung über Astrophysik, in der es um schwarze Löcher ging. Unter anderem lernte ich: 1. Die Energie im Universum ist konstant. 2. Bei allen Vorgängen nimmt die freie Entropie zu (ungeordnete Teilchenbewegung, beispielsweise, wenn Ihre Haut Wärme abstrahlt) und 3. wird dies am Ende mit dem so genannten Wärmetod des Universums enden. Alle Teilchen, auch die, aus denen wir jetzt gerade bestehen, werden ungeordnet und pingpongmäßig vor sich hinwabern, alles Leben wird erloschen sein, überall. Immerhin ist es dann schön warm.


Ewigkeit und Unendlichkeit

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. (Albert Einstein)

Eine kleine Hoffnung bleibt: Das Universum ist kein abgegrenzter Raum, sondern unendlich. Die Gesetze der Thermodynamik gelten aber nur für abgegrenzte Räume. 

Die Unendlichkeit des Universums wirft auch die Frage nach der Unendlichkeit der Zeit auf. Existiert so etwas wie Ewigkeit, bedeutet dies, dass unendlich Zeit zur Verfügung steht. Steht unendlich Zeit zur Verfügung, dann ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass jedes Molekül im Raum einmal erneut genau die Position einnehmen wird, die es gerade jetzt einnimmt. Vielleicht also sehen wir alle uns in einigen Billionen Jahren an genau dieser Stelle wieder.

Falls nicht vorher ein Asteroid einschlägt und uns auslöscht wie die Dinosaurier.





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Weblinks

How Long Do We Have Left Before The Universe Is Destroyed?
http://www.iflscience.com/space/big-rip-scenario-wont-destroy-universe-least-28-billion-years

Samstag, 18. November 2017

Kranke Menschen

Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit.
(Ludwig Börne)

Noch vor wenigen Wochen dachte ich, der gesunde Mensch sei der Normalfall, der kranke Mensch die Ausnahme. Jetzt weiß ich: Der normale Mensche ist heutzutage krank. Oder er arbeitet bereits erfolgreich daran, demnächst krank zu sein. 

Wartezone

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch ...
(Woody Allen)

Ich sah mich um. Mein letzter Besuch in einem Krankenhaus lag gut 40 Jahre zurück, ich hatte eine Gehirnerschütterung gehabt, weil mir mein damaliger bester Freund versehentlich einen halben Ziegelstein an den Schädel geworfen hatte. Ich war sofort ohnmächtig geworden und wäre beinahe in eine Jauchegrube gefallen, neben der ich damals zufällig gestanden hatte. Hinter dem rechten Ohr ist noch heute die Narbe der damaligen Platzwunde zu bewundern. Jetzt saß ich in der HNO-Ambulanz eines Großstadt-Klinikums und las ein nur wenig erheiterndes Buch über Edvard Munch ("Der Schrei"). Ab und zu sah ich mir die Menschen um mich herum etwas genauer an. Manche sahen aus, als hätte man ihnen frisch eins mit der Bierflasche übergezogen, andere wiederum sahen ganz gesund aus, waren es aber wohl nicht, schließlich war dies eine HNO-Ambulanz. Kleine Kinder rannten auf und ab, Mütter schimpften. Ab und an hustete jemand.

Wartezone im Klinikum


Endstation Krankenhaus

Ein bisschen Kranksein ist manchmal ganz gesund.
(Rudolf Virchow)

Ich tastete über meinen Hals. Drei kleine Narben erinnerten an Zugänge, die mir hier vor kurzem für eine Mandel-OP gelegt worden waren. Auch am Handgelenk hatte ich noch sichtbare Spuren diverser Infusionszugänge. Aber ich war nur zum Nachcheck hier, MEINE Wunden heilten. Immerhin.


Vor der OP.


Ich dachte an meinen zeitweiligen Zimmergenossen, einen sehr sympathischen älteren Herren Ende Siebzig. Nach einer Bypass-OP an der Wade musste er Gerinnungshemmer zu sich nehmen, als er mitten in einer Auto-Waschanlage plötzlich starkes Nasenbluten bekommen hatte, das durch die Gerinnungshemmer gar nicht mehr aufhören wollte. So war er im Krankenhaus gelandet, mit seinem riesigen Nasenpfropf konnte er zwei Nächte lang nicht schlafen.

Ich musste an meinen Onkel denken, der im hohen Alter - ebenfalls in einer Waschanlage - ausgerutscht war und sich den Oberschenkelhalsknochen gebrochen hatte. Obwohl er sehr rüstig gewesen war, war er nun nach langer Zeit plötzlich bettlägerig gewesen. Von einem späteren, zweiten Sturz erholte er sich gar nicht mehr, sein Herz hörte nach rund 90 Jahren auf zu schlagen - in einem Krankenhaus. Seine Frau, meine Tante, folgte ihm innerhalb weniger Tage nach. Sie wollte nicht mehr.

Auch meine beiden Eltern waren in einem Krankenhaus gestorben, zufälligerweise im gleichen. 
Meine Mutter war Krankenschwester gewesen, der Darmkrebs tötete sie an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz; sie starb auf der Station, auf der sie zuvor jahrelang gearbeitet hatte. Ich war damals 19.

Mein Vater war eigentlich schon tot, gehirntot, als man ihn ins Krankenhaus brachte. Er hatte im Altenheim einen Herzinfarkt erlitten und wurde erst nach einigen Minuten gefunden, das Personal hatte seine Pflicht getan und ihn reanimiert. Aber "reanimiert" wurde nur noch sein Herz. Nach ein paar Tagen hörte dann auch dieses auf zu schlagen. Da er zuletzt auf der Entbindungsstation lag - gelagert wurde -, prägte sich mir der Moment des endgültigen Abschieds für immer ein, denn als ich aus dem Zimmer des Toten trat, spazierte ein junges Paar mit einem Säugling an mir vorbei und es gibt wohl keine bessere Szene, um die ewige Wiederkehr des Lebens mit den eigenen Augen zu bestaunen. Geburt und Grab, ein ewiges Meer.  

Dieses Krankenhaus machte mir fortan Angst, ich mied es, wenn ich konnte. Aber nun saß ich ja in einem Klinikum in einer Großstadt um die Ecke. Dort hatte ich eine heftige Woche verbracht, ich bloggte kürzlich darüber.

Tagsüber wanderte ich regelmäßig über die Station. Dort saßen einige Patienten herum, die auf eine ärztliche Untersuchung warteten. Einige sahen schlimm aus, als seien sie verprügelt worden: Geschwollene Gesichter, verquollene Augen, riesige Blutergüsse.


Kranke Menschen


Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft.
(Mark Twain)


Klinikum einer westdeutschen Großstadt

Das deutsche Gesundheitssystem ist eins der teuersten der Welt. Laut Wikipedia arbeiteten vor 10 Jahren 4,4 Millionen Menschen in der Gesundheitswirtschaft. Das waren gut zehn Prozent aller Beschäftigten in Deutschland. Eine halbe Million Pflegekräfte arbeitet in deutschen Krankenhäusern und betreut Patienten in ebenfalls einer halben Million Krankenhausbetten. Über 17 Mio. Fälle werden dort jährlich behandelt.

Da diese Statistik  nur die Kranken in Krankenhäusern beschreibt, stellt sich mir die Frage: Gibt es überhaupt noch GESUNDE in Deutschland? Ich persönlich glaube: Nein.

Warum glaube ich das nicht? Weil ich seit Jahren an einer Schule arbeite. Dort laufen relativ viele Menschen herum, Schüler und Lehrer. Und weil ich weiß, wie hoch Krankenstände sein können, unter Schülern, aber auch bisweilen unter Lehrern. 

Und weil ich Menschen kenne - beispielsweise Krankenschwestern und -pfleger, die auch noch sterbenskrank zur Arbeit gehen, weil sie nicht wollen, dass ihr Fehlen zur Mehrarbeit von Kolleginnen und Kollegen führt. 

Und nicht zuletzt, weil ich im Klinikum Patienten sah, die noch morgens Patienten der HNO-Ambulanz waren und sich mittags zum Rauchen vor dem Klinikum trafen.

110.000 bis 140.000 Tote pro Jahr gehen allein in Deutschland auf das Konto des Tabakkonsums. Und der Durchschnittsdeutsche trinkt pro Jahr im Durchschnitt 9,6 Liter reinen Alkohol.


Bis zum letzten Atemzug

Die Menschen verlieren zuerst ihre Illusionen, dann ihre Zähne und ganz zuletzt ihre Laster.
(Hans Moser)


Letzte Aussicht für viele: das Krankenbett. 


Seit Dienstag letzter Woche weiß ich, wie sich Sterben anfühlen kann: Man liegt in einem Bett, kann sich weder äußern noch rühren - und andere kümmern sich mehr oder weniger um einen. Man leidet, man leidet mehr, man beginnt, dies alles nicht mehr zu ertragen - aber man kann nichts mehr ändern. Es ist zu spät. Und man kommt aus dieser Lage (im Gegensatz zu mir) nicht mehr heraus. 

Am Ende wartet auf fast alle von uns das Krankenbett. Und nicht jeder hat das Glück wie ich, es zwischendurch 40 Jahre lang nicht gesehen zu haben. 

Für mich stand am Ende meines Aufenthalts in diesem Krankenhaus fest: Ich will nicht als kranker Mensch sterben, - ich will gesund sein und dies auch bleiben! Ich will nicht hilflos enden, - ich will aktiv und nützlich sein bis zum Untergang! Und ich bin sicher: Nicht nur ich will das. Machen wir alle etwas mehr aus unserem Leben - so lange wir es können! Und bleiben wir - gesund!


Sonntag, 12. November 2017

Nahtod-Transit

"Der Tod lächelt uns alle an, das einzige, was man machen kann, ist zurücklächeln!" (Marcus Aurelius)


Vor einigen wenigen Wochen noch saß ich glücklich am Ufer des Mittelmeeres, schlürfte entspannt einen französischen Kaffee und genoss im T-Shirt die Sonne. Eine Woche später lag ich künstlich beatmet auf einer Intensivstation in Deutschland. Wie das? Ein Bericht.


"Hab keine Angst -  wenn ich müde werde, helfen mir die Meerjungfrauen weiter!" (Le grand bleu)

Alter Hafen von Marseille, Frankreich


Marseille, Sonntag, 22.10.2017

Mit zwei Stapeln Klausuren im Gepäck erreichte ich Marseille noch am späten Nachmittag. Ich checkte kurz in mein Airbnb-Appartement ein und nahm sofort für 2 Euro den Bus zum Alten Hafen (Vieux Port).
In Marseille war - anders als in Deutschland oder noch im elsässischen Strasbourg, wo ich zuvor übernachtet hatte, - Sommer. Auch wenn einige empfindlichere Einheimische bereits  in Steppjacken unterwegs waren, konnte man es noch gut mit T-Shirt und zur Not mit einem dünnen Pullover aushalten.

Mein Appartement lag im Norden der Stadt. Ich beschloss, jeden Morgen früh aufzustehen, einige Klausuren zu korrigieren, und dann spätestens gegen Mittag ausgedehnte Wanderungen und Fahrten zu machen, was ich auch tat. Ich wanderte und wanderte. Ich wanderte, bis mir Rücken, Beine und Po so weh taten, dass ich spürte, dass ich in den letzten Monaten viel zu viel am Schreibtisch gesessen hatte. Sobald ich merkte, dass die Sonne zu stechen begann, fuhr ich heim. So schaffte ich immerhin einen sonnigen Urlaub ganz ohne Sonnenbrand.

Anse des Catalans, Marseille. 29.10.2017.

Eine Woche später, am 29. Oktober, wieder an einem Sonntag, badete ich trotz starken Windes im Mittelmeer, in der "Bucht der Katalanen" (Anse des Catalans). Eigentlich hatte ich das schon zwei Tage vorher versucht, mich aber auf dem Weg zum Strand ohne Navi ("Der Strand kann ja nicht so schwer zu finden sein!") hoffnungslos auf den Betonpisten Marseilles verfranst und war am Ende gar in Aix-en-Provence gelandet, 25 km außerhalb Marseilles. Auf dem Rückweg besuchte ich die ehemalige Künstlerkolonie L'Estaque. Von dort aus kann man die ganze Bucht von Marseille wunderbar überblicken.

L'Estaque - Blick über die Bucht von Marseille.

In L'Estaque wehte ein heftiger Mistralwind von Norden. Der Mistral ist ein sehr trockener Wind, der vom Rhônetal Richtung Süden weht, wenn über Mitteleuropa Tiefdruckgebiete rotieren. Er ist extrem stark und trocken; kalt ist er jedoch nicht. 

Sonntagabend verspürte ich ein leichtes Kratzen im Hals, später dann merkte ich, dass ich leichtes Fieber bekam, das aber nicht weiter anstieg. 

Zwischendurch las ich immer einen beeindruckenden Roman von Anna Seghers, er heißt "Transit" und spielt zur Zeit der Besetzung Frankreichs durch Deutschland im Jahr 1941/1942 - in Marseille.


Transit

"Hier mussten immer Schiffe vor Anker gelegen haben, genau an dieser Stelle, weil hier Europa zu Ende war und das Meer hier einzahnte, immer hatte an dieser Stelle eine Herberge gestanden, weil hier eine Straße auf die Einzahnung mündete. Ich fühlte mich uralt, jahrtausendealt, weil ich alles schon einmal erlebt hatte, und ich fühlte mich blutjung, begierig auf alles, was jetzt noch kam, ich fühlte mich unsterblich." (Anna Seghers, Transit)


Lieblingsort des Ich-Erzählers aus "Transit": Das Café am Vieux Port


Der Ich-Erzähler in Anna Seghers' Roman sitzt Anfang der 40er-Jahre in Marseille fest. Deutschland marschiert in Frankreich ein; in Marseille drängen sich die Flüchtlinge, die Bürokratie hindert jedoch viele an der schnellen Ausreise. Bevor man die Stadt und das Land verlassen kann, muss zunächst eine Ausreisegenehmigung her, die man aber nur erhält, wenn eine Bescheinigung vorliegt, dass einen ein anderer Staat auch aufnimmt, ein Visum muss also beschafft werden, für das man aber wiederum zunächst Bescheinigungen zur Durchreise anderer Länder benötigt, so genannte Transits (und dazu muss man auch eine Fahrkarte vorweisen, denn sonst geht alles wieder von vorne los). Eine kafkaeske Kälte durchweht den gesamten Roman.

Der Erzähler macht es sich mehr oder weniger ohne Geld in Marseille erst einmal "gemütlich", und eine Dreiecksgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler, einer (wie könnte es anders sein?) schönen und interessanten Dame sowie ihrem eher distanzierten Lebensgefährten, einem Arzt, nimmt ihren Lauf - und endet tragisch.

Die Erzählung schlug mich nach und nach immer stärker in ihren Bann, und ich ging auf Spurensuche. Ich saß im Lieblings-Café des Ich-Erzählers (bzw. an dessen ehemaligem Standort, denn 1943 ließ Heinrich Himmler durch Wehrmacht und Waffen-SS die halbe Altstadt Marseilles sprengen, da ihm das alles zu unübersichtlich war und man Résistance-Angriffe fürchtete. Das Kriegsverbrechen wurde nie geahndet), ich besuchte die Rue de la Providence, in der der Erzähler gewohnt hatte; ich durchschritt die kurze Rue du Relais, in der der Arzt und die Dame gewohnt hatten, ich schlenderte jeden Tag den Cours Belsunce hinauf und herunter (Marseille ist sehr hügelig), und ich besuchte andere Orte des Geschehens, sogar am mexikanischen Konsulat war ich kurz, freilich, ohne jeden vernünftigen Grund. Die Hauptstraße La Canebière war eh Dreh- und Angelpunkt meiner Buslinie zu meinem Appartement.

So ging die Woche vorüber, doch am Montag nach meinem Bad im Mittelmeer wachte ich mit einem entzündeten Rachen auf und beschloss, einmal einen Einkaufs-, Aufräum- und Pausentag einzulegen. Ich knabberte an einem afrikanischen Weißbrötchen, es tat weh.

Dies war dann für über eine Woche die letzte feste Nahrung, die ich zu mir nahm.


Transit nach Deutschland 

Der Dienstag begann noch unangenehmer als der Montag: Mein Hals war entzündet, beim Atmen rasselte es ein wenig. Ich dachte kurz an das Hôpital Nord, das ich im Norden der Stadt auf dem Weg nach Aix en Provence im Vorüberfahren gesehen hatte: ein 50er- oder 60er-Jahre-Bau, riesig, anonym - und man sprach vermutlich nur französisch. Die Website des Klinikums war tot. Ein Ort zum Sterben.

Ich checkte aus.

Da mein Tank fast leer war, fuhr ich zunächst wieder Richtung Aix-en-Provence - einen nur kleinen Umweg, wie ich meinte -, denn dort hatte ich an der Autobahn kurz hinter Marseille eine Tankstelle gesehen. So würde es am schnellsten gehen, und das musste es auch, denn als ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, doch die 1100 km nach Deutschland zurückzufahren, war es bereits mittags um halb eins. An der Tankstelle fuhr ich in Gedanken vorbei.

Erst bei Aix-en-Provence bemerkte ich meinen Fehler, zum Glück sah ich an einer Ausfahrt eine weitere Tankstelle und kreuzte unter dem Hupen Einheimischer alle Fahrbahnen und fuhr ab. 50 Liter später war der Tank voll, und es konnte weitergehen.

Leider entpuppte sich der "kleine" Umweg als schier endlos, da ich via Landstraßen und Umleitungen über alle möglichen kleinen (allerdings auch sehr hübsche) Dörfer geleitet wurde. Als ich endlich wieder auf der Autobahn war und an der Aire de Portes-lès-Valence meine erste Rast benötigte, hatte ich noch ganze 870 km vor mir, also etwa zweimal die Strecke Hamburg - Köln.

Schon um 17:30 Uhr ging die Sonne unter. Fortan fuhr ich im Dunklen und hatte eher wenig Glück mit meinen Rastplätzen; auf den meisten standen nur ein paar einsame Lkw herum, alles war nahezu unbeleuchtet. Ich hielt jetzt nur noch, wenn ich unbedingt musste, die zweite Tankfüllung würde bis daheim reichen.

An Essen war nicht zu denken, jedes Schlucken tat höllisch weh. Ich trank auch nur noch winzige Portionen. Gleichwohl konnte ich ganz prima Auto fahren, vermutlich kann ich das sogar als Zombie noch.

Um kurz nach Mitternacht traf ich zu Hause ein und wollte nur noch sterben. Ich war sogar zu erschöpft für die Notaufnahme und beschloss, die Nacht noch einmal zu Hause zu verbringen. Trotz Schmerzen schlief ich sofort ein und bis 6 Uhr durch.


Im Klinikum

Am nächsten Tag fühlte ich mich etwas erholter, gleichwohl war der Hals noch stärker angeschwollen, auf der linken Seite beulten die Lymphknoten den Hals bereits wie Kugeln von innen aus. Ich fuhr ins Klinikum (zunächst ins falsche, dann ins richtige) und marschierte in die Notaufnahme, wo man mir bedeutete, dass man a) einen chaotischen Tag mit vielen Notfällen habe und ich b) jetzt einer davon sei, der ziemlich umgehend operiert werden müsse ("Verdacht auf Abszess"). Ich konnte noch schnell ein paar WhatsApp-Nachrichten an die Familie absetzen, dann ging es auch schon in den Operationssaal und mein weiteres Schicksal lag in den Händen der Ärzte.


"Nahtod"

"Du schlägst die Augen auf - in einem Krankenhaus." (Die Toten Hosen)

Im Klinikum.


Den Rest vom Dienstag und den ganzen Mittwoch lag ich intubiert unter Narkose auf der Intensivstation, letztlich handelte es sich um eine ausgedehnte "Mandel-OP". Zudem wurde etwas entfernt, das die Ärzte als "beginnenden Abszess" beschrieben. Da meine eigenen Erinnerungen nach einem wohl heftigen Durchgangssyndrom von dem abweichen, was man mir schilderte, hier nur die Kurzfassung:

  • Es gab leichte Komplikationen während der Narkose, ich wurde tachykard, später ging mein Puls auf 40 runter.
  • Nach der Narkose muss ich manischen Unsinn erzählt und wild um mich gefuchtelt haben (in meiner - vermutlich falschen - Erinnerung habe ich einen lustigen Spruch gemacht, na ja, vielleicht war er nur für mich lustig), so dass man mich fixierte und mir Haloperidol (ein Neuroleptikum, mit dem man normalerweise schizophrene Symptome behandelt) verabreichte, woraufhin ich noch einen weiteren Tag vollkommen katatonisch wurde.
  • Man fuhr mich zuerst auf eine normale Station, dann wieder zurück auf die Intensivstation. Ich konnte gerade so atmen und nur mit der rechten Hand irgendwelche Zeichen, eigentlich nur drei (Daumen hoch, runter oder ein So-lala-Zeichen), machen. An diesen Tag habe ich volle Erinnerungen, aber ausschließlich traumatische.

An den Tagen danach wurde ich stabiler und wacher und bekam auch wieder Besuch, und meine Tochter (21) fragte mich: "Hattest du eine Nahtod-Erfahrung?"
Ich dachte kurz für mich: "Das WAR die Nahtod-Erfahrung! Näher ran geht nicht.", antwortete aber: "Nein."

In meiner (vermutlich falschen) Erinnerung war ich durchgehend bei Bewusstsein, jedoch vollkommen bewegungsunfähig, atmete durch einen Schlauch und habe tagelang nur darauf gewartet, dass etwas passiert, bis ich dann am dritten Tag wieder auferstand. Ein totaler Alptraum.


Heim-Transit

"[Der Hafenamtsvorstand] fragte: 'Wo ist Ihr Flüchtlingsschein?' Ich kramte Yvonnes Schein hervor. Er kam zu den Akten. Das Hafenamt stempelte. Ich war abfahrtsbereit."

(Anna Seghers, Transit)

Nach drei Tagen auf einer normalen Station kam ein neues Problem hinzu: Ich war hoffnungslos unterbeschäftigt und mental ausgelaugt. Kein Problem im medizinischen Sinne, für mich aber schon. Das einzige Buch, das ich noch lesen konnte, eine Biografie, war viel zu detailfixiert und langweilig, das Smartphone gab auch nichts mehr her, den Fernseher teilte ich mir mit einem älteren Herren und wir guckten aus gegenseitiger Rücksichtnahme eigentlich nur Nachrichten zusammen (was im Prinzip toll war - auf anderen Zimmern hatte ich RTL II oder Kika mitanschauen müssen). Ich wollte dennoch heim.

Nun kommt man in Krankenhäuser leichter hinein als wieder hinaus. Am Montag hatte ich dann ähnliche Erlebnisse wie ein "Transit"-Ausreisewillger in Marseille auf dem mexikanischen Konsulat: Irgendwo fehlte immer noch etwas, eine Information, eine Unterschrift, alles drohte sich um weitere Tage zu verzögern, und ich war dabei sicher: Noch einen Tag im Krankenbett ertrage ich nicht mehr. An dieser Stelle sei jedoch angemerkt, dass die Versorgung exzellent war und Ärzte sowie Schwestern und Pfleger mehr als kompetent waren! Und gegen ihren Rat wäre ich nicht auf eigene Verantwortung gegangen. Aber ich wollte raus. Doch meinen "Transit-Schein" bekam ich nicht so schnell.

Es folgte zunächst eine Untersuchung meines Rachens - alles sah nicht schlecht aus -, doch dann kamen noch neue Zweifel auf:

"Nach einer Mandel-OP muss man noch mindestens vier Tage auf Station bleiben."
"Die sind gerade um."
"Das muss ich nachprüfen."

Sie waren um. Gerade so.

"Ich brauche noch die Zustimmung des Oberarztes."
Der Oberarzt stimmte zu.

"Wir brauchen noch den Stempel. Wo ist der?"
Er fand sich.

Mir wurden Auflagen gemacht:
  • Am nächsten Tag wieder vorstellig werden zum Nachcheck! 
  • Nicht zu weit vom Klinikum entfernen, keine Reisen, kein Sport, kein warmes Bad, keine heißen Duschen, keine Anstrengungen! 
  • Bei der kleinsten Blutung oder Nachblutung im Rachen sofort 112 rufen und mit dem Rettungswagen zurückkehren! 

Ich sagte alles zu, die Ärztin stempelte. Ich war abfahrtsbereit.







PS.: Heute geht es mir bis auf die noch schmerzende Wunde im Rachen wieder ganz gut.

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Weblinks

Marseille in einer Minute https://youtu.be/bBkK69q30Aw

Carnets de Julie (frz.) - Marseille (beginnt in L'Estaque) https://youtu.be/Z-aPMumWZT8

Marcel Reich-Ranicki über Anna Seghers - https://youtu.be/wMgik0UzpBE

Paul Czézanne - Blick über die Bucht von Marseille, von L'Estaque aus gesehen:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c8/Paul_C%C3%A9zanne_044.jpg

Dienstag, 18. April 2017

Bist du stolz auf deine Nationalität - oder geht es dir gut?

Deutsches Wappentier Seeadler im Schlosspark von Schloss Doorn.


Mein Blick fällt auf den Aufnäher an der Jacke der Fascho-Glatze, die mir im Bus gegenüber sitzt und auf dem zu lesen steht: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!". Arme Sau, denke ich, hast nichts, bist nichts, kannst auf nichts stolz sein außer auf deine Herkunft.
Einen Moment lang bin ich in Versuchung, die deutsche Dumpfbacke zu fragen, was genau eigentlich seiner Meinung nach ein Deutscher ist und warum man darauf stolz sein darf oder muss, lasse es dann aber, weil ich nicht mit Idioten diskutiere.

Mein Vater war auch immer stolz, Deutscher zu sein. Geboren wurde er 1924 in Danzig, das nach dem 1. Weltkrieg zwangsweise nicht mehr zum Deutschen Reich gehörte. In seinem Pass stand daher "Bürger der Freien und Hansestadt Danzig", aber nicht "Deutscher".
Endlosen Diskussionen in meiner Jugend konnte ich entnehmen: Man ist anscheinend immer dann besonders stolz, etwas zu sein, wenn man es aus irgendwelchen Gründen doch nicht ganz ist und eben nicht so ganz dazu gehört.

Hier erschoss sich Hitler, 8 Meter unter der Erde.

Der übertriebene Nationalstolz der Deutschen in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges - Ergebnis eines landesweiten Minderwertigkeitsgefühls infolge einer demütigenden Niederlage - mündete bekanntermaßen in der Ernennung Adolf Hitlers durch Reichspräsident Paul von Hindenburg zum mehr oder weniger letzten deutschen Reichskanzler (Goebbels durfte ja auch noch einen Tag Kanzler spielen, bevor er seine sechs kleinen Kinder vergiften ließ und auch Suizid beging). Hitler selber war gebürtiger Österreicher, aber anscheinend wollte auch er gerne "stolz sein, ein Deutscher zu sein" und dazugehören. Zwanzig Jahre zuvor hatte er noch als Arbeitsloser in einem Wiener Männerwohnheim gehaust und mit dem Verkauf wenig origineller Sehenswürdigkeiten-Aquarelle seinen Lebensunterhalt aufgebessert.

Im von Hitler angezettelten 2. Weltkrieg, der 1939 sinnigerweise in Danzig begonnen hatte, starben etwa 50 Mio. Menschen, Hitler selbst schoss sich dann am 30. April 1945 in der Mitte der deutschen Hauptstadt, 8 Meter unter der Erde in seinem Bunker, eine Kugel in seinen deutsch-österreichischen Kopf, mein Danziger Vater hingegen hatte etwas mehr Glück und überlebte den Krieg knapp. Seine Heimatstadt, von Polen annektiert, sah er dann 45 Jahre lang nicht wieder - bis 1990. Ich begleitete ihn damals. Als Bürger der Nachkriegs-BRD zeigte er nunmehr bei vielen Gelegenheiten gerne seinen Stolz, ein Danziger zu sein.
Sein Bücherregal war voller Bücher über die ruhmreiche Geschichte der alten deutschen Hansestadt. Auf den ersten Seiten seiner Bücher pflegte er handschriftlich zu vermerken: "Kurt Schinka, Hundegasse 124, Danzig, Westpreußen. Zur Zeit Westdeutschland."


63 Prozent der türkischen Wähler in Deutschland stimmten beim Verfassungsreferendum 2017 für die Umwandlung der Türkei in einen "Führerstaat".

Auch heute leben wir in einer Zeit, in der Heimatstolz und Nationalgefühl überall wieder in Mode zu kommen scheinen. Nationalistische Parteien wie Front National oder AfD fahren z. T. hohe zweistellige Ergebnisse ein, in Deutschland lebende nationalistische Türken jagen mit überwältigender Stimmen-Mehrheit die west-orientierte laizistische Republik Atatürks zum Teufel, Trump-Anhänger in den USA recken ihre Arme zum "Sieg-Heil"-Gruß wie einst deutsche Nationalsozialisten. Der Rest schäumt und tobt bei Facebook gegen Mitbürger, als gäbe es kein Morgen mehr. Eins ist ihnen allen gemeinsam: Sie sind irre stolz, Angehörige ihrer Nationalität zu sein. Und ansonsten vielleicht auch unglücklich, weil sie etwas anderes eben nicht sind: zum Beispiel weltoffen, fortschrittlich, integriert oder gebildet.

Stolz sein kann man nur auf eine Leistung.
Auf eine Leistung zum Wohl einzelner, vieler oder für die Gesellschaft.
Auf eine besondere künstlerische Leistung.
Auf die Spuren der Liebe, die man im Leben hinterlässt.

Allerdings nicht auf seinen Hass gegenüber Fremden, nicht auf sein Rumpelstilzchen-Verhalten auf Facebook, nicht auf das Pflegen und Schüren von Vorurteilen gegen andere. Und schon gar nicht auf seine Hautfarbe, seine Herkunft oder seine Muttersprache, denn all das wurde einem gratis in die Wiege gelegt. Man kann froh sein, Deutscher zu sein - stolz darauf sein kann man allenfalls als Zugewanderter vom anderen Ende der Welt.

Und wenn man noch immer besonders stolz ist auf seine Nationalität, "Rasse" oder Religion, dann sollte man sich auch fragen, warum man noch immer so ein geistig armseliges, kleines Würstchen ist.

Fragen Sie Hitler.