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Montag, 27. Januar 2020

Auschwitz

Wo Liebe wächst, gedeiht Leben - wo Hass aufkommt, droht Untergang.
(Mahatma Gandhi)

Wie soll man über einen Kurztrip nach Auschwitz berichten? Ehrlich, ich weiß es nicht genau. An diesem Ort wiegt manches Wort schwerer als andere Worte, an anderem Ort leichtfertig dahergesagt. Ich werde es trotzdem versuchen.

Ankunft

29. Dezember 2018. Ich bin angekommen. Nach vielen Stunden Fahrt über die Autobahnen Deutschlands und Polens bin ich, 1000 km von zu Hause entfernt, hier angekommen. Was wird mich empfangen? 

Rauch quillt aus den Schornsteinen in Brzezinka. Es herrscht Inversionswetter im ehemaligen "Birkenau", kalt steht Haus neben Haus - und die Menschen, die aus unerfindlichen Gründen noch immer hier, in der Sumpflandschaft zwischen Weichsel und Soła, leben und mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt sind, heizen im Winter mit Braunkohle. Man riecht es.

Graue Wolken kriechen aus Schornsteinen über die kleine Landstraße, über die ich versuche, mit meinem Auto, ausgerechnet einem Volkswagen, nach Auschwitz-Birkenau zu gelangen. Manchmal fahre ich langsamer, um mir die Gegend näher anzusehen, in der Deutsche 1941 das größte Massenvernichtungslager der Welt errichteten und das bisher wohl größte Verbrechen der Menschheit begingen.

Außer einem Mann, der am Straßenrand steht und mich nicht anschaut, sehe ich keine Menschen. Dann erreiche ich das ehemalige Vernichtungslager von Norden her.

Es zieht sich schier endlos bis zum ehemaligen Haupttor, wo trotz des Nieselregens eine Vielzahl von Menschen, die Bussen und Autos entsteigen, in Gruppen umher läuft. Ich beschließe, gleich einmal zu schauen, ob man tatsächlich einfach so in das ehemalige Lager gelangen kann, und steuere einen kostenpflichtigen Parkplatz an, direkt gegenüber des Tores, das man von Bildern und aus Filmen kennt.

Irritiert fällt mein Blick auf einen Museumsshop, und ich frage mich, was man dort wohl kaufen kann. Es ist der erste Museumsshop, den ich nicht betreten mag.


Das Tor

Die dir zugemessene Zeit ist so kurz, dass du,
wenn du eine Sekunde verlierst, schon dein ganzes Leben verloren hast,
denn es ist nicht länger;
es ist immer nur so lang wie die Zeit, die du verlierst.
(Franz Kafka) 


Lagertor Auschwitz II-Birkenau (von außen)

Die Einfahrt sieht dank der zwei darüber befindlichen Fenster aus wie ein weit aufgesperrtes Maul. Die ehemalige Einfahrt ist mit einem Eisentor verschlossen, der heutige Eingang befindet sich links daneben, und man kann wirklich einfach so hinein- und herausspazieren. Ein Eintritt wird nicht gefordert, im Eingangstor hängt eine Spendenbox, die ich beim Verlassen reichlich befüllen werde.

Das Tor scheint einen anzuschauen. Man kennt es aus Spielfilmen und Dokumentationen, und irgendwie steht es auf besondere Art und Weise für diesen grauenvollen Ort. Unter dem Wachturm fuhren einst die Züge in die Todesfabrik ein - mit hilflosen und verängstigten Menschen, die diesen Ort bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht mehr verlassen sollten.

Schon beim Betreten irritieren mich die vielen Menschen; ich hatte mir stets vorgestellt, hier Ende Dezember mehr oder weniger allein zu sein und den Opfern und Geschehnissen der Vergangenheit unmittelbar in tiefer Einkehr gedenken zu können. Stattdessen komme ich mir nun vor wie an einem anderen Ort des Massentourismus und realisiere, dass Auschwitz eben nicht nur ein Ort des stillen Gedenkens ist, sondern auch eine internationale Sehenswürdigkeit wie der Eiffelturm oder Schloss Neuschwanstein.

Nicht alle Besucher sind in nachdenklicher Stimmung unterwegs. Einige lachen, manche hüpfen albern über Pfützen, einige fotografieren sich oder ihre Begleitung, machen Selfies von sich vor dem Lagertor. Happy Yolocaust, Me in Auschwitz, nice place. Dennoch sind auch viele Menschen bemüht, in angemessener Weise diesen Ort zu besichtigen.

Ich begleite die Massen noch ein Stück zur ehemaligen "Rampe". Dann werde ich das Lagergelände erst einmal wieder verlassen, da ich mich in Gegenwart der Menschenmengen nicht konzentrieren kann auf all das, was sich hier vor mir ausbreitet.

Am nächsten Tag kehre ich zurück.


Die Rampe

Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.
(Gotthold Ephraim Lessing)

Ehemalige Selektionsrampe.
Am Ende der Rampe befanden sich je rechts und links unmittelbar ein Krematorium mit Gaskammer.


Alle Besucher wechseln nach Betreten des ehemaligen Lagers fast einhellig nach rechts hinüber zur ehemaligen Rampe, niemand verbleibt links auf dem direkten Weg zum Gedenkplatz zwischen den ehemaligen Gaskammern und Krematorien. Auch ich werde wie magisch nach rechts hinüber gezogen zur ehemaligen Rampe der Ankunft und der Selektionen, dem Vorgang des "Aussortierens", wie man damals sagte.

Man hat dort einen einzigen Waggon stehen lassen, damit man "es" sich besser vorstellen kann, und doch kann "es" sich niemand vorstellen, wie es gewesen sein muss, als hier die Familien voneinander getrennt und Menschen aus- und damit für immer wegsortiert wurden, wie man damals auf deutscher Täterseite sagte (der Begriff "Selektionen" wurde erst später hierfür benutzt): "Männer nach rechts, Frauen nach links, Kinder auch, Mütter, Kinder und alte Frauen ganz nach links!", so ertönte es hier - und dann ging alles, was ganz links stand, geradeaus weiter zu einer der beiden dortigen Gaskammern, wo man sich auszog und teilweise samt seiner eigenen Eltern, Großeltern und Kinder vergast und anschließend verbrannt wurde. Kleidung und Haupthaar wurden zuvor gesammelt, sortiert und verwertet, Goldzähne nach der Vergasung und vor der Verbrennung entfernt.

Was auf der Rampe "Glück" gehabt hatte und rechts stand, wurde in den nächsten drei Monaten dann üblicherweise durch Hunger und Arbeit vernichtet.


Die Gaskammern

Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik.
(Josef Stalin)

Eingang zum ehemaligen Krematorium III - Eingang zum Entkleiden (mi.) und zur Gaskammer (l.)


Rechts und links am Ende der Rampe befinden sich die ehemaligen Gaskammern und Krematorien II und III (das erste "Krematorium I" befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Stammlagers Auschwitz I).

Man erkennt noch alles. In den letzten Tagen von Auschwitz-Birkenau sprengte die SS diese Orte zwar in die Luft, aber man kann auch heute noch recht gut die Struktur der ehemaligen Vernichtungsmaschine sehen. Baupläne und Blaupausen gibt es zudem auch noch. Alles ist schön symmetrisch angelegt: Eingang, ein paar Treppen hinunter, Entkleidung, dann nach links oder rechts zur Seite zu den Gaskammern, die als Duschen getarnt waren, um die Opfer ruhig zu halten, ein zusätzliches lautes "Merken Sie sich Ihre Nummer, nach der Dusche wartet schon der Kaffee!" tat sein Übriges, dann Zyklon B, von oben in Luken geschüttet, Angst, Panik, Aneinanderklammern, verzweifeltes An-Türen-Schlagen und Wändezerkratzen, Aufeinanderklettern, sich ineinander verklammern und im Todeskampf verhaken, ersticken und sterben.
So wurde man hier "sonderbehandelt" und "der Endlösung zugeführt", wie die Täter sagten.

Wohin mit den Leichen? Über den Vergasungskammern warteten schon die Krematorien. In der Mitte eine zentrale Rinne, um die Leichen besser entlangziehen zu können auf dem Weg zum Ofen, der von Mai bis Herbst 1944 quasi nonstop arbeitete (Hersteller: Firma "Topf und Söhne"). Zu Spitzenzeiten wurden gleich mehrere Leichen zusammen in die Verbrennungsröhren geschoben. Haut und Körperfett brannten, die Leibeshöhle platzte, die Organe verkohlten, nach 20 Minuten war aus einem Menschen ein Haufen Asche und Knochensplitter geworden. 

Ein Teil des Sonderkommandos aus Häftlingen zerkleinerte die verbliebenen Knochen weiter zu unkenntlicher Asche, und all die Asche wurde in umliegende Flüsse verteilt, im Lager, auf Wiesen, alles hier ist voll von den Überresten ermordeter Menschen, auch wenn man davon nichts mehr sieht. Auschwitz-Birkenau und die ganze Gegend drumherum ist der größte Friedhof der Welt.


Krematorium IV und V

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland"
(Paul Celan, "Todesfuge") 



Vor dem ehemaligen Krematorium V.



Ein Scheiterhaufen aus Menschenfleisch ist nichts, was man sich vorstellen möchte. Und doch befand er sich auf dieser kleinen grünen Fläche vor dem ehemaligen Krematorium V.

Im Sommer 1944 brannte er an dieser Stelle.

Wikipedia: "Von vielen Häftlingen des Sonderkommandos wurde berichtet, dass an den Enden der Verbrennungsgruben Vertiefungen waren, in die über eine mittig angelegte Rinne das Fett der Leichen hineinfloss. Dieses wurde mittels an Stangen angebrachter Eimer herausgeschöpft und als Brennstoff über die Leichen gegossen. Dieses Rinnensystem hatte Hauptscharführer Otto Moll erdacht, und er gab beim Anlegen der Verbrennungsgruben genaue Anweisungen, wo und wie die Rinnen und Vertiefungen angelegt werden mussten. So sollte offensichtlich die Verbrennung beschleunigt und der Bedarf an Brennholz reduziert werden."

Wikipedia führt weiter aus: "Moll tat sich insbesondere bei der Tötung von Frauen und Kleinkindern hervor. So führte er laut [eines Überlebenden des Sonderkommandos] Filip Müller oftmals attraktive Jüdinnen an den Rand der Feuergruben, um sich an ihrer Angst zu erfreuen. Er sagte ihnen lüsterne Worte ins Ohr, gab ihnen dann einen Schuss in den Hinterkopf und ließ sie ins Feuer fallen. Kleine Opfergruppen von jeweils bis zu 200 Personen wurden von Moll und seinen engsten Mitarbeitern, den Kommandoführern Josef Eckhardt und Ewald Kelm eigenhändig erschossen oder lebendig ins Feuer geworfen, da die Verwendung von Giftgas als Verschwendung bewertet wurde. Auch Kranke, Alte und Invaliden wurden von Moll oder dementsprechend instruierten Kollegen mit Lastwagen an die Feuergruben delegiert und lebendig in die Flammen gekippt. [...] Fast sämtliche Zeugenaussagen verdeutlichen, dass Moll einen krankhaften Drang hatte, ständig zu foltern und zu töten. Er erschlug kleine Personengruppen mit Knüppeln und Eisenstangen, übergoss Menschen mit Benzin und zündete sie an, warf des Diebstahls überführte Häftlinge zur Strafe in den Krematoriumsofen, er hetzte Hunde auf seine Opfer, trieb sie gegen elektrisch geladene Zäune, tötete Kinder vor den Augen ihrer Eltern und peinigte Todgeweihte auf ihrem Gang in die Gaskammer. [...] Der Überlebende des Sonderkommandos Filip Müller beschreibt in seinem Buch am detailliertesten Molls Grausamkeiten. Er führt bspw. aus, dass dieser oft durch die Masse der zur Vergasung vorgesehenen Ankömmlinge schlenderte, sie beim Ausziehen beobachtete und Kleinkinder mit Süßigkeiten von ihren Müttern fortlockte, um sie draußen ins siedende Fett der Feuergruben zu werfen."

Von den Massenverbrennungen der Menschen gibt es Fotos.

Der Sonderkommando-Häftling Alberto Errera machte aus einer Tür beim Krematorium V zwei Fotos von den Verbrennungsgruben, zwei weitere von ausgekleideten Opfern, die vor der Gaskammer stehen. [Link] Auch diese Fotos beweisen den Holocaust.

Der Geruch verbrannten Fleisches muss in der gesamten Umgebung zu riechen gewesen sein.

Auch die Royal Air Force machte aus großer Höhe am 23. August 1944 ein Foto. In der Mitte links des Bildes [Link] ist der Rauch gut zu erkennen.


Doktor Mengele im "Zigeunerlager"


Geistlose kann man nicht begeistern, aber fanatisieren kann man sie.
(Marie von Ebner-Eschenbach)




Ich gehe zum so genannten ehemaligen "Zigeunerlager", in dem Lagerarzt Josef Mengele mit Zwillingen experimentierte.

Ein paar Minuten Weg durch matschige Wege in einem großen Nichts, aus dem rechts und links dürre Schornsteinreste in den Himmel starren, und ich stehe in den Resten von Mengeles "Forschungs-"Baracke.

Josef Mengele stammte aus "gutem" Hause, worunter man sich eine wohlhabende Industriellenfamilie vorstellen muss, katholisch-konservativ und deutschnational. Er studierte Medizin und spezialisierte sich auf einen nach heutigen Maßstäben komplett unsinnigen Zweig der "Rassenkunde", beispielsweise wollte er den Nachweis der Rassezugehörigkeit anhand von Kieferabschnitten erbringen - aus heutiger Sicht wissenschaftlicher Nonsens.

1938 promovierte er mit „Sippenuntersuchungen bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalte“ mit der Höchstnote. Die Doktograde wurden ihm 1960 und 1961 wieder aberkannt.

Mengele war im gesamten Lager Auschwitz als Lagerarzt tätig. Bei Selektionen auf der Rampe, an denen er gerne teilnahm, pfiff er gelegentlich die "Träumerei" von Robert Schumann oder Themen aus "Rigoletto". Von der Notwendigkeit einer Ausrottung aller Juden war er überzeugt, seine Maßnahmen waren kalt und brutal.

Wikipedia: "Als Ende 1943 im Frauenlager, das zu diesem Zeitpunkt unter seiner Aufsicht stand, eine Typhusepidemie ausbrach, ließ er die 600 Insassinnen eines ganzen Blocks vergasen und den Block anschließend desinfizieren. In diesen Block wurden dann die Frauen des nächsten Blocks verlegt, der geleerte Block desinfiziert und so fort. So ging er auch gegen ungarische Jüdinnen im Lager B IIc vor, die an Scharlach erkrankt waren, und gegen jüdische Kinder im Lager B IIa, unter denen sich die Masern verbreitet hatten. Auch im 'Zigeunerlager' schickte Mengele alle Kranken mit solchen potentiell epidemischen Infektionen in die Gaskammern.
[...]
Bei Entlausungsaktionen ließ er Kranke ohne Rücksicht auf ihren Zustand stundenlang nackt ausharren, auch im Winter bei Schnee und Regen im Freien, so dass viele starben. Sechzig Tuberkulosekranke schickte er im Spätherbst 1943 offenkundig in die Gaskammern, so dass keiner mehr wagte, sich mit Brustschmerzen krankzumelden. Krätze bekämpfte er im Frühjahr 1944 mit einem Säurebad, das zwar desinfizierte, aber lebensgefährlich war. Das besondere Interesse Mengeles erregten allein die sich ausbreitende Erkrankung an Noma [googeln Sie`s lieber nicht!], Zwillinge, Kinder mit angeborenen Anomalien und Menschen mit unterschiedlich farbigen Augen (Iris-Heterochromie)."

Einmal nähte Josef Mengele aus purer Freude am Forschen zwei eineiige Zwillinge am Rücken und an den Handgelenken zusammen und schuf so ein künstliches "siamesisches" Zwillingspaar. Die vollkommen traumatisierten Kinder weinten Tag und Nacht vor sich hin, litten an Wundbrand und wurden von den eigenen Eltern aus Mitleid erstickt.

Mengele ertrank 1979 in Brasilien beim Baden. Nie wurde er für seine Taten in Auschwitz zur Rechenschaft gezogen. Sein Schädel dient heute als Anschauungsmaterial für angehende Forensiker in Südamerika.


Die Größe

"Schwarze Milch der Frühe, wir trinken dich morgens und abends, wir trinken und trinken."
(Paul Celan, "Todesfuge")



Das Lager scheint schier endlos. Ich bewege mich im Uhrzeigersinn langsam in Richtung Ausgang, komme an kleinen Gruppen vorbei, an Israelis, an Deutschen, an Amerikanern. Alle sprechen leise. An der Nordseite des Lagerkomplexes ist es überhaupt ruhiger als im Bereich des Eingangs.
An der Ostseite stehen einige erhaltene Baracken, von denen ich eine besichtige. Beim Verlassen stolpere ich über zwei Chinesinnen, die lachend Selfies machen. Ich sage nichts, weil das absurd wäre, hier als Deutscher herumzuschnauzen, und gucke nur etwas grimmig. Dann verlasse ich Auschwitz-Birkenau durch das Tor, durch das ich herein kam.

Stammlager


"Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei,
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei."



Ein paar Kilometer entfernt befindet sich das ehemalige Stammlager Auschwitz I. Hier begann alles, auch hier wurden Tausende ermordet, viele starben an einer Erschießungswand.

Über dem Lagertor empfängt einen der höhnische Spruch "Arbeit macht frei". Das B wurde falsch herum in die eiserne Tor-Dekoration eingefügt, angeblich eine unbemerkte Widerstandstat eines Häftlings. Der Gedanke gefällt mir.


Das erste Krematorium

"Wir haben gesungen, wir haben Gott angerufen: 'Hilf uns, lieber Gott!' Aber Gott hat nicht geholfen."
(Estrongo Nachama, jüdischer Häftling, Auschwitz-Birkenau) 



Ich spaziere von der Erschießungswand zur ersten Gaskammer von Auschwitz. Hier wurde erprobt, was später noch Millionen angetan werden sollte: Ermordung, Vergasung, Verbrennung.

Ich gehe durch das vollständig erhaltene Krematorium und seine Gaskammer.
Es schaudert mich.


Der "gute" Galgen

Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus. Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi. (Gerhard Bronner)




Neben dem Krematorium wurde Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß am 16. April 1947 gehenkt.
Höß hatte nach Kriegsende und Verhaftung noch Zeit, seine Memoiren zu verfassen, die ich vor über 10 Jahren einmal gelesen habe. Der Mann gibt dort gefühlsarm und sachlich detailliert Auskunft und versteht nicht so recht, warum man ihn für einen Verbrecher hält, habe er doch immer im Dienst einer höheren Autorität gehandelt.

Addiert man die von ihm genannten Opferzahlen, kommt man auf ca. 1,13 Mio. Ermordete. Das entspricht in etwa der gesamten Einwohnerzahl Kölns.

Aber kann  man sich das Leid darum besser vorstellen? Spielen die Zahlen eine Rolle? Und wenn ja, welche? Und wer trägt nun Schuld?

Eins steht fest: Hitler hat nicht alles alleine getan.
Und es waren nicht nur Nazis, die es taten.

Und noch etwas steht fest:
So etwas darf niemals wieder geschehen. Niemals wieder.
Nicht in Deutschland. Und nicht irgendwo anders.

Nicht bis zum letzten Atemzug der Menschheit. 



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Weblinks:

Die Auschwitz-Alben:



Die Auschwitz-Ärzte des Todes:



Montag, 31. Dezember 2018

Vernichtung

Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realität.
(Alfred Hitchcock)


Auschwitz-Birkenau, 29.12.2018



Ich war in Auschwitz. Ich war im Stammlager Auschwitz I, ich war in Auschwitz-Birkenau und ich war in Auschwitz III Monowitz. Ich habe alles gesehen und dennoch kann ich nicht vernünftig darüber berichten, denn es fehlt an passenden Worten, um verständlich zu beschreiben, was hier geschehen ist. Alles ist hier geschehen. Alles, was Menschen anderen Menschen antun können, ist hier geschehen.

Menschen wurden erschossen, zu Tode geprügelt, vergast; man ließ sie verhungern, operierte sie ohne Betäubung, sterilisierte sie, verbrannte sie mit Strahlung und mit Feuer. Man tötete Kinder, man ließ Menschen langsam erfrieren. Man ließ sie morgens zum Appell antreten, man ließ sie in ihrer dünnen und verschmutzten einlagigen Kleidung über Stunden in der Kälte des Winters stehen und warten. Man gab ihnen kaum Nahrung, man gab ihnen kaum Wasser. Und man nahm ihnen die Freunde, man nahm ihnen die Eltern, Geschwister und man nahm ihnen auch ihre Kinder. Man nahm ihnen ihre Würde, Stunde um Stunde, Tag für Tag. 

Wer war "Man"? "Man", das waren Menschen wie wir.

Männer. Frauen. 

Auch Deutsche. Vernichtet von Deutschen.

Das macht es zusätzlich schwer, hier zu sein.

Man schweigt, wenn man an Gruppen vorbei geht, die neben den Überresten des Krematoriums III und der dazu gehörenden Gaskammer stehen und sich auf Englisch oder gar Hebräisch unterhalten. 

Man schweigt, wenn man wie ich an jungen Chinesinnen vorbei kommt, die sich vor einer der übrig gebliebenen Baracken fotografieren und hierbei laut kichern.

Man schweigt und wünscht, dass alle hier schwiegen, so erdrückend drückt dieser Ort auf die Seele.



Fragen.

Wo war Gott, während die Gaskammern und Krematorien über Monate hinweg im Dauerbetrieb arbeiteten?

Wo war Gott, als kleine Kinder 1944 lebendig in die Verbrennungsgruben neben dem überlasteten Krematorium V geworfen wurden, in denen deren eigene Mütter mit ihrem Körperfett als menschliches Brennmaterial dienten? 

Wo war Gott, als Doktor Mengele Zwillingen Gift in ihre jungen Herzen injizierte, um ihnen nach dem Tod ihre Augen zu entnehmen, um diese nach Berlin ans Kaiser-Wilhelm-Institut zu schicken? 

Und wo war Gott gewesen, als Menschen diese Todesfabrik ersannen?

Die Antwort ist einfach: Es gibt keinen Gott. Immerhin so viel kann man hier lernen.
Hier herrschte kein allmächtiger Gott, hier regierte nur eins: Tod. Und der Tod war ein Meister aus Deutschland.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe; wer Ohren hat zu hören, der höre.


Dienstag, 18. April 2017

Bist du stolz auf deine Nationalität - oder geht es dir gut?

Deutsches Wappentier Seeadler im Schlosspark von Schloss Doorn.


Mein Blick fällt auf den Aufnäher an der Jacke der Fascho-Glatze, die mir im Bus gegenüber sitzt und auf dem zu lesen steht: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!". Arme Sau, denke ich, hast nichts, bist nichts, kannst auf nichts stolz sein außer auf deine Herkunft.
Einen Moment lang bin ich in Versuchung, die deutsche Dumpfbacke zu fragen, was genau eigentlich seiner Meinung nach ein Deutscher ist und warum man darauf stolz sein darf oder muss, lasse es dann aber, weil ich nicht mit Idioten diskutiere.

Mein Vater war auch immer stolz, Deutscher zu sein. Geboren wurde er 1924 in Danzig, das nach dem 1. Weltkrieg zwangsweise nicht mehr zum Deutschen Reich gehörte. In seinem Pass stand daher "Bürger der Freien und Hansestadt Danzig", aber nicht "Deutscher".
Endlosen Diskussionen in meiner Jugend konnte ich entnehmen: Man ist anscheinend immer dann besonders stolz, etwas zu sein, wenn man es aus irgendwelchen Gründen doch nicht ganz ist und eben nicht so ganz dazu gehört.

Hier erschoss sich Hitler, 8 Meter unter der Erde.

Der übertriebene Nationalstolz der Deutschen in der Nachkriegszeit des 1. Weltkrieges - Ergebnis eines landesweiten Minderwertigkeitsgefühls infolge einer demütigenden Niederlage - mündete bekanntermaßen in der Ernennung Adolf Hitlers durch Reichspräsident Paul von Hindenburg zum mehr oder weniger letzten deutschen Reichskanzler (Goebbels durfte ja auch noch einen Tag Kanzler spielen, bevor er seine sechs kleinen Kinder vergiften ließ und auch Suizid beging). Hitler selber war gebürtiger Österreicher, aber anscheinend wollte auch er gerne "stolz sein, ein Deutscher zu sein" und dazugehören. Zwanzig Jahre zuvor hatte er noch als Arbeitsloser in einem Wiener Männerwohnheim gehaust und mit dem Verkauf wenig origineller Sehenswürdigkeiten-Aquarelle seinen Lebensunterhalt aufgebessert.

Im von Hitler angezettelten 2. Weltkrieg, der 1939 sinnigerweise in Danzig begonnen hatte, starben etwa 50 Mio. Menschen, Hitler selbst schoss sich dann am 30. April 1945 in der Mitte der deutschen Hauptstadt, 8 Meter unter der Erde in seinem Bunker, eine Kugel in seinen deutsch-österreichischen Kopf, mein Danziger Vater hingegen hatte etwas mehr Glück und überlebte den Krieg knapp. Seine Heimatstadt, von Polen annektiert, sah er dann 45 Jahre lang nicht wieder - bis 1990. Ich begleitete ihn damals. Als Bürger der Nachkriegs-BRD zeigte er nunmehr bei vielen Gelegenheiten gerne seinen Stolz, ein Danziger zu sein.
Sein Bücherregal war voller Bücher über die ruhmreiche Geschichte der alten deutschen Hansestadt. Auf den ersten Seiten seiner Bücher pflegte er handschriftlich zu vermerken: "Kurt Schinka, Hundegasse 124, Danzig, Westpreußen. Zur Zeit Westdeutschland."


63 Prozent der türkischen Wähler in Deutschland stimmten beim Verfassungsreferendum 2017 für die Umwandlung der Türkei in einen "Führerstaat".

Auch heute leben wir in einer Zeit, in der Heimatstolz und Nationalgefühl überall wieder in Mode zu kommen scheinen. Nationalistische Parteien wie Front National oder AfD fahren z. T. hohe zweistellige Ergebnisse ein, in Deutschland lebende nationalistische Türken jagen mit überwältigender Stimmen-Mehrheit die west-orientierte laizistische Republik Atatürks zum Teufel, Trump-Anhänger in den USA recken ihre Arme zum "Sieg-Heil"-Gruß wie einst deutsche Nationalsozialisten. Der Rest schäumt und tobt bei Facebook gegen Mitbürger, als gäbe es kein Morgen mehr. Eins ist ihnen allen gemeinsam: Sie sind irre stolz, Angehörige ihrer Nationalität zu sein. Und ansonsten vielleicht auch unglücklich, weil sie etwas anderes eben nicht sind: zum Beispiel weltoffen, fortschrittlich, integriert oder gebildet.

Stolz sein kann man nur auf eine Leistung.
Auf eine Leistung zum Wohl einzelner, vieler oder für die Gesellschaft.
Auf eine besondere künstlerische Leistung.
Auf die Spuren der Liebe, die man im Leben hinterlässt.

Allerdings nicht auf seinen Hass gegenüber Fremden, nicht auf sein Rumpelstilzchen-Verhalten auf Facebook, nicht auf das Pflegen und Schüren von Vorurteilen gegen andere. Und schon gar nicht auf seine Hautfarbe, seine Herkunft oder seine Muttersprache, denn all das wurde einem gratis in die Wiege gelegt. Man kann froh sein, Deutscher zu sein - stolz darauf sein kann man allenfalls als Zugewanderter vom anderen Ende der Welt.

Und wenn man noch immer besonders stolz ist auf seine Nationalität, "Rasse" oder Religion, dann sollte man sich auch fragen, warum man noch immer so ein geistig armseliges, kleines Würstchen ist.

Fragen Sie Hitler.

Donnerstag, 23. April 2015

Frauenzeitschriften

"Ein erfolgreicher Mann ist ein Mann, der mehr verdient, als seine Frau ausgeben kann. Eine erfolgreiche Frau ist eine, die so einen Mann findet." (Mario Adorf)

"Schön schwanger", "Shopping Season", "Trink dich fit": Zeitschrift für Frauen

"Die Frauen machen sich nur deshalb so hübsch,
weil das Auge des Mannes besser entwickelt ist als sein Verstand." (Doris Day)

Man ist, was man liest. Und dann schlägt man beim Friseur eine Zeitschrift auf, die anscheinend für Frauen geschrieben wurde und liest Folgendes: "Unser Autorenpaar über männliche Brusthaare" "Shopping - Taschen und Accessoires mit Meerwert" "Leben: 'Design und Style - Alles für kleine Strandprinzessinnen'" "Food - Mmmh! Smoothies".

Tja.

Will da jemand gezielt das andere Geschlecht verblöden? Anscheinend. "Deutschland sucht die Superhausfrau" oder sowas scheint da ausschlaggebend für die Gründung von Frauenzeitschriften wie dieser gewesen zu sein. Ich wähle ernüchtert ein anderes Format und greife nach dem "Handelsblatt".

Dort lachen mir männergerechtere Rubriken entgegen: Finanzen, Unternehmen, Politik, Technologie, Auto, Meinung, Sport, okay, Panorama auch. Aber Dinge, mit denen man in wichtigen Kreisen mitreden und Geld verdienen kann.

Ich blättere schnell zum Vergleich nochmal in einer Frauenzeitschrift.

Dort stoße ich auf folgende Rubriken ("Brigitte"): Mode, Beauty, Rezepte, Figur, Gesund, Liebe, Frauen, Kultur, Reise, Wohnen, Job, Horoskop

Fragt sich noch jemand, warum Frauen in diesem Land fast ein Viertel weniger verdienen als Männer?

Ich jedenfalls nicht.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Berlin braucht kein Einheitsdenkmal

Wenn Politiker etwas für ihr Ego tun möchten, ist das Setzen von Denkmälern (in der Regel auf Kosten der Allgemeinheit und nicht aus eigener Tasche) eine beliebte Methode: Das Stadtbild neu zu schmücken, welch Wohlgenuss!

Berlin, 1985: Grenzstreifen Pariser Platz - Betreten verboten


In Berlin - arm, aber sexy - soll nun ein Denkmal für die deutsche Einheit vor dem ehemaligen Stadtschloss und künftigen Humboldt-Forum errichtet werden. Bisherige Schnell-Hin-und-dann-schnell-Wegguck-Momente ergaben: Das Denkmal ist ein modern anmutendes Ding, eine metallische Parabel, irgendetwas mit Brücke von A nach B oder so.
Nun ist das sicher eine künstlerisch passendere Lösung, als das Denkmal des alten Kaisers Wilhelm I. dort wiederzuerrichten (obwohl ich persönlich großer Fan der hier einmal drapierten Löwengruppe war, die auf Kanonen schlummerten). Aber ein Denkmal für die deutsche Einheit? Ausgerechnet in Berlin?
In einer jüngst gelesenen Biographie fand ich hierzu einen passenden Satz: Si monumentum requiris, circumspice - Wenn du ein Denkmal brauchst - blick dich um!

Mittwoch, 17. Juli 2013

Politische Grundbildung

"Die Bildung kommt nicht vom Lesen,
sondern vom Nachdenken über das Gelesene."
(Carl Hilty)

Enthauptung des französischen Königs 1793 - was hat das mit Ägypten zu tun?
Bildquelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/90/LouisXVIExecutionBig.jpg (gemeinfrei)


"Man lernt für die Schule, nicht fürs Leben!"


Heute kam ich nach langer Zeit wieder einmal dazu, Zeitung zu lesen. Gleich auf Seite 3 (nein, nicht BILD, keine Angst), lächelt mir eine attraktive junge Dame namens Ronja entgegen - unter der Überschrift "Man lernt für die Schule, nicht fürs Leben". Da merkt man doch als Lehrer sofort auf und liest schnell mal den ganzen Artikel aus der Feder der frischgebackenen Abiturientin.

Ronja bemängelt, dass sie zwar nach ihrer Schulzeit nun erklären könne, worin die Funktion einer DNA-Polymerase bestehe (Respekt!), aber nicht, wieso Edward Snowden im Transitbereich des Moskauer Flughafens festsitze. "Solche Fragen haben wir Schüler immer wieder gestellt", so Ronja, "und nie eine Antwort bekommen."

Das ist natürlich traurig, offenbar lesen die dortigen Lehrer weder Zeitung, noch sehen sie Fernsehen oder verfügen sie über einen Internet-Anschluss, der es ihnen ermöglicht, gelegentlich einmal auf www.spiegel.de das Neueste vom Tag zu überfliegen. So wie ich das zum Beispiel täglich tue, was mich immerhin dazu befähigt hat, an meiner Schule neben Biologie und Deutsch auch gelegentlich "fachfremd" Politik unterrichten zu dürfen. Studiert habe ich das Fach nämlich nicht und selbst wenn ich das getan hätte - über Edward Snowden hätte ich an der Uni auch nichts erfahren können, ebenso wenig wie über alle anderen aktuellen Ereignisse. Wohl aber über die Funktion von Geheimdiensten in Diktaturen und Demokratien. Und den Unterschied zwischen diesem und jenem.

"Ich will nicht behaupten, dass unsere Generation unpolitisch ist, denn das ist sie auf keinen Fall.", schreibt Ronja weiter. Auch in ihrem Freundeskreis gebe es sehr engagierte Leute, "die ihre Informationen selbstständig aus den Medien ziehen. Meine Freundin Luise ist sozusagen meine eigene politische Informationsquelle." Politisch engagiert ist man also heutzutage, wenn man in der Lage ist, sich seine Informationen selbstständig (toll!) aus den Medien zu "ziehen" (cool!) - da frage ich mich doch: Wo ist dann das Problem? Auch die politische Bildung liegt frei im Internet und sonstwo herum! Einfach einsammeln! Oder "ziehen" halt.

"Ich verfüge nun zwar über ein allgemeines politisches und geschichtliches Verständnis von der Französischen Revolution 1789 bis zur Wiedervereinigung und dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag 1990, aber wie es zu den aktuellen Unruhen in Ägypten kommen konnte, wurde, wenn überhaupt, nur angeschnitten, aber nie ausreichend besprochen.", bemängelt Ronja weiter.

Um die Informationen richtig einzuordnen - dazu bedarf es dann allerdings schon einer guten Grundbildung. Um zu verstehen, was in Ägypten gerade passiert, schadet es so gesehen überhaupt nicht, wenn man sich einmal ein paar Infos zur Französischen Revolution "zieht" - gerne auch in der Schule. Denn diese war mit Sicherheit ein Inhalt der Politiklehrer-Ausbildung.

Gucken wir doch mal, ob wir da als Zeitungsleser einen Zusammenhang hergestellt bekommen. Wie wäre es mit "heruntergewirtschafteter Staat, der einem großen Teil seiner Bevölkerung elementare Grundrechte mit Selbstverständlichkeit vorenthält; Volk, das sich empört und durch stark gestiegene Preise radikalisiert und spontan gegen Symbole seiner Unterdrückung aufbegehrt; ideologisch fanatisierte 'Volksführer', die, zunächst an die Spitze einer Veränderungsbewegung gespült, in bekannte Unterdrückungsformen zurückfallen und hierdurch von einer Gegenbewegung gestürzt werden"?

Am 17. Juli - also genau heute vor 224 Jahren - morgens verließ übrigens der Bruder des französischen Königs als erster Emigrant Frankreich, während sich Ludwig XVI. unter Druck des Volkes nach Paris begab und zum Zeichen der Billigung des Geschehenen sich die blau-weiß-rote Kokarde an den Hut steckte. (Genutzt hat es ihm wenig, wie man obigem Bild entnehmen kann, er wurde 1793 guillotiniert). Habe ich aus Wikipedia.

Die Französische Revolution fand ihr Ende schließlich - wie derzeit Ägypten - mit der Machtübernahme durch das Militär. Dessen Führer, Napoleon Bonaparte, krönte sich in Paris 1804 - in Anwesenheit des Papstes - selbst zum Kaiser. Mal sehen, wie es in Ägypten weitergeht.


Montag, 29. April 2013

Zu den Waffen

"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird,
aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen."
(Albert Einstein)

Deutscher Panzer im Ersten Weltkrieg
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:SO2.png (gemeinfrei)

Deutsche Waffen für "stabile und verlässliche Partner"

Über 60 Kampfpanzer vom Typ Leopard 2, so konnte man die Tage im Handelsblatt lesen, liefert das Familienunternehmen Krauss-Maffei-Wegmann an das Emirat Katar. Kosten: 1,9 Milliarden Euro. Profitieren wird auch der Düsseldorfer Konzern Rheinmetall, welcher die Kanonen für die Panzer fertigt. Für den deutschen Waffenhersteller ist das Panzergeschäft mit Katar ein "Türöffner zur arabischen Halbinsel" (Handelsblatt v. 20.04.2103). Das Emirat fühlt sich vom Iran bedroht und will sein 11.000 Mann umfassendes Heer modernisieren.

Wer oder was ist Katar?

Wikipedia kann man zu Katar auf die Schnelle entnehmen:
  • "Das Recht auf freie Meinungsäußerung in Katar ist eingeschränkt. 
  • Mehrere Ausländer wurden wegen Blasphemie zu Haftstrafen von bis zu sieben Jahren verurteilt.
  • Frauen werden im Alltag weiterhin benachteiligt, sie erhalten nicht genügend Schutz bei häuslicher Gewalt und Scheidungen sind erschwert.
  • Homosexualität ist in Katar verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft."
Da kommt ja Freude auf! Warum liefert mein Land solchen Staaten Waffen? Sind wir nach zwei Weltkriegen mit Millionen Toten nicht vermehrt pazifistisch unterwegs?

Und dann liest man: Deutschland liefert Waffen auch an andere Länder der Region oder plant dies:
  • Bereits kurz vor Weihnachten hat die Regierung Merkel den Verkauf von zwölf Eurofightern von EADS Cassidian an das Sultanat Oman abgesegnet.
  • Die Vereinigten Arabischen Emirate interessieren sich für Tranportpanzer.
  • Saudi Arabien möchte nach unbestätigten Berichten neben deutschen Patrouillenbooten gar mindestens 200 deutsche Kampfpanzer haben.
Wem liefern wir da eigentlich Waffen? Saudi-Arabien gar? Folgt man Bundesaußenminister Westerwelle, ist "die Zusammenarbeit mit Partnern wie [...] Saudi-Arabien [...] Teil einer Strategie." [Quelle]


Alptraumstaat Saudi-Arabien

In Saudi-Arabien herrscht - statistisch gesehen - relativer materieller Wohlstand. Und doch gleicht das Land, vom Standpunkt einer freiheitlichen Gesellschaft aus betrachtet, einem Alptraum-Land, wie es George Orwell nicht schlimmer hätte erdenken können.

Fangen wir ganz oben an:

Der saudische König ist sowohl Staatsoberhaupt als auch Regierungschef. Wir verkneifen uns an dieser Stelle einen vorschnellen Hitler-Vergleich.
Den Gesetzen, die der König selbst erlässt, untersteht er selber nicht. Er besitzt absolute Vollmacht über Polizei, Geheimdienst und Militär. Artikel 55 der Grundordnung räumt ihm als "Führer und Überwacher der Politik der Nation" unbegrenzte innenpolitische Macht ein.

15 der 19 Attentäter des 11. September 2001 stammten aus Saudi-Arabien. Aus einer Studie des US-Außenministeriums, die bei Wikileaks veröffentlicht wurde, geht hervor: Aus keinem Land erhalten Terrororganisationen wie Al-Kaida so viel Geld wie aus Saudi-Arabien.

Saudi-Arabien ist ein Land mit einer Staatsreligion. 73 Prozent der Bevölkerung gehören dem salafistischen Islam (Wahabismus) an. Sunniten stellen 12 Prozent der Bevölkerung, Schiiten ca. 10 Prozent. Rechtsgrundlage ist die Scharia: Diebstahl kann mit Zwangsamputation einer Hand oder mit dem Tode bestraft werden.

Weitere Highlights:
  • Parteien sind verboten
  • Opposition, Streiks und Gewerkschaften sind verboten
  • Gewaltloser politische Oppositionelle werden inhaftiert
  • Unterdrückung der Meinungs- und Religionsfreiheit: Das Praktizieren anderer Religionen als des salafitischen Islam ist in Saudi-Arabien verboten; Schiiten sind werden nicht als Muslime anerkannt
  • Kirchen, Synagogen oder andere nichtislamische Gebetshäuser existieren nicht
  • Gottesdienste oder Taufen, sogar Krankensalbungen sind verboten; bei Missachtung drohen Verhaftung, Auspeitschung und Folter
  • Verhängung von Prügelstrafe (meistens Auspeitschungen)
  • Inhaftierungen ohne Anklage und Gerichtsverfahren
  • Keine saudi-arabische Frau darf das Land ohne Genehmigung durch einen männlichen Vormund verlassen
  • Im Land dürfen Frauen kein Auto fahren; in der Öffentlichkeit müssen sie bodenlange Gewänder und schwarze Kopftücher tragen
  • Mit Israel befindet sich Saudi-Arabien seit 1948 offiziell im Kriegszustand
  • Auf ein Abfallen vom Islam steht die Todesstrafe, die auch vollstreckt wird

Die Todesstrafe wird auch auf Minderjährige angewandt und kann auch für folgende Vergehen verhängt werden: Hexerei [sic!], Ehebruch, Homosexualität, Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, Prostitution, "sexuelle Belästigung" von Frauen (der Tatbestand ist unscharf definiert), Drogenhandel, Raubüberfall, Alkoholhandel.

Das Königreich mit seiner absolutistischen Monarchie wird dennoch immer wieder als "starker und verlässlicher Partner" bezeichnet. Stark wohl aufgrund der massiven Aufrüstung. Verlässlich, weil es dort seit Ewigkeiten keinerlei Regierungswechsel gab. Wie auch, bei diesen Verhältnissen?

Das Land unterstützt auch die autoritären Herrscher der Nachbarstaaten - übersetzt in die Sprache deutscher Politiker klingt das dann so: "Saudi-Arabien stabilisiert die Region."




Weblinks:

Umstrittener Rüstungsdeal: Berlin genehmigt Verkauf von 164 Panzern nach Indonesien
http://www.spiegel.de/politik/ausland/leopard-2-regierung-genehmigt-verkauf-von-panzern-nach-indonesien-a-898650.html

Saudi-Arabien: Nirgendwo prallen Mittelalter und Neuzeit so gefährlich aufeinander wie in dem ölreichen Wüstenstaat
http://www.spiegel.de/spiegelspecial/a-260329.html

Regierung will Hubschrauber nach Pakistan liefern
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundesregierung-will-pakistan-bundeswehr-hubschrauber-liefern-a-896984.html

Frauenrechte in Saudi-Arabien: "Nicht alles kann verhüllt werden"
http://www.spiegel.de/politik/ausland/frauen-saudi-arabien-startet-kampagne-gegen-haeusliche-gewalt-a-897359.html

Menschenrechte in Saudi-Arabien
http://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte_in_Saudi-Arabien

Samstag, 20. April 2013

Hitler und kein Ende


An dieser wenig spektakulären Stelle schoss sich am Montag, den 30.04.1945,
8 Meter unter der Erde, Adolf Hitler gegen 15:45 Uhr eine Kugel in den Kopf.


Hitler - Sie wissen schon - der, wegen dem viele unserer Städte so hässlich sind und wegen dem wir im Ausland nicht immer politisch korrekt gegrüßt werden - Hitler also - wäre heute 124 Jahre alt geworden. Und am 30. April vor 68 Jahren schoss er sich dann dankenswerterweise endlich eine Kugel in den Kopf. Damit endete, auch wenn noch ein paar Tage weitergekämpft wurde, in Europa der Zweite Weltkrieg.

In seinen letzten Tagen hatte Hitler "sein" Volk (also uns) abgeschrieben: Es habe sich als das schwächere erwiesen, er werde ihm "keine Träne nachweinen". Die Völker des Ostens seien eben stärker gewesen, und der Stärkere setze sich nun einmal immer gegen den Schwächeren durch. Die Natur sei da "unerbittlich". Undsoweiter undsoweiter.


Hitlers falsches biologistisches Weltbild 

Hitler bleibt ein grausames Beispiel für Menschen, die von der wunderbaren Naturwissenschaft Biologie und ihren Unterabteilungen Evolution und Genetik leider nur einen Teil (und diesen eigentlich auch eher falsch) verstanden haben, sich hieraus aber in kürzester Zeit ein komplett geschlossenes Weltbild hergeleitet haben.

Jeder Biologie-Referendar könnte Hitler heute erklären, warum seine Ideologie aus wissenschaftlicher Sicht Blödsinn war:

  • Nicht der Stärkere setzt sich gegen den Schwachen durch, sondern der am besten Angepasste gegen den schlechter Angepassten (was immer von den jeweiligen Umweltbedingungen abhängt, welche sich auch mal schlagartig ändern können)
  • Es gibt gar keine "minderwertigen" oder "höherwertigen" menschlichen Rassen, es gibt streng genommen gar keine menschlichen Rassen (da dieser Begriff genauen biologischen Kriterien nicht genügt), sondern es gibt höchstens graduelle Unterschiede von Eu- und Phäomelaninkonzentrationen in Haut und Haar, kleinere Mutationen bei Augenlidfalten, Blutgruppenverteilungen etc., die für die Fortpflanzungsfähigkeit und -bereitschaft untereinander keine Rolle spielen (außer man ist Rassist, wie Hitler). Sogar in Wikipedia kann es jeder Interessierte lesen: "In der Biologie wird die Art Homo sapiens heute nicht mehr in Rassen unterteilt. Molekularbiologische und populationsgenetische Forschungen haben seit den 1970er Jahren gezeigt, dass eine systematische Unterteilung der Menschen in Unterarten ihrer enormen Vielfalt und den fließenden Übergängen zwischen geographischen Populationen nicht gerecht wird. Zudem wurde herausgefunden, dass der größte Teil genetischer Unterschiede beim Menschen innerhalb einer geographischen Population zu finden ist. Die Einteilung des Menschen in Rassen entspricht damit nicht mehr dem Stand der Wissenschaft."
  • Auf die "Reinheit" seiner "Rasse" zu achten, ist auch Unsinn, da "die Natur" immer die Vielfalt begünstigt und nicht die Einfalt (vgl. auch Monokulturen von Wäldern bei Schädlingsbefall etc.)
  • Der Lebensraum der Menschen ist in Deutschland nicht "zu klein" (dann wären wir lange verhungert). Im Fürstentum Monaco leben 15.250 Menschen pro Quadratkilometer, in Südkorea immerhin noch 487. Ach ja, und in Deutschland nur 230. Die nur ca. 1,2 Hektar große kolumbianische Insel Santa Cruz del Islote weist übrigens rechnerisch eine Bevölkerungsdichte von etwa 100.000 Einwohnern pro Quadratkilometer auf. Die brauchen vielleicht wirklich mehr Lebensraum dort, bisher gab es aber diesbezüglich noch keine Klagen.
Hitler wurde also nicht nur von der Geschichte und von der Menschlichkeit, er wurde auch von der Wissenschaft längst glänzend widerlegt.


Hauptsache größer: Hitlers Masterplan für Germanias neue Mitte im Museum


Leider fielen Hitlers Theorien zum Teil in diesem Lande auf erstaunlich fruchtbaren Boden. Die Mischung aus Unwissenheit, Wegsehen und Nicht-Wahrhaben-Wollen auf der einen sowie Begeisterungsfähigkeit, Idealismus und Patriotismus auf der anderen Seite zeigte Wirkung. Noch heute gäbe es sicher unzählige Adolf-Hitler-Plätze, -Straßen und -Statuen in Deutschland, wäre dieser 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen (so vermutet zumindest der Historiker Sebastian Haffner in seinem Buch "Geschichte eines Deutschen").

Hitlers weitere spektakuläre Bilanz(1):
  • 219.600 tote Sinti und Roma
  • 250.000 tote Euthanasie-Opfer
  • 3.300.000 tote sowjetische Kriegsgefangene
  • 3.340.000 - 4.300.000 tote nichtjüdische Zivilisten, KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Deportierte
  • 6.000.000 tote Juden

Durch den Zweiten Weltkrieg ließen allein in Europa über 45 Mio. Menschen ihr Leben.


Ehemals deutsches Gut in Pommern: entschädigungslos konfisziert, Bewohner vertrieben

Außerdem - wenngleich von diesem ungewollt - gehen auf Hitlers Konto:

  • Verlust Hinterpommerns, Schlesiens, Ostbrandenburgs und Ostpreußens: Deutschland verlor ein Viertel seines Gebiets von 1937 - ein Fünftel seiner Bevölkerung wurde vertrieben (12 bis 14 Millionen Deutsche). Mehrere hunderttausend Menschen wurden in Lagern inhaftiert oder mussten – teilweise jahrelang – Zwangsarbeit leisten. 
  • Tod von 600.000 bis 2.000.000 Deutschen auf der Flucht. 
  • Eine große Zahl von Frauen aller Altersgruppen wurde vergewaltigt (Schätzungen beziffern die Zahl auf rund 2 Millionen), es gab etwa 240.000 Todesopfer infolge von Vergewaltigungen durch die Rote Armee
  • Teilung Deutschlands: Das Land blieb 40 Jahre lang geteilt, davon 28 Jahre mit Mauer, Stacheldraht und Selbstschussanlagen
All dies war die Folge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und Kriegsverbrechen in Ostmittel- und Südosteuropa.




"Der Führer" lebt weiter - in manchen Köpfen

Und Hitler? Er erfreut sich weiterhin hoher Beliebtheit bei manchen Deutschen und Österreichern:

Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ergab 2012: Knapp 16 Prozent der Ostdeutschen haben ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild - Tendenz steigend. Im Westen sieht es zum Teil nicht besser aus: "Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß", meinen 19,7 Prozent der Befragten aus Westdeutschland (nachzulesen unter: http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_12/mitte-im-umbruch_www.pdf).

Auch das Bergische Wuppertal hat sich in den vergangenen Jahren offenbar zu einer Hochburg der rechtsextremen Szene entwickelt. Dort werden schon gerne einmal Kino-Vorführungen von Rechtsextremisten gestört. Die Welt berichtet: "Die Männer singen das NS-Propagandalied 'Ein junges Volk steht auf', sie sind mit Schlagwaffen, Messern, Gas- und Pfeffersprays bewaffnet. Sicherheitsleuten gelingt es in einem Handgemenge, die Männer vor die Tür zu befördern. Daraufhin werfen sie Steine vor die Fassade."



Hitlers Heimat Österreich: 61 Prozent wünschen sich wieder einen "starken Mann"


Die Vergangenheit wird hier und da fleißig geschönt, so auch bei unseren österreichischen Nachbarn: Zum Jahrestag des Anschlusses Österreichs ans Deutsche Reich (1938) wollte die liberale Tageszeitung "Der Standard" in einer repräsentativen Umfrage herausfinden, wie der gemeine Österreicher über dieses Thema denn so denke. Ergebnis: 42 Prozent der Befragten stimmten der Aussage "Unter Hitler war nicht alles schlecht" zu . 54 Prozent antworteten auf die Frage, ob Nationalisten in Österreich mit einer völkischen Ideologie bei Wahlen eine Chance hätten, mit "Ja". 61 Prozent der Befragten hätten gerne einen "starken Mann" an der Spitze des Landes. Na, Mahlzeit!

Diese Trends spiegeln sich auch in Wahlerfolgen der rechtsextremen deutschen NPD: Schon bei der Landtagswahl 2006 erreichte die NPD in Mecklenburg-Vorpommern 7,3 Prozent der Stimmen. 2011 erzielte sie im Landtagswahlkreis Uecker-Randow I 15,4 Prozent der Zweitstimmen und kam in zwölf Gemeinden, die alle im neuen, an Polen grenzenden Landkreis Vorpommern-Greifswald liegen, auf Ergebnisse von über 22 Prozent. Wie sich da wohl die Polen unmittelbar hinter der Grenze fühlen mögen?

Ausgerechnet am 20. April - Führers Geburtstag - trifft sich die NPD zum Parteitag. Parteisprecher Frank Franz nannte die Terminierung "unschön". Dem kann man nur vorbehaltlos zustimmen.
Wie der SPIEGEL berichtet, wünscht sich die Partei "einen alten Hardliner zurück".

Immerhin machen sich auch die Rechten gerne selbst Konkurrenz: Der Neonazi Christian Worch gründete im vergangenen Jahr "Die Rechte" - laut SPIEGEL "ein Sammelbecken von frustrierten NPD-Kadern, ehemaligen DVU-Mitgliedern und Autonomen Nationalisten."

Noch 2011 erhielt die NPD vom deutschen Staat 1,3 Mio. Euro an staatlichen Mitteln. Kaum zu glauben - aber gesetzliche Pflicht bei solch stattlichen Wahlerfolgen. Einziger Trost: Bei der NPD kann man anscheinend so schlecht mit Geld umgehen, dass im April 2013 alle Mitarbeiter der Berliner Zentrale entlassen werden mussten. Ein kleiner Trost. Aber die Gesinnung bleibt.

Etwa 25.000 Rechtsextremisten gibt es laut Verfassungsschutz (2011) in Deutschland, 5600 davon werden als "gewaltbereit" eingestuft, die deutschen Sicherheitsbehörden fahnden nach 266 in den Untergrund abgetauchten Neonazis. Die Szene ist "dynamisch, vernetzt, vielfältig und einflussreich" (Die Zeit).

Nicht einmal im Gefängnis ist Schluss. Schon im Herbst 2011 hatte der deutsche Bundesinnenminister ein rechtsradikales Netzwerk, die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige", verboten. Im April 2013 deckten die hessischen Justizbehörden ein bundesweit operierendes rechtsradikales Netzwerk in deutschen Gefängnissen auf.

Über ihre Musik rekrutieren Neonazis fleißig Nachwuchs: Seit den 1980er Jahren steigt die Zahl der Neonazi-Bands stetig an, jedes Jahr gibt es hunderte illegaler Konzerte.

Nichts aus der Geschichte gelernt

Was geht vor in den Köpfen von Neonazis? Ich verstehe es nicht. Und ich werde es nie verstehen.
  • Wie vieler Toten hätte es denn noch bedurft, damit kein Deutscher Adolf Hitler auch nur eine Träne nachweint?
  • Wie wenig Mitgefühl muss man haben, um allen ermordeten jüdischen, polnischen, russischen und all den anderen Kindern gleich welcher Nationalität ins Jenseits nachzubrüllen, man sei "stolz, ein Deutscher zu sein"?
  • Hätte man Deutschland - wie im Morgenthau-Plan erwogen - vielleicht doch besser in einen Agrarstaat verwandelt?

Hitlers Globus samt Einschussloch im Deutschen Historischen Museum Berlin


Was hilft?

Was hilft gegen rechtes Gedankengut? In der Schule arbeiten tausende Lehrerkolleginnen und -kollegen täglich daran, das Vergessen zu verhindern und ein "Nie-wieder!" in die Köpfe der Jugendlichen zu hämmern. Im Wesentlichen mit Erfolg: Der überwiegende Teil der Schülerinnen und Schüler möchte mit Nazis nichts zu tun haben und geht verantwortungsbewusst mit dem Thema um. Auch wenn der eine oder andere Übersättigungseffekt eintreten mag, wenn zum fünften Mal in Folge "Schindlers Liste" im Unterricht geguckt wird.

Das Faktenwissen über die Hitler-Zeit ist hierbei z. T. mäßig, da irgendwann das tiefere Interesse an der Epoche zu erlöschen scheint. Auf meine Frage im Politik-Unterricht, wann genau Hitler starb, erhielt ich (neben beinahe richtigen) auch schon die folgenden Antworten:

  • "So 1950?"
  • "In den 60er Jahren?" sowie den Hinweis:
  • "Der wurde doch von diesem Adenauer ernannt!"

Bei einer Vorführung des erschütternden Nachkriegs-Dokumentarfilms von Erwin Leiser "Mein Kampf" schlief die Hälfte der Schülerinnen und Schüler schon nach einer Viertelstunde demonstrativ auf dem Tisch ein (nach Ausschöpfung aller vorherigen denkbaren Ablenkungsmöglichkeiten mit dem Smartphone). Entspricht wohl nicht mehr den Blickgewohnheiten der heutigen Generation.

Die Programme der Bundesregierung konzentrieren sich überwiegend auf präventive Maßnahmen, etwa in dem Sinne "Vielfalt tut gut", "Toleranz statt Vorurteil" etc. Ziel ist vor allem eine Stärkung der Zivilgesellschaft.

2011 hat das Bundesfamilienministerium 24 Millionen Euro für die Bekämpfung von Rechtsextremismus ausgegeben (warum eigentlich das Familienministerium?). Daneben gibt es noch ein Aussteigerprogramm des Arbeitsministeriums (wieso eigentlich des Arbeitsministeriums?). Die Ausgaben der Bundesländer reichen von nur 50.000 Euro in Schleswig-Holstein (Nanu?) bis zu 2 Millionen in Bayern. Sachsen erhöhte für 2012 seinen Etat von 2 auf 3 Millionen Euro. Die Bundeszentrale für politische Bildung gibt jährlich auch noch etwa 2,3 Millionen Euro aus.
In Deutschland gibt es darüber hinaus eine Vielzahl von nichtstaatlichen Initiativen und Organisationen, etwa die Antifaschistische Aktion (Antifa), die Antirassistische Initiative, das Netzwerk für Demokratie und Courage und viele andere mehr.
Was bleibt, ist die Frage nach der Wirksamkeit aller bisherigen Programme gegen Rechtsextremismus. Offenbar ist dieser schon länger Teil einer Jugendkultur geworden, die meint, ihren Protest gegen den gesellschaftlichen Ist-Zustand auf diese Art und Weise artikulieren zu müssen. Besonders - aber nicht nur - im Osten. Auch wenn es noch so entwürdigend und peinlich für alle Deutschen ist.

Hitler ist 68 Jahre tot. In zwei Jahren erlischt damit in Deutschland auch sein Urheberrecht. Jeder noch so Gestörte darf dann Hitlers wirres Werk "Mein Kampf" publizieren. Man darf gespannt sein, ob einem dann von Neonazis in Fußgängerzonen Gratis-Exemplare gereicht werden.

Widerstand erlaubt - "wenn andere Abhilfe nicht möglich ist"

Dummheit könne man nicht verbieten, so der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler. Aber was hilft dann?

Ein kleiner Trost bleibt: Gegen jeden, der es unternimmt, diese freiheitlich-demokratische Ordnung zu beseitigen, "haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist." Dieses in Artikel 20  Abs. 4 des Grundgesetzes verbriefte "Recht zum Widerstand" ist Bestandteil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland und gilt als grundrechtsgleiches Recht.
Voraussetzung ist allerdings, dass sonst wirklich gar nichts mehr hilft gegen die Feinde dieser Grundordnung.

Hitlers Reste

Was blieb eigentlich - im biologischen Sinne - von Hitler selbst übrig? Seine Leiche wurde im Hinterhof des "Führerbunkers" unvollständig verbrannt und zunächst verscharrt, dann von sowjetischen Soldaten exhumiert, nach Moskau gebracht und gerichtsmedizinisch untersucht. Anschließend wurden die Überbleibsel - warum auch immer - zurück nach Deutschland, in eine sowjetische Kaserne bei Magdeburg transportiert, wo dann der klägliche Rest des "Führers" 1970 auf Anweisung von KGB-Chef Andropow  verbrannt wurde. Die Asche von "Deutschlands Verderber" (so der Aufdruck auf Hitler-Briefmarken, die nach dem Krieg zunächst weiter genutzt wurden) wurde von einer ironischerweise "Schweinebrücke" genannten Querung des Brackwasser Biederitz am Stadtrand von Magdeburg in ein unschuldiges, fortan nunmehr bräunliches Bächlein gestreut.

Leider gilt für ihn besonders am heutigen Tage der Spruch: "Er ist nicht wirklich tot, so lange wir seiner gedenken." Die Frage ist nur eben, - wie.


Spätes Ende 1970 in einem bräunlichen Bächhlein: Adolf Hitler

Weblink:
Mark Benecke: Führerbunker Berlin - https://youtu.be/j4Bs7NhinZM

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(1) Quellen: John Preger, W. van Mourik, Eddy Bauer: Bilanz eines Weltkrieges. (1978) Lekturama, 2. Auflage 1981. / Hellmuth Auerbach: Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In: Wolfgang Benz (Hg.): Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte. Dtv, Neuauflage 1992, ISBN 3-423-04666-X, S. 161 f.