Montag, 1. April 2013

Papa auf der Akropolis - 1941

"Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen." (Theodor Heuss, bei einer Schuleinweihungsfeier 1950 in Heilbronn)

Kürzlich wurde ich auf Facebook Teil einer Diskussion, die sich unter einem dieser Text-Bilder auf schwarzem Hintergrund abspielte, auf dem in neonfarbenen Worten stand:

TEILE DIES ... 
wenn Du es satt hast Europa zu retten 
und die Armut in Deutschland wächst.

Da wurde wohl so manchem von Armut real oder gefühlt bedrohten Deutschen aus der Seele gesprochen, das Bild wurde mittlerweile 86.614 mal geteilt.

Auch mich ekeln Bilder in Nachrichtensendungen an, auf denen Griechen, Italiener oder Zyprioten Plakate tragen, auf denen unsere Bundeskanzlerin ein Hitlerbärtchen und eine SS-Uniform trägt. Wie mich überhaupt Bilder mit Hakenkreuzen anwidern, egal, wo und in welchem Zusammenhang ich sie von wem auch immer präsentiert bekomme.

So schätzt der Deutsche heute Griechenland: Als preiswertes Urlaubsland mit Sonne.

Aber was mich bei den EU-Skeptikern aller Coleur derzeit immer wieder aufregt, ist ihre Fähigkeit, unliebsame Fakten so gänzlich zu verdrängen. Da wird eifrig das Klischee vom fleißigen Deutschen gepflegt, dem der faule und korrupte Südländer entgegengesetzt wird, der - politisch völlig unberechenbar, weil wankelmütig - natürlich nicht in der Lage ist, einen ordentlichen Spar-Haushalt auf die Beine zu stellen. Deutschland lag schließlich 1945 in Trümmern, und trotzdem haben wir es geschafft, daraus ein wirtschaftliches Zugpferd für ganz Europa zu machen. Da kann der Grieche nur staunen, wo er doch bis heute nur von Olivenöl und Tourismus lebt. Letzteres wohl dann nicht mehr lange, denn da kann man als anständiger Deutscher ja bald nicht mehr hinfahren. Wer kann das alles mal wieder bezahlen? Wir!

Wir?

Dann erinnern wir uns doch einmal an die etwas unbequemeren Details.
Ist zwar schon ein Weilchen her, aber am 6. April 1941 marschierten deutsche Soldaten gerade in Griechenland und Jugoslawien ein. Dies war "nötig" geworden, weil das mit Deutschland verbündete Italien unbedingt meinte, sein Land in den Grenzen von 44 v. Christus wiederherstellen zu müssen, was bereits direkt um die Ecke, auf der anderen Seite der Adria, glänzend misslang. Griechenland und Jugoslawien drängten die italienischen Truppen so weit zurück, dass Hitler sich entschloss, erst einmal auf dem Balkan durchzugreifen und den Befehl zum Angriff gab. Eigentlich hatte er um diese Zeit bereits in die Sowjetunion einmarschieren wollen, was dem Deutschen Reich nach Ansicht einiger Historiker dann auch die spätere Kriegsniederlage bescherte, da man so vor Wintereinbruch nicht mehr weit genug in Stalins Reich vordringen konnte.

Griechenland und Jugoslawien wurden niedergeworfen und besetzt. In Griechenland wurde eine harte und drakonische Besatzungspolitik verfolgt. Dies bewirkte wiederum eine starke Partisanenbewegung, der die deutschen Besatzer bis Kriegsende nicht Herr wurden.

Deutsche Soldaten vor der Akropolis, 1941. 3. v. r. in der 1. Reihe: Mein Vater.

Gegen die Partisanenbewegung griffen die Besatzungsmächte mehrfach brutal durch: Zur Vergeltung für Partisanenüberfälle wurde die gesamte Bevölkerung einiger Dörfer von der Wehrmacht oder "Sondereinheiten" ermordet, zehntausende Griechen wurden so liquidiert, 100.000 verhungerten.

Viele Griechen waren nach Kriegsende obdachlos, da etwa 100.000 Wohnungen oder Häuser total zerstört wurden. Ein Großteil der griechischen Wirtschaft und Infrastruktur des Landes wurde während der Besatzung zerstört, so etwa die "kriegswichtigen" Bergwerke im Raubbau ausgebeutet. Griechenland hat sich nie ganz davon erholt.
1945 bezifferte die griechische Seite den Schaden auf über zehn Milliarden Vorkriegsdollar. Juden wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet, ab 1943 ghettoisiert, enteignet und in Vernichtungslager deportiert. In Griechenland wurden fast 90 Prozent der dort lebenden Juden ermordet, nach Polen der prozentual höchste Anteil.

Nun führte ja unser Deutschland nicht nur in Griechenland Krieg. Und auch nicht zum ersten Mal.
Bereits zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs lieh sich der deutsche Staat 164 Milliarden Reichsmark bei seinen Untertanen, die nach der Währungsreform 1923 nur noch 16,4 Pfennige wert waren. Um die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, pumpte das Ausland 800 Millionen Reichsmark als Kredit in die Weimarer Republik. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Auslandsschulden des Deutschen Reiches einfach nicht mehr bedient. Wozu auch? Nach dem Endsieg wäre man ja wirtschaftlich eh gänzlich unabhängig vom Rest der Welt gewesen. Man hätte ja bis zum Ural ausreichend Land zum Ausbeuten zur Verfügung gehabt. Die einheimische Bevölkerung? Entbehrlich, außer für niedere Arbeiten im Frondienst für die deutschen Herrenmenschen.

Der deutsche Staatshaushalt durfte schon ab 1935 nicht mehr veröffentlicht werden, um die wahre Haushaltslage zu verschleiern. Die Nazis lebten vom Plündern der von ihnen besetzten Staaten. Schon einen Tag nach dem Anschluss Österreichs 1938 wurden die Goldreserven der Österreichischen Nationalbank der Deutschen Reichsbank einverleibt. Juden wurden einfach enteignet. Der Historiker Götz Aly fasst das so zusammen: "Das Vermögen der Juden wurde verwertet, also verkauft, und wanderte dann in den deutschen Kriegshaushalt. Die besetzten Länder mussten [...] ungeheure Kontributionen leisten, mindestens das Doppelte, am Ende oft das Dreifache des letzten Friedenshaushaltes."
Die gesamte Wehrmacht sollte nach dem Einmarsch in die Sowjetunion mit Lebensmitteln aus den besetzten Gebieten ernährt sowie zusätzlich Millionen Tonnen an Getreide pro Jahr aus den besetzten Gebieten ins Deutsche Reich geschafft werden. Dabei kalkulierten die Planer den Hungertod von Millionen Menschen mit ein.

Auf ihrem weniger ruhmreichen Rückzug legte die deutsche Vernichtungsmaschine dann halb Europa, fast ganz Osteuropa in Schutt und Asche. Warschau wurde nach einem Aufstandsversuch mehr oder weniger komplett dem Erdboden gleich gemacht - Haus um Haus wurde von deutschen Soldaten gesprengt - man kann froh sein, dass man dort als Deutscher heute überhaupt noch hinreisen darf!

Wer hat uns eigentlich nach dem Krieg die Rechnung auf den Tisch gelegt?  Deutschlands Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg wurden uns in Gesamtheit nie in Rechnung gestellt. Eine endgültige Regelung der Frage wurde auf eine Reparationskonferenz vertagt, die nach einer deutschen Wiedervereinigung stattfinden sollte - was bis heute nicht geschah. Beim Londoner Schuldenabkommen 1953 wurden einvernehmlich mit 70 Gläubiger-Staaten die deutschen Auslandsschulden geregelt – verbunden mit einem erheblichen Schuldennachlass für die Bundesrepublik und sehr günstigen Rückzahlungsmodalitäten.

Wie lange wohl würden wir diese Schulden unserer Väter und Mütter noch abbezahlen? Wie oft würde man dann heute wohl in anderen Ländern posten:


TEILE DIES ... 
wenn Du es satt hast Deutschland zu retten 
und die Armut in Europa wächst.


Mein Vater - als 16-Jähriger.


PS: Mein Vater wäre heute 89 Jahre alt geworden. So lange ist der Krieg noch gar nicht her.

PPS: Die Staatsschulden Deutschlands stehen heute - auch ganz ohne Krieg - schon wieder bei 2,1 Billionen Euro.

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