Mittwoch, 8. April 2015

Sex

"Ein Mann, das ist doch nur ein paar Zentimeter Fleisch mehr." (Kate Millet)

Immer wieder wird auf homosexuellen Mitmenschen herumgetrampelt. Dafür gibt es keinen Grund und keine Entschuldigung, denn sexuelle Orientierung wird nahezu jedem Menschen in die Wiege gelegt.

In den 50er-Jahren machte  in den USA der berüchtigte McCarthy-Ausschuss im Auftrag von Roy Cohn, der rechten Hand McCarthys, nicht nur Jagd auf Kommunisten, sondern auch Jagd auf Homosexuelle. Fun-Fact am Rande: Roy Cohn war selber homosexuell - und starb 1986 an AIDS.
In den USA - und nicht nur dort - finden sich die Homosexuellenfeinde häufig in rechtskonservativen Kreisen, auf dem Parteitag der US-Republikaner wurde jüngst ein radikaler Kurs gegen mehr Homosexuellen-Rechte verabschiedet. Und nicht nur für "muslimische Staaten" gilt: Je religiöser Staaten sich oft geben, desto homosexuellenfeindlicher sind ihre Gesetze. Doch nicht nur dort. Besonders in Afrika sind Gesetze gegen Homosexuelle stark verbreitet: In gut 40 afrikanischen Staaten steht Homosexualität unter Strafe. Das Parlament von Uganda verabschiedete ein Gesetz, das für homosexuelle Handlungen im Wiederholungsfalle lebenslange Haft vorsieht. Im Sudan, Somalia, Mauretanien und in Nigeria droht gar die Todesstrafe.
Die meisten Gesellschaften diskriminieren Homosexuelle und privilegieren eine auf Kinder und Familie angelegte heterosexuelle Lebensweise. Im Westen mögen die Gesetze fortschrittlicher sein - Homosexuellenfeindlichkeit gibt es auch hier. Zeit für den Biologen, einmal kritisch nachzufragen, was es eigentlich mit der Homosexualität wissenschaftlich gesehen auf sich hat.

Manchmal täuscht der erste Eindruck. Das Bild zeigt zwei antike Ringkämpfer.
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AIllustrerad_Verldshistoria_band_I_Ill_114.png (gemeinfrei)
von Ernst Wallis et al (own scan) [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

Was ist Homosexualität?


„Das Geschlecht entsteht nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren.“ ("Tatort")

Bei der Frage, was eigentlich Homosexualität ist, beginnen die Schwierigkeiten bereits. Für die einen Forscher ist es die vollzogene homosexuelle Handlung (und auch bei der Handlungen gibt es Abstufungen - reicht Streicheln oder Knutschen? Oder müssen ganze Körperteile irgendwo eingedrungen sein?). Reicht gar bereits das Denken, das bloße Sich-Hingezogen-Fühlen zum eigene Geschlecht? Problem für die Forscher: Letzteres lässt sich nicht objektiv messen. Ist jemand homosexuell, der sich an einem Tag zu einem Menschen gleichen Geschlechts hingezogen fühlt, am anderen Tag aber wieder auf das andere Geschlecht stärker reagiert?

Wie viele Menschen sind homosexuell?

Geschätzte 1 bis 5 Prozent aller Menschen sind homosexuell, und zwar weltweit. Von San Francisco bis Moskau und von Köln bis Saudi-Arabien. Wie viele Menschen sich genau zum eigenen statt zu einem anderen Geschlecht hingezogen fühlen (ja, es gibt mehr als zwei, zumindest genetisch gesehen), ist nicht präzise bestimmbar, da man auf Studien angewiesen ist, die in einem zum Teil doch sehr stark tabuisierten Bereich unterwegs sind - da wird die eine oder andere Antwort häufig erwünscht unwahr gegeben, oder Mann/Frau lügt sich selbst etwas vor. Dennoch ist es so: Ein bis fünf Prozent der Menschen liebt das eigene Geschlecht.

In Kinsey-Reports der 1940er und 50er Jahre ist sogar zu lesen: „37 % der gesamten männlichen Bevölkerung haben wenigstens eine reale homosexuelle Erfahrung bis zum Orgasmus zwischen Jugendzeit und hohem Alter; 30 % aller Männer haben zumindest einzelne homosexuelle Erlebnisse oder Reaktionen [...] über eine Periode von mindestens drei Jahren zwischen dem Alter von 16 und 55 Jahren; 25 % der gesamten männlichen Bevölkerung haben mehr als einzelne homosexuelle Erlebnisse oder Reaktionen [...] über mindestens drei Jahre zwischen dem Alter von 16 und 55 Jahren; […] 4 % der weißen Männer sind ausschließlich homosexuell in ihrem Verhalten nach Beginn der Pubertät“.

Manche Ergebnisse scheinen Schwankungen zu unterliegen. In einer Studie zur Jugendsexualität, die 1970 vom Hamburger Institut für Sexualforschung durchgeführt wurde, gaben 18 Prozent der befragten 16- und 17-jährigen Jungen an, gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben. Zwanzig Jahre später waren es nur noch 2 Prozent. In einer repräsentativen Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2000 schätzten sich nur 1,3 bzw. 0,6 Prozent der in Deutschland lebenden Befragten als schwul bzw. lesbisch sowie 2,8 bzw. 2,5 Prozent als bisexuell ein. Gleichzeitig gaben aber 9,4 Prozent der Männer und 19,5 Prozent der Frauen an, sich vom eigenen Geschlecht erotisch angezogen zu fühlen. Je nach Umfrage ergeben sich gehörige Schwankungen, die von 1,3 (Emnid-Umfrage 2000) bis 18 Prozent (Hamburger Institut für Sexualforschung, 1970, bezogen auf männliche Jugendliche) reichen.

Am häufigsten befürchten Jungen, homosexuell zu sein.

Jeder Jeck ist anders


Kleiner Exkurs: Es gibt übrigens, wie oben angedeutet, mehr als nur zwei Geschlechter, mehr als nur Mann und Frau. Bei der Verteilung der Geschlechtschromosomen kommt es immer wieder auch mal zu ungleichmäßigen Verteilungen. Und so gibt es neben den Geschlechtern XX (Frau) und XY (Mann) auch noch die folgenden Mitmenschen:

X0 (Turner-Syndrom) - Erscheinungsbild "weiblich"
XXY (Klinefelter-Syndrom) - Erscheinungsbild "männlich"
XXX (Triplo-X-Syndrom) - Erscheinungsbild "weiblich"
XYY (Diplo-Y-Syndrom) - Erscheinungsbild "männlich"

Die Häufigkeiten reichen von 1:590 (Diplo-Y) bis zu 1:2500 (Turner). So selten ist das nicht, und viele Betroffene dürften von ihrer Besonderheit nicht einmal etwas wissen.


Ist Homosexualität erblich?



"Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird." (Woody Allen)



Der Schriftsteller Thomas Mann - selbst homosexuell - unterdrückte, gesellschaftlicher Konvention seiner bürgerlich-konservativen Umgebung folgend, zeitlebens seine Neigungen, heiratete und zeugte sechs Kinder, von denen drei ebenfalls homosexuell waren (Erika, Klaus und Golo Mann). Dies wirft natürlich die Frage auf: Ist Homosexualität erblich?
Eine Antwort aus der Familie Mann ableiten zu wollen, ist in etwa so schlau, wie nach Beobachtung einer Familie mit vier Töchtern zu schlussfolgern, die Wahrscheinlichkeit, ein Mädchen zu zeugen, sei 100 Prozent (in Wahrheit 50).

Thomas Mann und seine Gattin, 1927.
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABundesarchiv_Bild_183-H28796%2C_Thomas_Mann_mit_Gattin.jpg (gemeinfrei)
Bundesarchiv, Bild 183-H28796 / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons


Homosexualität dürfte nach den Grundsätzen der Evolution gar nicht (mehr) auftreten - sie müsste mangels Fortpflanzungserfolg ihrer "Merkmalsträger" längst ausgestorben sein. Ist sie aber nicht, was auf andere, eventuell epigenetische, Einflüsse hindeutet.

Was man sonst von Seiten der Wissenschaft zu dem Thema herausfand:

  • Die Konkordanzrate (Rate der Übereinstimmung) bezüglich des Merkmals ist bei eineiigen Zwillingen schwach, molekulare Untersuchungen, einen mit Homosexualität assoziierten DNA-Marker zu finden, sind ebenfalls gescheitert.
  • In der Gehirnforschung konnte kein Zusammenhang zwischen Androgenen (Hormonen mit geschlechtlich vermännlichender Wirkung), Gehirn und Homosexualität erhärtet werden.

Insgesamt ist erstaunlich, dass die Wissenschaft trotz (leider) immer noch hoher gesellschaftlicher Relevanz bisher wenig Endgültiges zu dem Thema herausfinden konnte.

In jedem Fall ist es vollkommen unsinnig, anderen Menschen eine sexuelle Orientierung vorschreiben zu wollen oder sich von ihr gar diffus bedroht zu fühlen. Sie ist angeboren, nicht umlernbar - und letztlich jedermanns Privatsache. Oder, wie der englische Schriftsteller und Dramatiker William Somerset Maugham formulierte: "Ich bin der Überzeugung, dass es kaum jemanden gibt, dessen Intimleben die Welt nicht in Staunen und Horror versetzte, wenn es übers Radio gesendet werden würde."

Ein schwuler Freund und Klassenkamerad, der sich mir als "Hetero" gegenüber jahrelang nicht zu outen wagte, sagte einmal zu mir: "Weißt du, ich schreibe Menschen nicht vor, was sie im Bett zu tun und zu lassen haben - und ich erwarte das auch umgekehrt!".

In diesem Sinne: Haben Sie Spaß an Ihrer eigenen Sexualität, - aber gönnen Sie dies auch allen anderen Menschen!




Weblinks:

Lesben- und Schwulenverband: Ursachen von Homosexualität:
http://www.lsvd.de/homosexualitaet/ursachen.html

Tagesschau: Wo Homosexuellen die Todesstrafe droht
http://www.tagesschau.de/ausland/hintergrund-verbot-homosexualitaet100.html

Heinz J. Voß: Epigenetik und Homosexualität. http://heinzjuergenvoss.de/Voss_2013_Epigenetik_und_Homosexualitaet__.pdf

Spiegel.de: Papst Franziskus über schwule Priester: "Wer bin ich, über sie zu urteilen?"
http://www.spiegel.de/panorama/papst-franziskus-geht-nach-weltjugendtag-auf-schwule-priester-zu-a-913707.html

Spiegel.de: Jobmesse für Homosexuelle - Suche Arbeitgeber, die offen sind für alle
http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/sticks-and-stones-jobmesse-fuer-homosexuelle-a-930383.html

US-Urteile des obersten Gerichts: Ein großer Tag für Amerikas Homosexuelle
http://www.spiegel.de/politik/ausland/oberstes-us-gericht-kippt-bundesgesetz-gegen-homo-ehe-a-908054.html

Spiegel.de: Verfolgung von Homosexuellen: Sepp Blatter und der Bodensatz des Verstands
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sybille-berg-ueber-staaten-die-homosexualitaet-verbieten-a-932321.html

Spiegel.de: Rechtsextreme in Russland: Grausame Schau der Schwulenhasser
http://www.spiegel.de/politik/ausland/folter-videos-russische-neonazis-quaelen-schwule-a-933216.html

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen