Samstag, 18. November 2017

Kranke Menschen

Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit.
(Ludwig Börne)

Noch vor wenigen Wochen dachte ich, der gesunde Mensch sei der Normalfall, der kranke Mensch die Ausnahme. Jetzt weiß ich: Der normale Mensche ist heutzutage krank. Oder er arbeitet bereits erfolgreich daran, demnächst krank zu sein. 

Wartezone

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch ...
(Woody Allen)

Ich sah mich um. Mein letzter Besuch in einem Krankenhaus lag gut 40 Jahre zurück, ich hatte eine Gehirnerschütterung gehabt, weil mir mein damaliger bester Freund versehentlich einen halben Ziegelstein an den Schädel geworfen hatte. Ich war sofort ohnmächtig geworden und wäre beinahe in eine Jauchegrube gefallen, neben der ich damals zufällig gestanden hatte. Hinter dem rechten Ohr ist noch heute die Narbe der damaligen Platzwunde zu bewundern. Jetzt saß ich in der HNO-Ambulanz eines Großstadt-Klinikums und las ein nur wenig erheiterndes Buch über Edvard Munch ("Der Schrei"). Ab und zu sah ich mir die Menschen um mich herum etwas genauer an. Manche sahen aus, als hätte man ihnen frisch eins mit der Bierflasche übergezogen, andere wiederum sahen ganz gesund aus, waren es aber wohl nicht, schließlich war dies eine HNO-Ambulanz. Kleine Kinder rannten auf und ab, Mütter schimpften. Ab und an hustete jemand.

Wartezone im Klinikum


Endstation Krankenhaus

Ein bisschen Kranksein ist manchmal ganz gesund.
(Rudolf Virchow)

Ich tastete über meinen Hals. Drei kleine Narben erinnerten an Zugänge, die mir hier vor kurzem für eine Mandel-OP gelegt worden waren. Auch am Handgelenk hatte ich noch sichtbare Spuren diverser Infusionszugänge. Aber ich war nur zum Nachcheck hier, MEINE Wunden heilten. Immerhin.


Vor der OP.


Ich dachte an meinen zeitweiligen Zimmergenossen, einen sehr sympathischen älteren Herren Ende Siebzig. Nach einer Bypass-OP an der Wade musste er Gerinnungshemmer zu sich nehmen, als er mitten in einer Auto-Waschanlage plötzlich starkes Nasenbluten bekommen hatte, das durch die Gerinnungshemmer gar nicht mehr aufhören wollte. So war er im Krankenhaus gelandet, mit seinem riesigen Nasenpfropf konnte er zwei Nächte lang nicht schlafen.

Ich musste an meinen Onkel denken, der im hohen Alter - ebenfalls in einer Waschanlage - ausgerutscht war und sich den Oberschenkelhalsknochen gebrochen hatte. Obwohl er sehr rüstig gewesen war, war er nun nach langer Zeit plötzlich bettlägerig gewesen. Von einem späteren, zweiten Sturz erholte er sich gar nicht mehr, sein Herz hörte nach rund 90 Jahren auf zu schlagen - in einem Krankenhaus. Seine Frau, meine Tante, folgte ihm innerhalb weniger Tage nach. Sie wollte nicht mehr.

Auch meine beiden Eltern waren in einem Krankenhaus gestorben, zufälligerweise im gleichen. 
Meine Mutter war Krankenschwester gewesen, der Darmkrebs tötete sie an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz; sie starb auf der Station, auf der sie zuvor jahrelang gearbeitet hatte. Ich war damals 19.

Mein Vater war eigentlich schon tot, gehirntot, als man ihn ins Krankenhaus brachte. Er hatte im Altenheim einen Herzinfarkt erlitten und wurde erst nach einigen Minuten gefunden, das Personal hatte seine Pflicht getan und ihn reanimiert. Aber "reanimiert" wurde nur noch sein Herz. Nach ein paar Tagen hörte dann auch dieses auf zu schlagen. Da er zuletzt auf der Entbindungsstation lag - gelagert wurde -, prägte sich mir der Moment des endgültigen Abschieds für immer ein, denn als ich aus dem Zimmer des Toten trat, spazierte ein junges Paar mit einem Säugling an mir vorbei und es gibt wohl keine bessere Szene, um die ewige Wiederkehr des Lebens mit den eigenen Augen zu bestaunen. Geburt und Grab, ein ewiges Meer.  

Dieses Krankenhaus machte mir fortan Angst, ich mied es, wenn ich konnte. Aber nun saß ich ja in einem Klinikum in einer Großstadt um die Ecke. Dort hatte ich eine heftige Woche verbracht, ich bloggte kürzlich darüber.

Tagsüber wanderte ich regelmäßig über die Station. Dort saßen einige Patienten herum, die auf eine ärztliche Untersuchung warteten. Einige sahen schlimm aus, als seien sie verprügelt worden: Geschwollene Gesichter, verquollene Augen, riesige Blutergüsse.


Kranke Menschen


Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft.
(Mark Twain)


Klinikum einer westdeutschen Großstadt

Das deutsche Gesundheitssystem ist eins der teuersten der Welt. Laut Wikipedia arbeiteten vor 10 Jahren 4,4 Millionen Menschen in der Gesundheitswirtschaft. Das waren gut zehn Prozent aller Beschäftigten in Deutschland. Eine halbe Million Pflegekräfte arbeitet in deutschen Krankenhäusern und betreut Patienten in ebenfalls einer halben Million Krankenhausbetten. Über 17 Mio. Fälle werden dort jährlich behandelt.

Da diese Statistik  nur die Kranken in Krankenhäusern beschreibt, stellt sich mir die Frage: Gibt es überhaupt noch GESUNDE in Deutschland? Ich persönlich glaube: Nein.

Warum glaube ich das nicht? Weil ich seit Jahren an einer Schule arbeite. Dort laufen relativ viele Menschen herum, Schüler und Lehrer. Und weil ich weiß, wie hoch Krankenstände sein können, unter Schülern, aber auch bisweilen unter Lehrern. 

Und weil ich Menschen kenne - beispielsweise Krankenschwestern und -pfleger, die auch noch sterbenskrank zur Arbeit gehen, weil sie nicht wollen, dass ihr Fehlen zur Mehrarbeit von Kolleginnen und Kollegen führt. 

Und nicht zuletzt, weil ich im Klinikum Patienten sah, die noch morgens Patienten der HNO-Ambulanz waren und sich mittags zum Rauchen vor dem Klinikum trafen.

110.000 bis 140.000 Tote pro Jahr gehen allein in Deutschland auf das Konto des Tabakkonsums. Und der Durchschnittsdeutsche trinkt pro Jahr im Durchschnitt 9,6 Liter reinen Alkohol.


Bis zum letzten Atemzug

Die Menschen verlieren zuerst ihre Illusionen, dann ihre Zähne und ganz zuletzt ihre Laster.
(Hans Moser)


Letzte Aussicht für viele: das Krankenbett. 


Seit Dienstag letzter Woche weiß ich, wie sich Sterben anfühlen kann: Man liegt in einem Bett, kann sich weder äußern noch rühren - und andere kümmern sich mehr oder weniger um einen. Man leidet, man leidet mehr, man beginnt, dies alles nicht mehr zu ertragen - aber man kann nichts mehr ändern. Es ist zu spät. Und man kommt aus dieser Lage (im Gegensatz zu mir) nicht mehr heraus. 

Am Ende wartet auf fast alle von uns das Krankenbett. Und nicht jeder hat das Glück wie ich, es zwischendurch 40 Jahre lang nicht gesehen zu haben. 

Für mich stand am Ende meines Aufenthalts in diesem Krankenhaus fest: Ich will nicht als kranker Mensch sterben, - ich will gesund sein und dies auch bleiben! Ich will nicht hilflos enden, - ich will aktiv und nützlich sein bis zum Untergang! Und ich bin sicher: Nicht nur ich will das. Machen wir alle etwas mehr aus unserem Leben - so lange wir es können! Und bleiben wir - gesund!


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