"Berlin ist eine Stadt, die atmet." (Iggy Pop)
In der Staatsbibliothek am Kulturforum mit Engel-Pin aus dem Nachlass von Otto Sander.
Remscheid, Nordrhein-Westfalen, 2021
Die Remscheider Schülerin sagte bei einer Notenbesprechung: "Vielleicht werde ich nach dem Fachabi auch woanders studieren, Heidelberg oder Berlin." Ich fragte: "Kennen Sie denn jemanden in Berlin?"
"Ja, ich habe dort in der Nähe Verwandte."
"Ich habe 19 Jahre lang in Berlin gewohnt, sagte ich. "Studiert und den Mauerfall miterlebt. Letzten Oktober war ich mit dem Auto mal wieder dort, und als ich auf den Berliner Ring fuhr und an der Gabelung den Wegweiser las: 'Hamburg, Stettin, Warschau, Berlin-Zentrum', da habe ich sogar ein Tränchen vergossen vor Freude, wieder dort zu sein."
"Warum ziehen Sie nicht wieder hin?", fragte sie.
"Das ist nicht so einfach, von hier aus.", antwortete ich.
West-Berlin, 1987
Ich verließ das Auto meiner guten Freundin und Klassenkameradin Marion am U-Bahnhof Paulsternstraße und stieg in die U7, die mich direkt zum Bayerischen Platz in Berlin-Schöneberg brachte. Onkel und Tante meines Klassenkameraden Thomas hatten zugesagt, mich für eine Woche zu beherbergen, in der ich dann versuchen wollte, eine Wohnung zu finden, was damals genauso unmöglich war, wie heutzutage, was ich damals aber noch nicht wusste. Eine der beiden Töchter räumte ihr Zimmer für mich, am nächsten Tag schrieb ich mich an der Technischen Universität als Lehramtsstudent ein. Es war Herbstanfang, die Uhren wurden in Kürze um eine Stunde zurückgestellt, was ich aber auch erst nach ein paar Tagen zufällig mitbekam.
Das Einschreiben an der Technischen Universität war erstaunlich problemlos gewesen, ich wählte neben meinem Herzensfach Biologie noch das Fach Deutsch (jeweils Lehramt), womit ich durch dieses Korrekturfach meinem späteren Leben einen Haufen nervige Zusatzarbeit bescherte, ohne mir jedoch damals dieses Umstandes bewusst zu sein. Nun hieß es also nur noch, sich jetzt zügig eine eigene Wohnung "zu nehmen" und dann konnte der Umzug erfolgen.
Eine Wohnung in Berlin "nehmen" (1987)
In West-Berlin war der Wohnungsmarkt 1987 ähnlich desolat wie heute. Es gab zwar billigen Wohnraum in teils geradezu mittelalterlich anmutenden Wohnungen (Toilette eine halbe Treppe tiefer oder gar auf dem Hinterhof, Kachelöfen statt Zentralheizung), diesen jedoch "für 'nen Appel und 'nen Ei" - WENN man denn an einen solchen kam. Man kam dran - über Freunde und Bekannte in Berlin (ich hatte keine) oder Makler, wenn man ein gutes Einkommen hatte (ich hatte keins, außer einem nicht nachweisbaren, gleichwohl ausreichenden monatlichen Taschengeld von Vater und Tante).
Ich kaufte mir eine BZ (Berliner Zeitung West) und rief aus einer Telefonzelle ein paar Nummern an von Wohnungen, deren Lage mir nichts sagte, aber deren Miete mir bezahlbar vorkam. Hier und da gab es gleich Absagen, aber ich erhielt auch einige zeitnahe Besichtigungstermine.
Schon die erste Besichtigung war ernüchternd. Ein riesiger Haufen Wohnungssuchender umgab mich, ein fülliger Makler, der aussah wie eine Mischung aus der Karikatur eines Kapitalisten und dem Pinguin-Mann aus Batman II, bahnte sich seinen Weg durch die Masse und wankte zur Mitte des Wohnungsflurs. Dort rief er bei einer uneleganten 360-Grand-Drehung, an uns gerichtet: "Wer ist hier Student?" Freudig meldet ich mich: "Hier!" Er wartete eine Sekunde lang - und sagte dann: "Raus!"
Drei oder vier weitere Besichtigungen später war ich mental an einem Tiefpunkt angelangt. Zwar hatten auch einige Makler mich einmal etwas gefragt, aber weder hatte ich einen Einkommensnachweis noch eine Mietbürgschaft vorzuzeigen, und so endete die erste Runde der Suche kläglich. Beim letzten Objekt hatte ich nicht einmal den Hauch einer Chance auf ein 127-DM-Objekt mit Hinterhof-Klo, weil mein Hinweis "Mein Vater bekommt Rente und kann das bezahlen!" nicht ausreichte.
Ich rief zu Hause an. Mein Vater sprach mir Mut zu. "Wenn es gar nicht klappt, komm halt wieder zurück. Uns fällt dann schon etwas anderes ein." Es war sehr nett von ihm, immerhin fiel ich so nicht ins Bodenlose. Zudem schickte er mir per Post eine Mietbürgschaft.
Ein erfolgreich eingeschriebener Student, aber ohne Wohnung? Einen letzten Besichtigungstermin hatte ich noch. Die Wohnung war eigentlich viel zu teuer (650 DM), ich hatte quasi keine Hoffnung, dass man mich länger als eine Minute in den Räumlichkeiten dulden würde. Ich spazierte vorher durch Moabit, und weil ich noch Zeit hatte, setzte ich mich in ein Café und bestellte ein Weizenbier, das ich in einem Zug leerte. Spielte jetzt ja auch keine Rolle mehr. Dann ging ich zur Besichtigung.
Eine ältere Dame stand vor der Tür und entpuppte sich als die zuständige Maklerin. Ich war der einzige Interessent. Wir plauderten, ich (vom Weizenbier noch in gelöster Stimmung) nahm alle guten Manieren zusammen und präsentierte mich als angemessen interessiert, stellte ein paar freundliche Fragen und mich als "Student der Technischen Universität" vor (das Wort "Lehramt fiel nicht), dessen solventer Vater natürlich die Miete würde zahlen können. Sie (fälschlich davon ausgehend, sie habe es mit einem künftigen Ingenieur zu tun) beäugte mich freundlich und sagte dann: "Die Wohnung ist ja vielleicht etwas zu teuer für Sie, ich habe Freitag noch eine Besichtigung in Reinickendorf, die Wohnung kostet nur die Hälfte, möchten Sie sich die mal anschauen?" "Aber gern.", antwortet ich und wir verblieben so.
Ich frage Thomas' Verwandte, ob sie mich noch eine Woche ertragen könnten, was diese netterweise zusagten. Die Töchter nahmen mich ein wenig an die Hand und gingen mit mir unter anderem auf ein Volksfest, und ich erfuhr nützliche Dinge, etwa, wie man in Berlin Aschenbecher leert (Aschenbecher verschwindet kurz unter dem Tisch, Aschenbecher wandert unauffällig wieder leer auf den Tisch zurück).
Bei der Freitagsbesichtigung waren dann leider auch wieder acht Mitbewerber vor Ort. Sympathische Paare mit Rollkragenpullis und diverse Mitmenschen, die sicher stattliche Gehaltsnachweise hatten. Am Schluss ging ich zur Maklerin und betonte erneut mein Interesse, wies aber dezent auf die mir wohl überlegenen Mitbewerber:innen hin. "Nein, ich werde Sie dem Vermieter empfehlen.", sagte sie, "ich habe Sie ihm gegenüber bereits erwähnt, und er hatte keine Bedenken.
Kurz und gut: Ich wohnte dann zehn Jahre glücklich in dieser meiner ersten eigenen Wohnung, erlebte Mauerfall, heiratete, zeugte Kinder, zog noch zweimal in Berlin in bessere Gebiete um, die heute unbezahlbar sind, und 2006 dummerweise zurück nach Nordrhein-Westfalen.
Im Exil
Jeden Morgen weckte mich im trostlosen Remscheid, der kleinsten kreisfreien Großstadt NRWs, der Berliner Sender Radioeins mit der Frühsendung "Der schöne Morgen". Die Moderatoren Christoph Azone, Stefan Rupp, Julia Menger, Kerstin Hermes, Marco Seiffert und Tom Böttcher waren meine ganz persönlichen Hausgötter. Die Radiomusik in Nordrhein-Westfalen war eine Katastrophe, eine schier endlose Wiederholung von 80er-Jahre-Titeln, die ich seit 1985 in- und auswendig kannte, während die Berliner Musikredaktion ständig Neues und Hippes in meine Ohre flutete.
Während man sich in Berlin bei Verkehrsmeldungen wie "Auf der A10 Berliner Ring, Höhe Hellersdorf, liegt ein totes Wildschwein auf der Fahrbahn." wohl eher ekelte, bekam ich wohlige Gänsehaut, weil ich an die Berlin-Brandenburger Autobahnfarbe (etwas heller) dachte und Heimweh nach Kiefern und Sandböden des in der Eiszeit entstandenen Berliner Urstromtals verspürte.
Irgendwann sah ich einmal nach langer Zeit wieder den Wim-Wenders-Film "Der Himmel über Berlin".
Ich hatte sofort eine Sehnsuchtsträne im Auge. Ich sah mein altes West-Berlin, ich fühlte die Stadt, ich hörte sie mir zurufen: Wo bist du? Warum bist du fortgegangen? Bruno Ganz und Otto Sander spazierten als Engel durch die Staatsbibliothek am Kulturforum. Einen solchen Ort gab es nicht in meiner nordrhein-westfälischen Umgebung. Peter Falk ging, sich selber spielend, über das Gelände des Anhalter Bahnhofs, vorbei an einer Gruppe Handwerker, die sich ungläubig nach ihm umdrehte und ausrief: "Ey, wat denn? Is det Columbo?" "Nöö, gloob ick nich. Doch nich mit dem schäbigen Mantel. Der rennt doch hier nicht durch die Pampe."
Einige Szenen später steht Falk mit dem Engel Damiel (Bruno Ganz) ebendort an einem kleinen Imbiss. Falk kann den Engel nicht sehen, aber er spricht mit ihm: "I can't see you, but I know you're here." Der Imbissbesitzer lauscht ungläubig und hält ihn für bescheuert.
Am Ende reicht der Sichtbare dem Unsichtbaren seine Hand. Der Engel schlägt ein - und wird bald darauf zum Menschen.
Glück
2020 machte meine jüngste Tochter Abitur und beschloss, zurück nach Berlin zu ziehen. Als ihre dortige 4er-WG dann im Folgejahr ins Trudeln geriet, richtete ich für sie eine Immoscoutsuche ein und schrieb Anbietern, dass ich für mich oder für meine Tochter eine Wohnung in Berlin suchen würde. Ich bekam quasi nie Antworten, aber irgendwann kam dann doch einmal eine Einladung zur Besichtigung. Ich hatte den Schreibtisch voller Klausuren, natürlich keinerlei Zeit, und bat die Tochter, sich die Wohnung einmal anzusehen; - wenn es für sie nichts wäre, solle sie sie halt für mich klar machen, sagte ich scherzhaft. "Nee, Spandau ist nichts mehr für mich.", sagte die Tochter, "Aber schick mir mal Scans deiner Unterlegen!"; sie ging für mich zur Besichtigung, ging mit meinen Gehaltsnachweisen und sonstigen Bescheinigungen in der Hand hin, - und machte die Wohnung für mich klar. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Am Samstag danach fuhr ich hin und unterschrieb den Mietvertrag. Am 30. März 2023 arbeitete ich noch in Remscheid, verabschiedete mich von meiner Klasse, stieg ins Auto, fuhr 540 km nach Osten - und war wieder Berliner.
Ich gehe noch heute oft an den ehemaligen Drehorten des "Himmels über Berlin" vorbei, nicke dann hinüber zu meinen unsichtbaren Engeln und murmele: "I can't see you, but I know you're here. Compañero."
Schlusswort.
Was mich in Berlin glücklich macht.
Die Spree im Morgenlicht glitzern sehen.
Die Stille in der in blaues Licht getauchten Gedächtniskirche genießen.
Mit der U-Bahn überirdisch durch Kreuzberg fahren.
Vor einem Schinkel-Museum sitzen.
Kaffee am kleinen Imbiss.
Spazieren gehen in der sommerheißen Stadt.
Das Urstromtal sehen, wo andere nur Auto fahren.
Einen Sonnenaufgang hinter dem Fernsehturm erleben.
Über buntes Herbstlaub hinweg das Stadtschloss betrachten.
Gedenktafeln an Gebäuden lesen und wissend nicken.
Den Ort eines historischen Ereignisses sehen, den heute niemand mehr kennt.
Mit einem türkischen Imbissbesitzer herumscherzen, der einen schon beim zweiten Besuch wiedererkannt hat.
Gräber berühmter Menschen auf Friedhöfen besuchen und ab und zu ein "Danke!" in Richtung eines Grabes nicken.
Die "Berliner Schnauze mit Herz" der Frau an der Eck-Tanke lieben.
Die Berliner Stadtreinigung am Neujahrsmorgen bewundern.
Vom Denkmal auf dem Kreuzberg rundum auf die Stadt blicken.
Auf der Oberbaumbrücke in eine Demo flippiger Alternativer geraten.
Nach rechts zum Goethe-Denkmal und nach links zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas blicken und über Deutschland nachdenken.
Die Vielfalt der Menschen morgens in der U-Bahn in sich aufnehmen - und die Vielfalt ihrer Ideen und Gedanken.
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Berlin - ich liebe dich von ganzem Herzen.


